ZEIT: Hat Herr Said auch eine Frage?

Dolmetscher: Er sagt mir ständig: "Ich will ganz schnell Deutsch lernen, wie und wo kann ich das machen?" Sie müssen wissen: Er ist in Syrien nur sieben Jahre zur Schule gegangen. Danach hat er auf Baustellen gearbeitet. Beton gegossen und Estrich gelegt.

ZEIT: Frage in die Runde: Kann aus einem Syrer jemals so etwas wie ein Bayer werden?

Nachbar Engelhard: Die Sprache ist das A und O! Wer mit mir vertraut redet, der gehört dazu. Spricht er bayerisch, kann er auch aus Syrien kommen. Wurscht, dann ist er Bayer.

ZEIT: Was kann er sonst noch tun, um dazuzugehören?

Nachbar Engelhard: Er muss sich einfügen, machen und tun, das gehört bei uns dazu.

Dolmetscher: Herr Said sagt mir gerade, er möchte arbeiten.

Nachbar Engelhard: Da haben wir ein gegenseitiges Problem. Er möchte arbeiten und darf erst einmal nicht, laut Gesetz. Und bei uns im Dorf sagen sie: "Da sind 18 junge Männer, die wissen den ganzen Tag nicht, was sie tun sollen. Wohin führt das?"

ZEIT: Eine Bäuerin sagte uns: "Die gehen den ganzen Tag spazieren. Wär schön, wenn die sich a bisserl beteiligen würden." Hätte der Ort Arbeit?

Pfarrer Bauer: Die einzige Sache, die mir einfällt, wäre die Pflege des Friedhofs.

Nachbar Engelhard: Da brauche ich auch keine Ausbildung, da muss ich nichts wissen.

Verwaltungsbeamtin Ahlers: Arbeiten kann er auch schon in den ersten neun Monaten – ich bin hier nun mal die Behörde: Jobs für 1,05 Euro die Stunde. Aber nicht alle 18 Asylbewerber werden auf dem Friedhof beschäftigt werden können.

Nachbar Engelhard:(lacht) Wir haben auch Pflegebedürftige.

ZEIT: Herr Nabi, wo sehen Sie sich in drei Jahren?

Nabi: In unserer Unterkunft bin ich der Schnellste im Deutschlernen, schon Stufe IV. Vielleicht kann ich irgendwann eine Ausbildung machen oder als Übersetzer arbeiten. Ich spreche viele Sprachen.

ZEIT: Sie wollen also bleiben?

Nabi: Ja.

ZEIT: Und Ihre Zukunft, Herr Said?

Dolmetscher: Er möchte zurück nach Syrien – sobald die Regierung nicht mehr da ist und seine Heimat wieder sicher ist. Auf jeden Fall.

Der Landrat nickt zufrieden.

ZEIT: Wir haben jetzt fast drei Stunden miteinander geredet. Wird das Experiment Anwalting gut ausgehen?

Nachbar Engelhard: Es wird gut ausgehen! Es sind die kleinen Gesten, die ich beobachte: Ein Deutscher steht im Supermarkt im nächsten Ort, da kommt einer mit schwarzer Haut – schon ist klar, der wohnt bei uns im Dorf. Also fragt der Deutsche: "Can I help you?" Oh, Maggi-Gewürz braucht der! Also wird zusammen Maggi gesucht. Und wenn wir uns auf dem Fahrrad begegnen, wird sofort gewunken, von beiden Seiten.

ZEIT: Zum Schluss interessiert uns: Was nehmen Sie aus diesem Abend mit, Herr Nabi und Herr Said? Haben Sie etwas gelernt über die Deutschen?

Dolmetscher: Herrn Said hat überrascht, dass jemand von der Regierung hier sitzt und mit einem Asylbewerber diskutiert. In Syrien wäre so etwas undenkbar. Er sagt: "Das muss Demokratie sein."

Nabi: Ich habe gelernt: Es ist wichtig, den Deutschen Dankbarkeit zu zeigen.