Nabi: Unser Nachbarort Dasing, in den wir bald umziehen, reicht mir schon. Dort gibt es wenigstens eine Busverbindung, einen Arzt, einen Supermarkt.

Landrat Knauer: Wir sind hier in Süddeutschland. Was meinen Sie, Herr Nabi, wie viele Deutsche jedes Jahr gern hierherkommen möchten?

Nachbar Engelhard: Ich höre da ein Anspruchsdenken heraus, das eine Gefahr für die Asylakzeptanz darstellt. Ihr könnt doch nicht fordern, zentral untergebracht zu werden, ihr müsst doch froh sein, wenn euer Leben gerettet ist!

ZEIT: Sie wünschen sich mehr Dankbarkeit, Herr Engelhard?

Nachbar Engelhard: Ich weiß, es ist ein Klischee, aber ich habe mir Kriegsflüchtlinge ganz anders vorgestellt: alte Jeans mit Löchern, ausgemergelt von der Flucht. Jetzt sehe ich die jungen Männer an der Bushaltestelle stehen – und bin schon überrascht. Die haben Handys und eine Schachtel Marlboro in der Tasche, das sind propere, agile Männer. Schicke Schuhe, schicke Hose, saubere Jacke. Herrschaftszeiten!

Verwaltungsbeamtin Ahlers: Wenn ich irgendwo fremd bin, dann tue ich doch auch alles, um nicht aufzufallen.

Pfarrer Bauer: Ich geb dem Herrn Engelhard recht. Wenn man die anschaut, wundert man sich schon. Aber ganz klar: Ihre Handys brauchen die – wie sollen sie sonst Kontakt mit der Heimat aufnehmen? Und ihre Kleidung haben die noch aus München von der Caritas.

Nachbar Engelhard: Aha.

Pfarrer Bauer: Erst wenn man genauer hinschaut, entdeckt man die Probleme. Einer von den Pakistani zum Beispiel muss jetzt zum Nervenarzt, weil er nicht schlafen kann. Ich hab ihm gestern noch Baldrian hergebracht. Das sind so Momente, wo man merkt: Hoppla, da war was.

Nachbar Engelhard: Die Bevölkerung wird mit der Zeit schon rausfinden: Was haben die, was haben die nicht? Aber der erste Eindruck ist nun mal der: Da steht a schicker Bursch, der abends bestimmt in die Disco geht.

ZEIT: Haben Sie auch schon einen zweiten Eindruck?

Nachbar Engelhard: Neulich stand ich mit ein paar von den Jungs an der Bushaltestelle und musste ihnen den Fahrplan erklären. Die wollten nach Augsburg. Irgendwann fragten die: "Fährst du auch mit dem Bus nach Augsburg?" Darauf ich: "No, I drive by car." Da machten die große Augen: "Everyone has his own car?" Dann flog da ein Heißluftballon vorbei – und sie wollten wissen, was das ist. Da merkst du dann schon die Unterschiede.

Zweimal hatte Georg Engelhard seine Teilnahme an der Gesprächsrunde abgesagt, zweimal wieder zugesagt. Asylbewerber: ein heikles Thema. Engelhard hatte Sorge, missverstanden zu werden. Am Anfang des Gespräches saß er steif und wog jedes Wort. Jetzt lehnt er sich entspannt in seinem Stuhl zurück.

ZEIT: Mädchen organisieren Sprachunterricht, der Pfarrer holt Baldrian, Kinder bringen ausrangierte Fahrräder ...

Verwaltungsbeamtin Ahlers: ... die vielen Freiwilligen leisten geradezu Übermenschliches – diese Gefahr sehe ich auch bei Ihnen, Auch Sie brauchen jemanden, mit dem Sie mal reden können. Und die wahren Herausforderungen werden kommen, wenn es Probleme gibt. Wenn vielleicht jemand krank wird.

ZEIT: Sie lagern ganz schön viel Verantwortung aus. Was tut eigentlich der Landkreis?

Verwaltungsbeamtin Ahlers: Wir haben nur eine Stelle für die soziale Betreuung der 226 Asylbewerber. Das ist zu wenig, noch immer lastet das meiste auf den Bürgern. Was uns fehlt, ist die Möglichkeit, den Asylbewerbern professionelle Sprachkurse anzubieten. Hier müsste die Landesregierung uns helfen. In den Unterkünften fehlen Hausmeister und Betreuer.

Landrat Knauer: Toi, toi, toi, solange nichts passiert. Lass in unserem Landkreis den ersten Asylbewerber ausrasten, lass den auf jemanden losgehen – dann ist all das, worum wir uns bemüht haben, schwer gefährdet. Dann kommen wieder die Pauschalurteile.

ZEIT: Nehmen wir an, ein Asylbewerber ...

Landrat Knauer: ... vergewaltigt ein Mädchen!

ZEIT: Sagen wir, einer knackt nur ein Auto und fährt damit zum ersten Mal nach München. Wie reagieren die Leute dann?

Landrat Knauer: Also, Sie differenzieren ja wie der Anwalt Heinhold! So etwas könnte man noch in den Griff bekommen.

Nachbar Engelhard: Kleine Anekdote am Rande: Zwei Tage nach dem Einzug bei uns sind die ersten zwei von der Polizei nach Hause gebracht worden. Das ist durch den Ort gegangen, sofort.

ZEIT: Was hatten die beiden verbrochen?

Nachbar Engelhard: Überhaupt nichts. Die waren nach Augsburg gefahren, hatten bei der Rückfahrt den falschen Bus erwischt und saßen dann in Aichach fest. Da hat die Polizei eben Fahrdienst gemacht.

Pfarrer Bauer: Die hatten mich sogar noch angerufen. Ich war aber in der Messe.

Nachbar Engelhard: Zum Glück hat der Herr Pfarrer schnell reagiert.

Pfarrer Bauer: Ich habe mich am Tag darauf nach dem Gottesdienst unter die Leute gemischt und gesagt: "Hört zu! Ich weiß, was da los war." Das ist das Wichtigste: Man muss die Menschen informieren, gerade bei solchen Ereignissen.

ZEIT: Herr Engelhard, jetzt, wo er Ihnen mit einem Dolmetscher gegenübersitzt: Gibt es irgendetwas, das Sie Herrn Said gern fragen möchten?

Nachbar Engelhard: Was mich interessieren würde: Wo ist seine Familie? Wie geht es ihr?

Ahmed Said, der dem Gespräch die ganze Zeit ernst und konzentriert gefolgt ist, strafft sich. Er beugt sich zum Übersetzer. Wie ein Prüfling wirkt er – jemand, der keine Fragen stellt, aber beflissen antwortet.

Dolmetscher: Seine Heimatstadt Hama steht weiter unter Beschuss. Seine Mutter ist noch da, sein Vater, seine sechs Geschwister. Er sagt: "Meiner Familie geht’s dort überhaupt nicht gut. Ich bin in Sorge. Und in Gedanken immer bei ihnen."

Nachbar Engelhard: Haben Sie Kontakt?

Dolmetscher: Zum letzten Mal vor drei Tagen. Der Kontakt mit Syrien findet über Internet statt. Es gibt Tage, wo es dort Strom gibt, es gibt Tage, wo es keinen Strom gibt.