ZEIT: Nach Lampedusa?

Dolmetscher: Sizilien. Er sagt, die Polizisten dort hätten ihn geschlagen, damit er seine Fingerabdrücke abgibt. Das hat ihn erschreckt und verletzt. Er ist dann mit dem Zug nach München.

ZEIT: Herr Nabi, was wussten Sie über Deutschland, bevor Sie kamen?

Nabi: Ich lese Zeitungen und schaue fern. Ich wusste: Deutschland ist das stärkste Land in Europa. Die Menschen hier bauen Autos. Selbst jetzt in der Krise hat Deutschland keine Krise. Ich dachte: In Deutschland habe ich eine glänzende Zukunft. Ich werde Arbeit finden.

ZEIT: Deshalb sind Sie gekommen?

Nabi: Mein Plan war: Geh in ein Land, in dem du sicher bist, und bitte um Asyl. Ständig wandern bei uns in Afghanistan Menschen aus, ich kenne ihre Geschichten. Einige schaffen es nach Schweden oder Norwegen, reiche Länder. Andere bleiben in Ungarn oder Rumänien stecken. Nicht so gut.

ZEIT: Und wie ist Deutschland?

Nabi:I like Deutschland – but: Bayern ist kompliziert. Viel Land, wenig Menschen. Auf der einen Seite ist Wald, auf der anderen Feld ...

Lachen in der Runde, nur Akhtar Nabi schweigt.

Nabi: Wissen Sie was: Es gibt nichts in Tattenhausen. Kein Geschäft, keinen Arzt, keinen Bahnhof. Ich laufe 40 Minuten zu Fuß nach Dasing, wo die nächsten Busse fahren. Aber: Es gibt Busse in Tattenhausen. Jeden Morgen halten sie bei uns, doch sie nehmen uns nicht mit. "Das ist ein Schulbus", sagen die Fahrer. "Ihr dürft nicht einsteigen." Obwohl noch Plätze frei sind.

Landrat Knauer: Ist das ein Problem für einen Menschen, der um sein Leben gefürchtet hat?

Nabi: Es geht mir um Gerechtigkeit. In München haben die Flüchtlinge alles in der Nähe und können sich Kleidung kaufen. Hier kriegen wir alles halbe Jahr einen Gutschein über 35 Euro. Davon können wir uns bei der Caritas gebrauchte Kleider holen. Aber was kriegt man schon für 35 Euro?

ZEIT: In Bayern gilt zum Teil noch das Sachleistungsprinzip (siehe oben). Aber außer Gutscheinen bekommt Herr Nabi 137 Euro Taschengeld. Und statt eines Essenspakets auch 136,21 Euro für Lebensmittel. Ist das genug, Herr Landrat?

Mit verschränkten Armen dreht sich der Landrat zu Akhtar Nabi.

Landrat Knauer: Ich erlaube mir da schon zu sagen: Meine Familie ist nach dem Zweiten Weltkrieg von Deutschland nach Deutschland vertrieben worden. Meinen Eltern wäre nie eingefallen, nach ein paar Wochen hier zu reklamieren: "Neue Kleidung!" Die waren froh, dass sie einen Sack Stroh bekommen haben! Diese Anspruchshaltung ...

Anwalt Heinhold: Anwalt Heinhold: ... aber Herr Landrat! Das ist völlig daneben. Der Flüchtling heute lebt in einer anderen Zeit. Was er beklagt, ist nicht primär das schlechtere Jackett, sondern die Ungleichbehandlung, die Isolation. Es geht bei Flüchtlingen immer auch um das Wiedergewinnen von Würde. Bringt man mir Respekt entgegen?

Vermieterin Scheicher: Also, Herr Ich finde, wir haben hier wunderschöne, idyllische Orte. Und als Studentin musste auch ich jeden Tag mit dem Bus nach Augsburg fahren. Ich sage Ihnen: Es war kein Problem. Von uns kommt man sehr wohl mit dem Fahrrad in die Stadt.

ZEIT: Gräfin Praschma, Sie leiten im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Abteilung, die über alle Asylanträge in Deutschland entscheidet. Die beiden Männer hier am Tisch, die auf Aufnahme hoffen, kamen aus Italien. Wissen Sie jetzt schon, dass das mit dem Asyl in Deutschland nichts wird?

Ursula Gräfin Praschma: Sie sprechen Dublin II an: inwieweit Deutschland überhaupt zuständig ist, wenn der Flüchtling zuerst italienischen Boden betreten hat. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat in diesem Frühjahr entschieden: In Italien gibt es faire Verfahren, das Asylrecht dort hat keine systemischen Mängel.

Anwalt Heinhold: Anwalt Heinhold: Und wenn Herr Said da schon seinen Fingerabdruck abgegeben hat, dann ist Praxis Ihres Bundesamtes: ab nach Italien! Dann werden Sie ihn zurückschicken, Frau Gräfin.

Gräfin Praschma: Gräfin Praschma: Nicht so schnell. Uns erzählen jetzt immer häufiger Flüchtlinge, dass sie in Italien von einzelnen Behördenmitarbeitern rabiat behandelt wurden. Ich habe Verständnis dafür, dass jemand, der in Italien Schlimmes erlebt hat, nicht dorthin zurückkehren möchte.

Dolmetscher: Herr Said möchte dazu gerne sagen, dass ihm Italien ein wenig wie Syrien vorkam. Er fühlte sich rechtlos. Die Schläge der Polizei. Er hofft in Deutschland auf ein ehrliches Verfahren.

Gräfin Praschma: Gräfin Praschma: Wir prüfen die Lage in Italien gerade und ziehen unsere Schlussfolgerungen daraus.

ZEIT: Ihre Behörde hat im vergangenen Jahr über mehr als 60 000 Asylanträge entschieden. Ihre Leute spielen Schicksal im Akkord. Kann man da überhaupt erkennen, ob ein Flüchtling die Wahrheit sagt?

Gräfin Praschma: Gräfin Praschma: Die Glaubwürdigkeit zu beurteilen ist das Schwierigste überhaupt. Unsere Entscheider werden deshalb von Psychologen geschult. Sie können mit dem Bewerber oft nur per Dolmetscher kommunizieren, hinzu kommen kulturelle Barrieren: Wenn mich jemand beim Sprechen nicht anschaut, muss das nicht heißen, dass er lügt. Es kann auch erlernte Höflichkeit sein. Wichtig ist, dass jemand seinen Vortrag auf Nachfrage mit Details ergänzen kann und sich nicht widerspricht.

Anwalt Heinhold: Anwalt Heinhold: Da gehen Sie jetzt aber vom Optimalfall aus! Bei jedem fünften Antrag entscheiden Ihre Beamten nach Aktenlage, ohne selbst bei der Anhörung dabei gewesen zu sein.