"Was machen die den ganzen Tag?"

Ein Wirtshaus in Friedberg, einer Stadt im schwäbischen Teil Bayerns. Ganz Deutschland diskutiert in diesen Tagen über Flüchtlinge: Sind es zu viele? Wo sollen sie leben? Haben wir Mitschuld, wenn sie vor Lampedusa ertrinken? In immer mehr Orten wird aus abstrakten Debatten konkreter Streit – in Berlin-Hellersdorf, wo sich Gegner und Unterstützer eines Asylbewerberheims gegenüberstehen, in Hamburg, wo die Stadt um den richtigen Umgang mit Flüchtlingen ringt, in Wolgast, wo Asylbewerber von einem Sicherheitsdienst bewacht werden mussten.

Auch im 470-Einwohner-Dorf Anwalting in Bayern kochten die Emotionen hoch, als es hieß: Ihr müsst Asylbewerber aufnehmen. Die ZEIT hat die Menschen, die in diesem Streit bisher mehr über- als miteinander geredet haben, an einen Tisch gebeten. Und da Anwalting noch nicht mal eine Kneipe hat, sitzen sie jetzt im nahe gelegenen Friedberg im holzgetäfelten Wirtshaus: die Flüchtlinge Akhtar Nabi und Ahmed Said*, die beiden Anwaltinger Bürger Georg Engelhard und Werner Zwick, Landrat Christian Knauer von der CSU, dessen Ausländerbeauftragte Sabine Ahlers und Martina Scheicher, die ein Bauernhaus an die Asylbewerber vermietet. Hinzugekommen sind Ursula Gräfin Praschma vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg und der Asylanwalt Hubert Heinhold aus München.

DIE ZEIT: Herr Engelhard, wir sitzen hier zusammen, weil Ihr Dorf kürzlich aus den Fugen geraten ist: Sie alle werden Nachbarn eines neuen Flüchtlingsheims. Erzählen Sie mal.

Nachbar Georg Engelhard: Ja, also ... (räuspert sich) ... ich vertrete unseren wirklich kleinen Ort Anwalting als CSU-Gemeinderat in der Gemeinde Affing, die wiederum zum Landkreis Aichach-Friedberg gehört. Wir sind 470 Bürger. Und vor einiger Zeit haben wir erfahren, dass der Herr Landrat bei uns 40 Asylbewerber unterbringen will. Genaueres wussten wir nicht: Was machen wir mit denen? Und was machen die den ganzen Tag bei uns?

Nachbar Werner Zwick: Wir haben ja keinerlei Infrastruktur, noch nicht mal ein Geschäft.

Nachbar Engelhard: Da kamen Ängste hoch.

ZEIT: Welche?

Nachbar Engelhard: Vor dem Unbekannten, was auf einen zukommt. Genau kann man das nicht benennen.

Vermieterin Martina Scheicher: Ich kann das schon. Frauen sagten: "Ich trau mich nicht mehr aus dem Haus."

ZEIT: Frau Scheicher, Sie haben sich entschlossen, das frisch renovierte Elternhaus Ihrer Mutter ans Landratsamt zu vermieten, als Flüchtlingsunterkunft. Was haben Sie von Ihren Nachbarn zu hören bekommen?

Vermieterin Scheicher: Besonders mein Vater wurde angegangen, er war ja öfter auf der Baustelle, als wir renovierten. Da kamen die Nachbarn voller Besorgnis: "Wir können unsere Kleinen nicht mehr auf die Straße lassen!"

ZEIT: Uns wurde erzählt, manche Anwohner hätten ihre Kinder vor Menschenfressern gewarnt, die da kämen.

Vermieterin Scheicher: Sie haben meinem Vater sogar vorgeschlagen: "Wir helfen dir, andere Mieter zu finden!"

Nachbar Engelhard: Aber nicht alle haben so geredet, Martina, das weißt du. Es ging von "Wir nehmen keinen einzigen!" bis "Wir stehen doch in unserer Christenpflicht!".

ZEIT: Herr Said, bekommen Sie mit, dass in Deutschland derzeit über Menschen wie Sie diskutiert wird? Wissen Sie von der Angst im Dorf?

Ahmed Said ist Syrer. Drei Monate dauerte seine Flucht aus der kriegszerstörten Stadt Hama über Nordafrika bis München, seit wenigen Tagen ist er in Anwalting. Er spricht noch kein Deutsch und auch kein Englisch, ein Dolmetscher übersetzt für ihn. Die beiden reden eine Weile auf Arabisch, Said wirkt verschüchtert.

"Was machen die den ganzen Tag?"

Dolmetscher: Er sagt, er ist überrascht. Er wusste nichts davon. Er hat sich über den Frieden in Anwalting gefreut. Er kennt das nicht, dass jeder am Tisch offen seine Meinung sagt.

Landrat Christian Knauer: Jetzt muss ich mal was sagen: In Anwalting bin ich immer sehr herzlich empfangen worden – aber als es um die Asylbewerber ging, war da eine Stimmung, wo man mich gerade noch gegrüßt hat.

ZEIT: Es gab eine Versammlung, in der Sie die Anwaltinger überzeugen wollten, die Flüchtlinge aufzunehmen.

Landrat Knauer: Da gab es schon sehr bemerkenswerte Äußerungen, von der Angst vor Überfremdung bis hin zu: Wer ist schuld, wenn den Kindern was passiert?

Nachbar Engelhard: Meine Familie lebt seit 1726 hier in der Gegend, so ist es nun mal auf dem Land. Das ist das bayerische Naturell: Da wird nicht diplomatisch formuliert, aber das ist nicht böse gemeint.

Landrat Knauer: Dann wollte man einem Journalisten auch fast die Teilnahme an dieser Sitzung verweigern.

Nachbar Engelhard: Wissen Sie auch, warum? Weil in der Zeitung immer stand: "Anwalting wehrt sich gegen Asylbewerber"! Sogar mit meiner Schwägerin bin ich mir in die Haare geraten, die hat mich am Telefon gefragt, ob wir spinnen. Dabei habe ich nur verhandelt, bevor die Volksseele hochkocht. Wir hatten uns alle zusammengesetzt: Leute von der Anwaltinger Feuerwehr, dem Frauenbund, dem Krieger- und Soldatenverein, der Volkstanzgruppe, der Pfarrgemeinde. Am Ende waren wir uns einig: Wir nehmen nicht vierzig, sondern die Hälfte! Zwanzig ist das, womit wir leben können. Das hat der Landrat dann ja auch akzeptiert.

Landrat Knauer: Nicht akzeptiert habe ich alle anderen Forderungen des Ortes, Herr Engelhard. Die waren unannehmbar. Zum Beispiel, dass die Anwaltinger nach einem Jahr abstimmen wollten, ob die Flüchtlinge gehen müssen oder bleiben dürfen.

ZEIT: Genau das ist Herrn Nabi widerfahren – in Tattenhausen, nicht weit von Anwalting im selben Landkreis und noch viel kleiner. Dort haben die 80 Einwohner gerade mehrheitlich gesagt: Wir wollen die 37 Flüchtlinge, die in einem leer stehenden Haus untergebracht sind, nicht mehr in unserem Dorf. Wie geht es Ihnen damit, Herr Nabi?

Akhtar Nabi: Guten Tag. Ich komme aus Afghanistan. Ich habe ein bisschen Deutsch gelernt. Ich wohne seit acht Monaten in Tattenhausen. Wir haben viele Probleme da. Ich kann nicht sagen alles in Deutsch, deshalb muss ich auch englisch sprechen ...

Akhtar Nabi spricht fortan ein geschliffenes Englisch, das gespickt ist mit deutschen Bürokratievokabeln: "Landratsamt", "Residenzpflicht" und "Verlassenserlaubnis". Zum besseren Verständnis haben wir die meisten seiner Aussagen ins Deutsche übersetzt.

Nabi: Die Deutschen bauen Maschinen und sind wie Maschinen. Kalt. Wenn ich in Tattenhausen auf der Straße stehe, grüßen sie nicht. I say Servus, and they look away. Wir haben keine Chance, sie kennenzulernen. Und sie wissen nicht, wer wir sind. Jetzt haben sie abgestimmt. Sie wollen uns nicht mehr. Wir waren geschockt, einer von uns hat sogar geweint: "Was habe ich getan?"

ZEIT: Ende des Jahres müssen Sie nun umziehen, in einen Landgasthof im Nachbarort.

Dolmetscher: Herr Said will hier mal was sagen. Er fühlt sich bislang in Anwalting willkommen. Die Flüchtlinge wurden mit vegetarischer Pizza begrüßt. Und in den fünf Tagen, die er hier ist, kamen immer wieder Menschen und versuchten, mit ihm zu reden – nur dass er leider noch kein Deutsch versteht.

Vermieterin Scheicher: Eine Frau aus dem Ort hat Wörterbücher besorgt, damit man mal was nachschlagen kann. Es war auch jemand da, der arabische Sender eingestellt hat. Auf dem Wertstoffhof schauen die Leute: Funktionieren die alten Receiver noch? Haben wir noch ein altes Fahrrad? Wir haben denen auch schon die bayerische Mülltrennung beigebracht. Wir hatten auch schon einen Geburtstag. Ein Nigerianer hat mir ganz stolz einen Kuchen präsentiert, den eine Nachbarin vorbeigebracht hat.

Anwalt Hubert Heinhold: Ich mache seit dreißig Jahren meinen Job als Anwalt, Asylrecht ist mein Schwerpunkt – und ich habe noch nie so eine Hilfsbereitschaft erlebt wie jetzt, in der Bevölkerung, von Kirchen und Verbänden. Das funktioniert aber nur, wenn die Leute nicht das Gefühl haben, es wird ihnen was von oben aufgedrückt.

ZEIT: Frau Ahlers, in Ihrem Landkreis, der flächenmäßig etwas größer als Hamburg ist, sind Sie für die Unterbringung der Flüchtlinge zuständig. Wie schwierig ist das?

Verwaltungsbeamtin Sabine Ahlers: Sehr schwierig! Wir haben schon 226 Asylbewerber aufgenommen – und jede Woche teilt uns der Bezirk zehn neue zu. Bei uns ist ein Mitarbeiter nur noch damit beschäftigt, Zeitungsannoncen zu studieren, Anzeigen zu schalten, Immobilienseiten im Internet zu durchsuchen, zu telefonieren. Aber es ist alles voll: Wir liegen an der Achse München–Augsburg, Wohnraum ist knapp. Wir schreiben regelmäßig die Bürgermeister an, die Vereine, die Pfarrer, die Adligen: Habt ihr Platz? Wisst ihr jemanden?

ZEIT: Und?

Verwaltungsbeamtin Ahlers: Von all den Pfarreien im Landkreis haben wir zwei Absagen bekommen, die anderen haben sich gar nicht erst gemeldet. Wir sind kurz davor, Turnhallen zu schließen, um all die Flüchtlinge unterbringen zu können. Diese Dramatik ist bei den Menschen noch nicht angekommen.

ZEIT: Herr Said, warum sind Sie nach Deutschland geflohen? Und wie?

Ahmed Said spricht mit seinem Dolmetscher, es fallen Wörter wie "Baschar", "Libya", "Polizia". Die beiden reden lange.

Dolmetscher: Herr Said sagt, er ist Sohn eines Bauern und 18 Jahre alt. Das Alter, in dem Syrien junge Männer zum Militär einzieht. Er sagt, er wollte nicht seine eigenen Landsleute ermorden im Auftrag von Baschar – in Deutschland: Assad. Deshalb hat er sich in einem Taxi von Syrien nach Jordanien schmuggeln lassen und dort einen Monat auf Baustellen gearbeitet, um neues Geld für die nächsten Schleuser zu verdienen. Dann ist er weiter nach Ägypten und musste sich zwei Wochen in einem Erdloch verstecken. In Libyen ist er in eine Schießerei geraten, wahrscheinlich zwischen Soldaten und Schmugglern. In einer Nacht ist er mit 250 anderen Flüchtlingen auf einem Holzboot übers Mittelmeer nach Italien.

"Was machen die den ganzen Tag?"

ZEIT: Nach Lampedusa?

Dolmetscher: Sizilien. Er sagt, die Polizisten dort hätten ihn geschlagen, damit er seine Fingerabdrücke abgibt. Das hat ihn erschreckt und verletzt. Er ist dann mit dem Zug nach München.

ZEIT: Herr Nabi, was wussten Sie über Deutschland, bevor Sie kamen?

Nabi: Ich lese Zeitungen und schaue fern. Ich wusste: Deutschland ist das stärkste Land in Europa. Die Menschen hier bauen Autos. Selbst jetzt in der Krise hat Deutschland keine Krise. Ich dachte: In Deutschland habe ich eine glänzende Zukunft. Ich werde Arbeit finden.

ZEIT: Deshalb sind Sie gekommen?

Nabi: Mein Plan war: Geh in ein Land, in dem du sicher bist, und bitte um Asyl. Ständig wandern bei uns in Afghanistan Menschen aus, ich kenne ihre Geschichten. Einige schaffen es nach Schweden oder Norwegen, reiche Länder. Andere bleiben in Ungarn oder Rumänien stecken. Nicht so gut.

ZEIT: Und wie ist Deutschland?

Nabi:I like Deutschland – but: Bayern ist kompliziert. Viel Land, wenig Menschen. Auf der einen Seite ist Wald, auf der anderen Feld ...

Lachen in der Runde, nur Akhtar Nabi schweigt.

Nabi: Wissen Sie was: Es gibt nichts in Tattenhausen. Kein Geschäft, keinen Arzt, keinen Bahnhof. Ich laufe 40 Minuten zu Fuß nach Dasing, wo die nächsten Busse fahren. Aber: Es gibt Busse in Tattenhausen. Jeden Morgen halten sie bei uns, doch sie nehmen uns nicht mit. "Das ist ein Schulbus", sagen die Fahrer. "Ihr dürft nicht einsteigen." Obwohl noch Plätze frei sind.

Landrat Knauer: Ist das ein Problem für einen Menschen, der um sein Leben gefürchtet hat?

Nabi: Es geht mir um Gerechtigkeit. In München haben die Flüchtlinge alles in der Nähe und können sich Kleidung kaufen. Hier kriegen wir alles halbe Jahr einen Gutschein über 35 Euro. Davon können wir uns bei der Caritas gebrauchte Kleider holen. Aber was kriegt man schon für 35 Euro?

ZEIT: In Bayern gilt zum Teil noch das Sachleistungsprinzip (siehe oben). Aber außer Gutscheinen bekommt Herr Nabi 137 Euro Taschengeld. Und statt eines Essenspakets auch 136,21 Euro für Lebensmittel. Ist das genug, Herr Landrat?

Mit verschränkten Armen dreht sich der Landrat zu Akhtar Nabi.

Landrat Knauer: Ich erlaube mir da schon zu sagen: Meine Familie ist nach dem Zweiten Weltkrieg von Deutschland nach Deutschland vertrieben worden. Meinen Eltern wäre nie eingefallen, nach ein paar Wochen hier zu reklamieren: "Neue Kleidung!" Die waren froh, dass sie einen Sack Stroh bekommen haben! Diese Anspruchshaltung ...

Anwalt Heinhold: Anwalt Heinhold: ... aber Herr Landrat! Das ist völlig daneben. Der Flüchtling heute lebt in einer anderen Zeit. Was er beklagt, ist nicht primär das schlechtere Jackett, sondern die Ungleichbehandlung, die Isolation. Es geht bei Flüchtlingen immer auch um das Wiedergewinnen von Würde. Bringt man mir Respekt entgegen?

Vermieterin Scheicher: Also, Herr Ich finde, wir haben hier wunderschöne, idyllische Orte. Und als Studentin musste auch ich jeden Tag mit dem Bus nach Augsburg fahren. Ich sage Ihnen: Es war kein Problem. Von uns kommt man sehr wohl mit dem Fahrrad in die Stadt.

ZEIT: Gräfin Praschma, Sie leiten im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Abteilung, die über alle Asylanträge in Deutschland entscheidet. Die beiden Männer hier am Tisch, die auf Aufnahme hoffen, kamen aus Italien. Wissen Sie jetzt schon, dass das mit dem Asyl in Deutschland nichts wird?

Ursula Gräfin Praschma: Sie sprechen Dublin II an: inwieweit Deutschland überhaupt zuständig ist, wenn der Flüchtling zuerst italienischen Boden betreten hat. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat in diesem Frühjahr entschieden: In Italien gibt es faire Verfahren, das Asylrecht dort hat keine systemischen Mängel.

Anwalt Heinhold: Anwalt Heinhold: Und wenn Herr Said da schon seinen Fingerabdruck abgegeben hat, dann ist Praxis Ihres Bundesamtes: ab nach Italien! Dann werden Sie ihn zurückschicken, Frau Gräfin.

Gräfin Praschma: Gräfin Praschma: Nicht so schnell. Uns erzählen jetzt immer häufiger Flüchtlinge, dass sie in Italien von einzelnen Behördenmitarbeitern rabiat behandelt wurden. Ich habe Verständnis dafür, dass jemand, der in Italien Schlimmes erlebt hat, nicht dorthin zurückkehren möchte.

Dolmetscher: Herr Said möchte dazu gerne sagen, dass ihm Italien ein wenig wie Syrien vorkam. Er fühlte sich rechtlos. Die Schläge der Polizei. Er hofft in Deutschland auf ein ehrliches Verfahren.

Gräfin Praschma: Gräfin Praschma: Wir prüfen die Lage in Italien gerade und ziehen unsere Schlussfolgerungen daraus.

ZEIT: Ihre Behörde hat im vergangenen Jahr über mehr als 60 000 Asylanträge entschieden. Ihre Leute spielen Schicksal im Akkord. Kann man da überhaupt erkennen, ob ein Flüchtling die Wahrheit sagt?

Gräfin Praschma: Gräfin Praschma: Die Glaubwürdigkeit zu beurteilen ist das Schwierigste überhaupt. Unsere Entscheider werden deshalb von Psychologen geschult. Sie können mit dem Bewerber oft nur per Dolmetscher kommunizieren, hinzu kommen kulturelle Barrieren: Wenn mich jemand beim Sprechen nicht anschaut, muss das nicht heißen, dass er lügt. Es kann auch erlernte Höflichkeit sein. Wichtig ist, dass jemand seinen Vortrag auf Nachfrage mit Details ergänzen kann und sich nicht widerspricht.

Anwalt Heinhold: Anwalt Heinhold: Da gehen Sie jetzt aber vom Optimalfall aus! Bei jedem fünften Antrag entscheiden Ihre Beamten nach Aktenlage, ohne selbst bei der Anhörung dabei gewesen zu sein.

"Was machen die den ganzen Tag?"

ZEIT: Gräfin Praschma, Sie haben Herrn Saids Geschichte gehört. Glaubwürdig oder nicht?

Gräfin Praschma: Gräfin Praschma: Er macht auf mich einen verstörten Eindruck, wirkt traumatisiert. Aber für ein fundiertes Urteil müsste ich ihn natürlich länger befragen.

ZEIT: Herr Nabi, Sie leben mit 36 anderen Flüchtlingen unter einem Dach. Da tauscht man sich doch aus. Erzählt jeder von Ihnen die Wahrheit?

Nabi: Es ist so: Wenn wir unsere wahre Geschichte erzählen, müssen wir sie beweisen können. Viele, die keine Beweise haben oder deren Geschichte unwahrscheinlich ist, erzählen Geschichten, die nicht wahr sind, aber wahr klingen.

ZEIT: Was klingt denn wahr?

Nabi: Dinge, die in Deutschland bekannt sind, zum Beispiel. Eine gute Story, die in sich schlüssig ist. Schwierig wird es, wenn Leute deine Familie ermordet haben, du es aber nicht beweisen kannst. Oder wenn du gefoltert worden bist, ohne dass du Narben hast. Ist es klug, dann davon zu erzählen?

ZEIT: Was erzählen viele Asylbewerber stattdessen?

Nabi: Etwas Plausibles, das wahr sein könnte. Du legst dir auf jede einzelne Frage eine Antwort zurecht. Und du bereitest dich darauf vor, diese Antworten auszuschmücken, wie in einem guten Film.

ZEIT: Die meisten Flüchtlinge schicken heute mit ihren Handys Nachrichten in die Heimat: wie es läuft, was man tun muss. Herr Landrat, vor welcher SMS fürchten Sie sich mehr: vor einem freudigen "Hier ist es toll"? Oder einem deprimierten "Hier ist es schlimmer, als ich dachte"?

Landrat Knauer: Mir würde weder die eine noch die andere gefallen. Ich fände es schön, wenn die Flüchtlinge schreiben: "Ich habe es geschafft. Ich kann hier ausharren, bis bei euch zu Hause wieder Friede eingekehrt ist. So lange schaue ich mir in Deutschland Dinge ab. Und lerne. Dann komme ich zurück und baue unser Land auf." Dann hätten wir auch eine größere Akzeptanz in der Bevölkerung. Aber ich komme immer noch nicht darüber hinweg, dass er (deutet auf Akhtar Nabi) ein Problem mit der Kleidung hat.

Anwalt Heinhold: Anwalt Heinhold: Das haben wir inzwischen mitbekommen.

ZEIT: Herr Said, was stand in Ihrer letzten SMS?

Dolmetscher: Er schaut gerade nach ... Moment ... jetzt: "Hier ist es stiller als in Syrien. Keine Bombeneinschläge. Diese Stille ist ungewohnt."

Anwalt Heinhold: Anwalt Heinhold: Die Frage nach den SMS zielt doch darauf ab: Setzen wir auf Abschreckung? Die Regierung in Berlin hat dieses Konzept jahrzehntelang verfolgt. Trotzdem haben wir heute höhere Flüchtlingszahlen als vor fünf Jahren. Wenn in Syrien Krieg ist, fliehen die Menschen nach Europa – ob wir sie abschrecken oder nicht.

ZEIT: In Bayern gilt für Asylbewerber eine strikte Residenzpflicht: Die Flüchtlinge dürfen ihren Regierungsbezirk so gut wie nicht verlassen. Wäre es nicht schön, Herr Landrat, wenn Herr Nabi mit Ihnen mal ein Spiel des FC Bayern besuchen dürfte?

Der Landrat zuckt mit den Schultern, blickt seine Ausländerbeauftragte Sabine Ahlers an.

Verwaltungsbeamtin Ahlers: Das wäre machbar. Wenn Herr Nabi nach München möchte, muss er nur eine Verlassenserlaubnis beantragen. Drei Tage pro Monat sind jedem gestattet.

Anwalt Heinhold: Anwalt Heinhold: Da haben Sie wieder die deutsche Regulierungswut! Drei Tage pro Monat – warum? Welcher Gedanke steckt dahinter? Die Flüchtlinge werden bürokratisch gegängelt, der Staat misstraut ihnen, von A bis Z ist für sie alles geregelt. Warum beschneiden wir sie derart in ihrer Freiheit?

Landrat Knauer: Was ist Ihr Ziel, Herr Anwalt? Grenzen auf, kommt alle her? Wollen Sie das? Glauben Sie, dass so eine Politik langfristig von der Bevölkerung mitgetragen würde?

Anwalt Heinhold: Anwalt Heinhold: Sie unterschätzen Ihre Wähler, Herr Landrat. Es gibt schlicht keinen sachlichen Grund, warum wir einen Asylbewerber, der ein Jahr oder länger auf den Ausgang seines Asylverfahrens warten muss, derart in seiner Bewegungsfreiheit einschränken. Der ist ordnungsgemäß hier angemeldet, hat einen Wohnort, fertig.

Gräfin Praschma: Gräfin Praschma: Moment, Moment! Die Personen müssen für uns erreichbar sein, während wir ihre Anträge bearbeiten. Wir haben da zum Beispiel einen Flüchtling aus München, dessen Verfahren sich endlos in die Länge zieht. Warum? Weil er seit Monaten nicht erreichbar ist. Erst war er auf einer Demo am Münchner Rindermarkt, dann war er bei den Protesten am Brandenburger Tor in Berlin, jetzt hat ihm die evangelische Kirche Obdach gewährt. Das kann so nicht funktionieren.

Anwalt Heinhold: Anwalt Heinhold: Sie haben doch Sanktionsmöglichkeiten. Wer nicht mitwirkt, dem droht Abschiebung.

Dolmetscher: Entschuldigung, darf ich dazu auch mal was sagen? Ich bin 1989 mit meinen Eltern geflohen, auch aus Syrien. Ich habe jahrelang im Asylantenheim hier in Augsburg gelebt. Damals war die Residenzpflicht noch strikter, wir durften nicht einmal aus Augsburg raus. Als kleiner Junge war das für mich sehr bedrückend. Jedes Mal, wenn unsere Klasse einen Schulausflug plante, musste ich zur Ausländerbehörde gehen und einen Antrag stellen. Einmal ist unsere Klasse ins Skilager nach Österreich gefahren, da durfte ich nicht mit – nur weil es ein anderes Land war.

ZEIT: Begreifen Sie diese deutsche Regel, Herr Nabi?

Nabi: Nein. Warum darf ich nicht nach München fahren, um einen Freund zu besuchen? Es ist nicht weit weg.

ZEIT: Viele Deutsche fürchten: Wenn man es den Flüchtlingen zu leicht macht, kommen immer mehr. Können Sie diese Sorge verstehen?

Nabi: Wie soll ich die Deutschen verstehen, wenn ich sie nicht kennenlerne?

ZEIT: Haben Sie denn je probiert, auf die Leute zuzugehen?

Nabi: Ein paar von uns sind mal zu einem Fußballverein gegangen. Wir hatten einen Ball dabei und fragten, ob wir mitspielen dürfen. Aber die Jungs dort sagten: "Wir haben keine Zeit, wir spielen ein Match." Wir haben es noch drei, vier Mal versucht, aber sie wollten uns nicht dahaben. Oder: In Tattenhausen ist ein Feld mit Apfelbäumen, wo niemand die Äpfel pflückt. Als wir das neulich gemacht haben, riefen sie: Finger weg!

"Was machen die den ganzen Tag?"

ZEIT: In Augsburg protestierten Anwohner, die den Wertverlust ihrer Häuser fürchteten. In München, wo Flüchtlinge in leer stehende Wohnungen einquartiert werden sollen, laufen Mietervereine Sturm. So ist es in vielen Orten. Herr Landrat, kann es sein, dass Ihr Parteifreund, Bundesinnenminister Friedrich, die Argumente für diesen Widerstand liefert, wenn er sagt: Deutschland nimmt bereits viel mehr Flüchtlinge auf als Italien?

Landrat Knauer: Wir hatten Zeiten, da lag die Anerkennungsquote bei drei, bei vier Prozent – heute können wir in eine ganze Reihe von Ländern nicht abschieben. Wir liegen jetzt, glaube ich, bei 35 oder 40 Prozent.

ZEIT: Aus den Statistiken Ihres Amtes, Gräfin Praschma, geht allerdings hervor, dass im Jahr 2011 nur 1,5 Prozent aller Asylanträge berechtigt waren.

Gräfin Praschma: Gräfin Praschma: Das wird in der Öffentlichkeit oft verkürzt dargestellt. Man darf ja nicht nur die Quote der Asylanerkennungen nach dem Grundgesetz betrachten. Hinzu kommt zum Beispiel noch der Flüchtlingsschutz nach der Genfer Konvention. Wir beim Bundesamt fassen alle Formen des Schutzes zusammen und sprechen von der Schutzquote. Im Moment liegt sie bei 27 Prozent – das heißt, etwa jeder dritte Flüchtling erhält irgendeine Form des Schutzes.

ZEIT: Was bedeutet das?

Anwalt Heinhold: Anwalt Heinhold: Dass wir selbst abgelehnte Asylbewerber in manche Länder nicht abschieben, etwa nach Somalia.

ZEIT: Die 226 Asylbewerber in diesem Landkreis hier machen knapp 0,2 Prozent der Einwohner aus. Täuschen wir uns, oder gab es in den neunziger Jahren nicht viel mehr Flüchtlinge – und auch Unterkünfte?

Anwalt Heinhold: Anwalt Heinhold: Man hat die Kapazitäten abgebaut. Als die Flüchtlingszahlen zurückgingen, dachten die Politiker: Wunderbar, dabei bleibt es.

Landrat Knauer: Auch wir haben damals eine Unterkunft geschlossen. Wir hatten ja bis zum Sommer 2012 keinen einzigen Asylanten im Landkreis! Wissen Sie, Sie können es machen, wie Sie wollen. Halten Sie Einrichtungen vor, die jahrelang leer stehen, dann sagt jeder: Seid ihr verrückt?

ZEIT: Wenn es kein politischer Wille ist, die Zahl der Plätze klein zu halten – war es dann Naivität?

Gräfin Praschma: Gräfin Praschma: Das Bundesamt erstellt Vorhersagen darüber, wie viele Asylbewerber erwartet werden – aber nur für drei Monate im Voraus. Unsere neueste Prognose besagt, dass am Ende dieses Jahres 110 000 Menschen Asyl in Deutschland beantragt haben werden – das wäre ein Zuwachs um 84 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nach dem Königsteiner Schlüssel muss Bayern davon 15,2 Prozent aufnehmen: rund 17 000 Menschen. Diese hohen Zahlen konnte niemand voraussehen, auch wir nicht.

Nachbar Engelhard: Jetzt stecken wir aber tief in Verwaltungsfragen.

Der junge Pfarrer, Max Bauer, kommt herein, schwer atmend. Er hatte noch einen Gottesdienst, wollte aber unbedingt dabei sein in der Runde.

ZEIT: Herr Pfarrer, schon am Telefon haben Sie uns erzählt, Sie seien ein "Rei’gschmeckter" – dabei kommen Sie aus einem Ort, der weniger als eine Autostunde von Anwalting entfernt liegt. Ist es schwer, sich hier zu integrieren?

Pfarrer Bauer: Auch mir gegenüber hat man erst einmal Abstand gewahrt. Und jetzt sollten da plötzlich Leute aus einer völlig fremden Kultur kommen, Muslime. Die hatte es hier noch nie gegeben, oder?

Nachbar Engelhard: Nö.

Pfarrer Bauer: Da hatte man viel Negatives drüber gelesen, da steigerten sich die Ängste bis ins Irrationale. Wissen Sie, das ist wie mit der Angst vor der Spinne. Wir wissen alle, dass uns die Spinne nicht auffrisst. Trotzdem haben wir vor ihr Angst. Aber vor zwei Tagen ist was ganz Tolles passiert: Ich habe die Bürger eingeladen, um einen Unterstützerkreis für die Asylbewerber zu gründen. Da kamen 35 Leute – und wer fortblieb, entschuldigte sich sogar. Ein junges Mädel ... wie alt ist sie, die junge Sedlmeir?

Nachbar Engelhard: 15, 16 Jahr ...

Pfarrer Bauer: ... die hat sich angeboten, den Flüchtlingen Deutsch beizubringen. Und die Jungs waren schon mit den Nigerianern auf dem Bolzplatz.

ZEIT: Warum, Herr Landrat, lief es in Tattenhausen so anders? Was war Ihr Kalkül, als Sie den Bürgern dort erlaubten, was Sie den Anwaltingern verboten: nach einem Jahr abzustimmen über den Verbleib der Flüchtlinge?

Landrat Knauer: Als wir diese Abstimmung anboten, ging es uns um die Glaubwürdigkeit von Politik. Wir fanden damals keinen Ort für die Asylbewerber, niemand wollte sie. Als wir dann endlich diesen Mietvertrag unterschrieben haben, sicherten wir den Bürgern zu: Passt auf, wir verstehen eure Bedenken, schaut es euch ein Jahr an, dann stimmt ihr ab. Die wollten jetzt wissen, ob die Politik sich daran hält.

ZEIT: Ist das nicht eine Art Castingshow für Asylbewerber?

Landrat Knauer: Es war ein Versuch, Vertrauen zu gewinnen. Aber bei den Flüchtlingsmassen, die wir jetzt haben, geht das nicht mehr.

Nabi: Ich habe eine Frage an Sie: Warum bringen Sie uns Flüchtlinge nicht in größeren Orten unter? Mir scheint fast, als sei das eine Strategie ...

Landrat Knauer: ... der kennt sich aus, das ist sagenhaft!

Nabi: In den kleineren Orten will man uns nicht, das wissen Sie doch.

Verwaltungsbeamtin Ahlers: Herr Nabi, wir sind davon abhängig, welche Objekte wir finden. In München oder Augsburg sind die Pensionen ausgebucht, wir können da keine Gäste rauswerfen.

Landrat Knauer: Und das Verfahren nach einem festen Verteilerschlüssel ist an sich gerecht. Jedes Bundesland, jeder Landkreis, jede kreisfreie Stadt muss eine bestimmte Menge aufnehmen. Und dabei kostet ein Flüchtling pro Kopf in München ein Vielfaches von dem, was er uns hier kostet. Wenn er (deutet auf Nabi) also nach München möchte, müssten die Bürger draufzahlen.

"Was machen die den ganzen Tag?"

Nabi: Unser Nachbarort Dasing, in den wir bald umziehen, reicht mir schon. Dort gibt es wenigstens eine Busverbindung, einen Arzt, einen Supermarkt.

Landrat Knauer: Wir sind hier in Süddeutschland. Was meinen Sie, Herr Nabi, wie viele Deutsche jedes Jahr gern hierherkommen möchten?

Nachbar Engelhard: Ich höre da ein Anspruchsdenken heraus, das eine Gefahr für die Asylakzeptanz darstellt. Ihr könnt doch nicht fordern, zentral untergebracht zu werden, ihr müsst doch froh sein, wenn euer Leben gerettet ist!

ZEIT: Sie wünschen sich mehr Dankbarkeit, Herr Engelhard?

Nachbar Engelhard: Ich weiß, es ist ein Klischee, aber ich habe mir Kriegsflüchtlinge ganz anders vorgestellt: alte Jeans mit Löchern, ausgemergelt von der Flucht. Jetzt sehe ich die jungen Männer an der Bushaltestelle stehen – und bin schon überrascht. Die haben Handys und eine Schachtel Marlboro in der Tasche, das sind propere, agile Männer. Schicke Schuhe, schicke Hose, saubere Jacke. Herrschaftszeiten!

Verwaltungsbeamtin Ahlers: Wenn ich irgendwo fremd bin, dann tue ich doch auch alles, um nicht aufzufallen.

Pfarrer Bauer: Ich geb dem Herrn Engelhard recht. Wenn man die anschaut, wundert man sich schon. Aber ganz klar: Ihre Handys brauchen die – wie sollen sie sonst Kontakt mit der Heimat aufnehmen? Und ihre Kleidung haben die noch aus München von der Caritas.

Nachbar Engelhard: Aha.

Pfarrer Bauer: Erst wenn man genauer hinschaut, entdeckt man die Probleme. Einer von den Pakistani zum Beispiel muss jetzt zum Nervenarzt, weil er nicht schlafen kann. Ich hab ihm gestern noch Baldrian hergebracht. Das sind so Momente, wo man merkt: Hoppla, da war was.

Nachbar Engelhard: Die Bevölkerung wird mit der Zeit schon rausfinden: Was haben die, was haben die nicht? Aber der erste Eindruck ist nun mal der: Da steht a schicker Bursch, der abends bestimmt in die Disco geht.

ZEIT: Haben Sie auch schon einen zweiten Eindruck?

Nachbar Engelhard: Neulich stand ich mit ein paar von den Jungs an der Bushaltestelle und musste ihnen den Fahrplan erklären. Die wollten nach Augsburg. Irgendwann fragten die: "Fährst du auch mit dem Bus nach Augsburg?" Darauf ich: "No, I drive by car." Da machten die große Augen: "Everyone has his own car?" Dann flog da ein Heißluftballon vorbei – und sie wollten wissen, was das ist. Da merkst du dann schon die Unterschiede.

Zweimal hatte Georg Engelhard seine Teilnahme an der Gesprächsrunde abgesagt, zweimal wieder zugesagt. Asylbewerber: ein heikles Thema. Engelhard hatte Sorge, missverstanden zu werden. Am Anfang des Gespräches saß er steif und wog jedes Wort. Jetzt lehnt er sich entspannt in seinem Stuhl zurück.

ZEIT: Mädchen organisieren Sprachunterricht, der Pfarrer holt Baldrian, Kinder bringen ausrangierte Fahrräder ...

Verwaltungsbeamtin Ahlers: ... die vielen Freiwilligen leisten geradezu Übermenschliches – diese Gefahr sehe ich auch bei Ihnen, Auch Sie brauchen jemanden, mit dem Sie mal reden können. Und die wahren Herausforderungen werden kommen, wenn es Probleme gibt. Wenn vielleicht jemand krank wird.

ZEIT: Sie lagern ganz schön viel Verantwortung aus. Was tut eigentlich der Landkreis?

Verwaltungsbeamtin Ahlers: Wir haben nur eine Stelle für die soziale Betreuung der 226 Asylbewerber. Das ist zu wenig, noch immer lastet das meiste auf den Bürgern. Was uns fehlt, ist die Möglichkeit, den Asylbewerbern professionelle Sprachkurse anzubieten. Hier müsste die Landesregierung uns helfen. In den Unterkünften fehlen Hausmeister und Betreuer.

Landrat Knauer: Toi, toi, toi, solange nichts passiert. Lass in unserem Landkreis den ersten Asylbewerber ausrasten, lass den auf jemanden losgehen – dann ist all das, worum wir uns bemüht haben, schwer gefährdet. Dann kommen wieder die Pauschalurteile.

ZEIT: Nehmen wir an, ein Asylbewerber ...

Landrat Knauer: ... vergewaltigt ein Mädchen!

ZEIT: Sagen wir, einer knackt nur ein Auto und fährt damit zum ersten Mal nach München. Wie reagieren die Leute dann?

Landrat Knauer: Also, Sie differenzieren ja wie der Anwalt Heinhold! So etwas könnte man noch in den Griff bekommen.

Nachbar Engelhard: Kleine Anekdote am Rande: Zwei Tage nach dem Einzug bei uns sind die ersten zwei von der Polizei nach Hause gebracht worden. Das ist durch den Ort gegangen, sofort.

ZEIT: Was hatten die beiden verbrochen?

Nachbar Engelhard: Überhaupt nichts. Die waren nach Augsburg gefahren, hatten bei der Rückfahrt den falschen Bus erwischt und saßen dann in Aichach fest. Da hat die Polizei eben Fahrdienst gemacht.

Pfarrer Bauer: Die hatten mich sogar noch angerufen. Ich war aber in der Messe.

Nachbar Engelhard: Zum Glück hat der Herr Pfarrer schnell reagiert.

Pfarrer Bauer: Ich habe mich am Tag darauf nach dem Gottesdienst unter die Leute gemischt und gesagt: "Hört zu! Ich weiß, was da los war." Das ist das Wichtigste: Man muss die Menschen informieren, gerade bei solchen Ereignissen.

ZEIT: Herr Engelhard, jetzt, wo er Ihnen mit einem Dolmetscher gegenübersitzt: Gibt es irgendetwas, das Sie Herrn Said gern fragen möchten?

Nachbar Engelhard: Was mich interessieren würde: Wo ist seine Familie? Wie geht es ihr?

Ahmed Said, der dem Gespräch die ganze Zeit ernst und konzentriert gefolgt ist, strafft sich. Er beugt sich zum Übersetzer. Wie ein Prüfling wirkt er – jemand, der keine Fragen stellt, aber beflissen antwortet.

Dolmetscher: Seine Heimatstadt Hama steht weiter unter Beschuss. Seine Mutter ist noch da, sein Vater, seine sechs Geschwister. Er sagt: "Meiner Familie geht’s dort überhaupt nicht gut. Ich bin in Sorge. Und in Gedanken immer bei ihnen."

Nachbar Engelhard: Haben Sie Kontakt?

Dolmetscher: Zum letzten Mal vor drei Tagen. Der Kontakt mit Syrien findet über Internet statt. Es gibt Tage, wo es dort Strom gibt, es gibt Tage, wo es keinen Strom gibt.

"Was machen die den ganzen Tag?"

ZEIT: Hat Herr Said auch eine Frage?

Dolmetscher: Er sagt mir ständig: "Ich will ganz schnell Deutsch lernen, wie und wo kann ich das machen?" Sie müssen wissen: Er ist in Syrien nur sieben Jahre zur Schule gegangen. Danach hat er auf Baustellen gearbeitet. Beton gegossen und Estrich gelegt.

ZEIT: Frage in die Runde: Kann aus einem Syrer jemals so etwas wie ein Bayer werden?

Nachbar Engelhard: Die Sprache ist das A und O! Wer mit mir vertraut redet, der gehört dazu. Spricht er bayerisch, kann er auch aus Syrien kommen. Wurscht, dann ist er Bayer.

ZEIT: Was kann er sonst noch tun, um dazuzugehören?

Nachbar Engelhard: Er muss sich einfügen, machen und tun, das gehört bei uns dazu.

Dolmetscher: Herr Said sagt mir gerade, er möchte arbeiten.

Nachbar Engelhard: Da haben wir ein gegenseitiges Problem. Er möchte arbeiten und darf erst einmal nicht, laut Gesetz. Und bei uns im Dorf sagen sie: "Da sind 18 junge Männer, die wissen den ganzen Tag nicht, was sie tun sollen. Wohin führt das?"

ZEIT: Eine Bäuerin sagte uns: "Die gehen den ganzen Tag spazieren. Wär schön, wenn die sich a bisserl beteiligen würden." Hätte der Ort Arbeit?

Pfarrer Bauer: Die einzige Sache, die mir einfällt, wäre die Pflege des Friedhofs.

Nachbar Engelhard: Da brauche ich auch keine Ausbildung, da muss ich nichts wissen.

Verwaltungsbeamtin Ahlers: Arbeiten kann er auch schon in den ersten neun Monaten – ich bin hier nun mal die Behörde: Jobs für 1,05 Euro die Stunde. Aber nicht alle 18 Asylbewerber werden auf dem Friedhof beschäftigt werden können.

Nachbar Engelhard:(lacht) Wir haben auch Pflegebedürftige.

ZEIT: Herr Nabi, wo sehen Sie sich in drei Jahren?

Nabi: In unserer Unterkunft bin ich der Schnellste im Deutschlernen, schon Stufe IV. Vielleicht kann ich irgendwann eine Ausbildung machen oder als Übersetzer arbeiten. Ich spreche viele Sprachen.

ZEIT: Sie wollen also bleiben?

Nabi: Ja.

ZEIT: Und Ihre Zukunft, Herr Said?

Dolmetscher: Er möchte zurück nach Syrien – sobald die Regierung nicht mehr da ist und seine Heimat wieder sicher ist. Auf jeden Fall.

Der Landrat nickt zufrieden.

ZEIT: Wir haben jetzt fast drei Stunden miteinander geredet. Wird das Experiment Anwalting gut ausgehen?

Nachbar Engelhard: Es wird gut ausgehen! Es sind die kleinen Gesten, die ich beobachte: Ein Deutscher steht im Supermarkt im nächsten Ort, da kommt einer mit schwarzer Haut – schon ist klar, der wohnt bei uns im Dorf. Also fragt der Deutsche: "Can I help you?" Oh, Maggi-Gewürz braucht der! Also wird zusammen Maggi gesucht. Und wenn wir uns auf dem Fahrrad begegnen, wird sofort gewunken, von beiden Seiten.

ZEIT: Zum Schluss interessiert uns: Was nehmen Sie aus diesem Abend mit, Herr Nabi und Herr Said? Haben Sie etwas gelernt über die Deutschen?

Dolmetscher: Herrn Said hat überrascht, dass jemand von der Regierung hier sitzt und mit einem Asylbewerber diskutiert. In Syrien wäre so etwas undenkbar. Er sagt: "Das muss Demokratie sein."

Nabi: Ich habe gelernt: Es ist wichtig, den Deutschen Dankbarkeit zu zeigen.