Eines der Erfolgsgeheimnisse der Kanzlerin ist, jederzeit das Erwartbare zu tun. Man könnte auch sagen: Sie erfüllt die Erwartungen der Deutschen, zumindest der Mehrheit von ihnen – das gilt für den beschleunigten Atomausstieg genauso wie für den Sparkurs in Europa oder, ganz aktuell, die Koalitionsgespräche in Berlin. Wenn in Japan ein Atomkraftwerk kollabiert, dann beschließt Angela Merkel in Deutschland die Energiewende; wenn in Europa der Euro (fast) kollabiert, dann drängt sie die Krisenländer des Südens zum Sparen. Was die Bürger erwarten und die Kanzlerin ihnen bietet, ist fast immer eins, und diese Art von Erwartungsmanagement hat für Merkel einen großen Vorteil: Sie steht in der Öffentlichkeit zum jeweils richtigen Zeitpunkt glänzend da. Sie bestimmt die Schlagzeilen. Dass die Energiewende hakt und ruckelt, ist dann schon nicht mehr ihr Problem (sondern das der Fachminister, Stromerzeuger, Stromkunden, also: aller anderen). Genauso wie die Folgen der Merkelschen Europapolitik – etwa die Arbeitslosen in den Südländern – nicht mit der Kanzlerin nach Hause gehen, sondern den "reformmüden Krisenstaaten" (vulgo: den faulen anderen) angelastet werden.

Zu Merkels Erzählungen gehört seit dem Beginn der Krise auch, die Finanzmärkte regulieren zu wollen – mit einer neuen Steuer. Die hat einen langen Namen (Finanztransaktionsteuer), aber was sie bewirken soll, lässt sich recht kurz erklären: Sie soll die Spekulanten zähmen, die Staatshaushalte sanieren, den Armen zugutekommen und Merkels Ruhm mehren. Ein bisschen viel auf einmal ist das, zum Teil widersprechen sich die Ziele auch, und ob die Steuer überhaupt etwas bewirken würde, darüber streiten sich die Experten. Im Ausland verspotten sie die Steuer schon als fairy-tale tax, als Märchensteuer, weil sie so viele Wünsche erfüllen soll und wahrscheinlich nie in Kraft treten wird. Aber wie bei jedem Märchen verfängt das Ganze, ungeachtet der Ungereimtheiten; die Rollen von Gut (Merkel) und Böse (Finanzmärkte) sind klar verteilt; und wie immer gibt es einen Haufen Naivlinge, die alles glauben – in diesem Fall sind es die Sozialdemokraten.

Man muss nur einmal nachzählen, wie oft die Kanzlerin seit dem Ausbruch der Krise die Einführung der FTT verkündet hat. Die Steuer kam nie. Aber die SPD jubelte jedes Mal. Das mag auch damit zu tun haben, dass Merkel die Idee zu dieser Steuer – wie so viele ihrer wirtschaftspolitischen Initiativen – von der SPD übernommen hat. Und wie bei all diesen Ideen sind die Sozialdemokraten unheimlich stolz darauf, dass sie es waren, die ursprünglich darauf kamen – selbst wenn die Öffentlichkeit das gar nicht mehr weiß. Es ist jetzt Merkels Steuer. Und Merkel nutzt sie, wenn es ihr günstig erscheint.

So war es im Herbst 2009, wenige Tage vor der Bundestagswahl, als die Staats- und Regierungschefs der G 20 in Pittsburgh zusammenkamen. Da war es fast sicher, dass Merkel demnächst mit der FDP regieren würde, aber die Liberalen waren eben auch nicht als Bankenbändiger bekannt. Zur Beruhigung der Deutschen zauberte Merkel die FTT hervor.

So lief es fortan vor fast jedem größeren Gipfel, ob in Brüssel oder sonst wo auf der Welt: Merkel versprach die neue Steuer. Und als die SPD im Bundestag gegen den Fiskalpakt – Merkels wichtigstes europäisches Sparprojekt – stimmen wollte, bekam sie: Merkels Versprechen für die neue Steuer. Bloß einlösen musste Merkel ihr Versprechen nie.

Seit vier Jahren geht das jetzt so. Und weil die SPD so schön mitmacht, geht es immer weiter. Bei den Koalitionsverhandlungen haben sich Union und SPD jetzt "darauf verständigt, sich für die Einführung einer Finanztransaktionsteuer einzusetzen". Wie zu erwarten war.

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