Deutschland ergeht es so ähnlich wie seinem besten Autorennfahrer. Sebastian Vettel fährt von Sieg zu Sieg – und wird sowohl in Europa als auch in Übersee ausgepfiffen. Die Bundesrepublik eilt als Exporteur von Rekord zu Rekord und bekommt dafür nichts als Buhrufe zu hören.

Die EU-Kommission kritisiert, dass die Deutschen gegen eine europäische Regel verstoßen haben: Sie verkauften anderen Ländern deutlich mehr, als sie ihnen abkauften, und dieser Überschuss war zuletzt etwas größer als vorgesehen. Jetzt überlegt Brüssel, wie schlimm das deutsche Vergehen ist. Immerhin ist der zuständige Kommissar vorsichtig im Ton.

Das kann man von den Amerikanern nicht behaupten. In harschen Worten kritisiert die Regierung in Washington die Deutschen und ihren Überschuss. Eigentlich richtet sich die regelmäßige Überprüfung der Handelspartner gegen Länder, die den Kurs ihrer Währung künstlich niedrig halten, damit ihre Waren für die Kunden in Amerika billiger werden und gleichzeitig amerikanische Produkte bei ihnen zu Hause teurer. Handelsschummler also. Den Vorwurf macht Washington besonders China, der Werkbank der Welt und vor allem der USA.

Deutschland hat gar keine eigene Währung, und es gibt keine Indizien dafür, dass die Europäer den Euro-Kurs manipulieren. Nur hält das die Amerikaner diesmal nicht davon ab, die Deutschen so hart zu kritisieren wie ihren ökonomischen Lieblingsfeind in Fernost. Ginge es nach ihnen, sollte Deutschland die Löhne steigen lassen und mehr Schulden aufnehmen, um mit dem Geld das Wachstum anzufachen. Dass sie damit die Kanzlerin verärgern, sollten sie wissen, schließlich kennen sie deren Telefonverkehr in- und auswendig.

Undementiert bleibt auch die Nachricht, dass der Vize-Chef des Internationalen Währungsfonds den deutschen Überschuss in Berlin hart gerügt hat. Demnach forderte er jüngst von den Deutschen eine Art Rückkehr zur Planwirtschaft – sie sollten eine Grenze für ihren Handelsüberschuss festlegen. Wie stellt er sich das vor? Von Mitte November an wird dann einfach nicht mehr exportiert? Schluss, aus, soll die Welt eben sechs Wochen warten.

Im Ernst dürfte er es ganz so nicht gemeint haben – aber wohl doch so: Die Deutschen sollen ihre Wirtschafts- und Tarifpolitik ganz darauf ausrichten, dass sie der Welt weniger verkaufen und ihr mehr Waren abnehmen. Diese Forderung wird zur Manie, und sie kommt nicht nur von Angelsachsen, die im Boom den Markt predigen und im Abschwung die Staatsschuldenpolitik. Auch die Präsidentin des Währungsfonds, Christine Lagarde, ist bekannt dafür, dass sie den Deutschen ihren Überschuss vorhält. Und die ist Französin.

Die Welt vergisst es gern: Deutschland bewältigte die Wiedervereinigung

Die Bundesregierung ist von der Kritik mindestens so irritiert wie Sebastian Vettel von den Buhrufen in Monza oder Singapur. Und die deutsche Exportindustrie fühlt sich so, als sollte sie dafür bestraft werden, dass sie einfach gut ist. Man kann die Kritik aus deutscher Sicht also empört abwehren als eine Mischung aus Neid und der Freude daran, die Besserwisser aus Berlin selbst mal unter Druck zu setzen. Man kann aber auch die Emotion beiseiteschieben und sich den Kern des Arguments anschauen. Das Ergebnis ist allerdings das gleiche: Je tiefer man einsteigt, desto absurder wird die mantrahaft wiederholte Kritik.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

So vergisst die Welt allzu leicht, dass Deutschland eine Wiedervereinigung zu bewältigen hatte. Ökonomisch hieß das, es kam noch einmal ein Drittel der Bevölkerung zur westdeutschen Wirtschaft hinzu, mit anderer Erfahrung, anderer Ausbildung und natürlich anderen Produktionsmitteln. Der Staat nahm viel Geld in die Hand, und aus dem Exportland D wurde eine Importnation: In den neunziger Jahren führte Deutschland mehr ein als aus. Doch es übernahm sich dabei auch und wurde, wie die Angelsachsen sagten, zum "kranken Mann Europas". Ihr Mantra war damals ein anderes: Deutschland müsse sich reformieren und als Lokomotive Europa ziehen, statt sich von den Nachbarn ziehen zu lassen. Genau das geschah dann, der Staat sparte, die Arbeit wurde flexibler und im Vergleich zu den Nachbarn billiger, die Industrie innovativer, und Deutschland wurde wieder zur Exportnation. Man könnte also sagen, die Deutschen haben die ihnen vom Rest der Welt aufgegebenen Hausaufgaben gemacht, nur offenbar zu gründlich. Das passt den anderen dann auch wieder nicht.

Zu den ausländischen Kritikern gesellen sich die heimischen, die auch meinen, der Staat sollte mehr Geld aufnehmen und ausgeben und die Löhne sollten schnell steigen. Das macht die Aufforderung zum Konsumrausch aber nicht besser. Deutschland ist in der Staatsschuldenkrise der Garant Europas und steht schon selbst mit rund 80 Prozent seiner jährlichen Wirtschaftsleistung in der Kreide. Wenn also Berlin bei guter Konjunktur weiter Schulden machte, würde die europäische Finanzlage insgesamt nur noch prekärer, als sie es durch die Schieflagen im Süden und im äußersten Westen ohnedies noch immer ist. Außerdem würde Berlin damit sogar gegen die Lehre von John Maynard Keynes verstoßen, auf den sich viele Kritiker doch berufen. Dem britischen Ökonomen schwebte vor, dass ein Land Schulden abbaut, wenn es ihm gut geht.

Die Deutschen haben es nicht in der Hand, ihnen fehlt die eigene Währung

Was die Löhne angeht, so steigen sie längst und mit ihnen die Konsumkraft des Landes, allerdings mit Maß, wie es in der Bundesrepublik üblich ist. Gleichzeitig hat Berlin die Krisenländer in der Währungsunion gedrängt, ihre Arbeitskosten zu senken, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Das Ergebnis: In der Zeitspanne von 2007 bis 2012 hat sich der Überschuss der Deutschen gegenüber den anderen Euro-Ländern von 4,4 Prozent auf 2,2 Prozent der Wirtschaftsleistung halbiert.

Innerhalb des Währungsraums ist also genau das geschehen, was die Welt verlangt. Kritisiert werden die Deutschen in Wahrheit dafür, dass ihr Überschuss im Handel mit Asien und Amerika wächst. Bloß haben sie diese Entwicklung am allerwenigsten in der Hand – weil sie eben keine eigene Währung haben.