Hardboiled ist etwas anderes: Friedrich Ani ist das Gefühlskraftwerk unter den deutschen Krimischriftstellern. Seine Prosa hat eine dünne Haut: Sie seufzt, stöhnt und schluchzt. Nicht das Böse der Täter steht im Zentrum, sondern die Einsamkeit aller. Ani ist der melancholische Drehorgelspieler des existenziellen Blues. Die vielen Dimensionen der Verzweiflung sind sein Sujet, für die Ober- und Untertöne der Untröstlichkeit hat er das absolute Gehör. Auch seine Figuren sind nah am Wasser gebaut, sie unterdrücken die Tränen nicht, wenn wieder einmal ihre seelischen Wunden aufgerissen werden. Ein großes Erbarmen mit der leidenden Kreatur, das aber nie kitschig wirkt, macht die Kraft von Anis hörbar atmender Prosa aus. Manchmal fühlt man sich als Leser, als würde der Autor einen für einen Moment des Gefühlsüberschwangs, Trost suchend und Trost spendend zugleich, an die Brust drücken.

"In seinem Wesen fehlte das Gen für die harten Bandagen", heißt es in Friedrich Anis jüngstem Tabor-Süden-Roman M. Als Süden noch im Polizeidienst war, arbeitete er in der Vermissten-Abteilung. Dort hatte er sich seine spezielle Ermittlungsheuristik erarbeitet, die genau zu seinem dünnhäutigen Wesen passte. Nur wenn man das je individuelle Leid eines Menschen erkennt, kommt man hinter sein Geheimnis: "Das oberste Gebot lautete, bei einer Vermissung nicht an einen vergleichbaren Fall zu denken. Jede Geschichte eines Verschwundenen war einzigartig und hatte ihre ganz besonderen Ursachen und Zusammenhänge." Das heißt aber auch: Wo die Einfühlung nicht hinreicht, da stößt der Ermittler an seine Grenzen.

So geht es Tabor Süden in M. Der Schmutz und die Gemeinheit, auf die er in seinem neuen Fall stößt, sind so enorm, dass er lange wie ein Blinder umherstolpert. Bis er auch hier den soft spot, die weiche Stelle entdeckt, an der seine Imagination ansetzen kann.

Süden arbeitet mittlerweile als Privatschnüffler für die kleine Detektei Liebergesell am Sendlinger Tor in München. Dort erscheint eines Tages Mia Bischof, eine junge Frau, die als stellvertretende Chefin des Lokalteils des Tagesanzeigers arbeitet. Ihr Geliebter Siegfried Denning ist verschwunden, sie will, dass man ihn findet.

Wie Ani die Mitarbeiter der Detektei zu einem Team zusammenschweißt, wie er seine Figuren miteinander reden lässt, sodass immer spürbar ist, welche Gefühlstemperatur gerade herrscht, wie er die Münchner Topografie unaufdringlich, aber zwingend für sich arbeiten lässt, das ist alles wunderbar gemacht. Die Entwicklung des eigentlichen Falls und seine Auflösung aber können da nicht mithalten. Ani hat seinen Plot eng mit der Zeitgeschichte verknüpft. Es geht um rechte Kameradschaften, die gnadenlos morden, um ihre rassistischen Reinheitsvorstellungen umzusetzen. Eine Verbindung zur Zwickauer Terrorzelle, heißt es einmal, sei nicht auszuschließen. Südens Verdacht, dass der vermisste Denning als verdeckter Ermittler ins Milieu eingeschleust worden sei, wird sich bestätigen. Dass die Ermittlungen aber so lange stocken, hat nur etwas damit zu tun, dass die unterschiedlichen Behörden, Verfassungsschutz und LKA, sich gegenseitig Steine in den Weg legen, ohne dass so richtig plausibel wird, warum sich die Beamten so kontraproduktiv verhalten. Umgekehrt gelingt Süden der Durchbruch auch eher zufällig: Er findet bei Mia Bischof in der Wohnung den Prospekt eines Gasthofs, fährt dort hin und, voilà!, da ist Denning. Diesen Prospekt, denkt man dann als Leser ein wenig ungnädig, hätte er aber genauso gut schon am Anfang des Krimis finden können ...

Eine zweite Schwachstelle hat mit den Bösewichtern zu tun: Bei jeder Zeile spürt man, wie es Ani angesichts des rechten Sumpfs vor Ekel schüttelt. Die Neonazis sind das reine Böse. Das macht sie aber als Gegenstände des Erzählens langweilig, weil ihnen jene Form der Gebrochenheit, des erbarmungswürdigen Scheiterns fehlt, auf dessen Hermeneutik sich Friedrich Ani und mit ihm sein wunderbarer Detektiv Süden so gut verstehen.

In Mia Bischofs Wohnung entdeckt Süden einen Aufkleber mit einem vermutlich nazistischen Symbol. Es heißt dann über Süden: "Auch wenn er keine Ahnung hatte, was das Symbol bedeutete, war ihm sofort klar, was es nicht bedeutete: Nächstenliebe." Für Süden, den Spezialisten der abgründig-gebrochenen Nächstenliebe, ist das der falsche Auftrag.