Wäre Twitter so etwas wie ein Messinstrument für Popularität, müsste der Papst als nahezu unbekannt gelten. 151.600 Follower, also Leute, die seinen Äußerungen notorisch folgen, hat er hierzulande. Das ist nichts im Vergleich zu Boris Becker (mehr als 264.000), von Lukas Podolski (eine Million) ganz zu schweigen. Im globalen Maßstab sieht es für Franziskus besser aus, da erreicht er zehn Millionen, aber das ist noch immer ein Klacks, verglichen mit den Popstars Lady Gaga und Justin Bieber, die beide je auf über 40 Millionen kommen. Hieß es nicht, der Papst (nicht dieser, sondern sein polnischer Vorvorgänger) sei selbst auf dem Weg, Popstar zu werden? Das war leeres kulturkritisches Gerede aus der Vor-Twitter-Zeit.

Nehmen wir einmal an, Twitter könnte nicht nur Popularität messen, sondern damit auch globale Relevanz bestimmen – dann würde mit Twitter in diesen Tagen das mächtigste Meinungsforschungsinstitut aller Zeiten an die Börse gehen. Seine Anteilseigner wären nicht nur an der Rendite beteiligt, sondern an einem Herrschaftsinstrument erster Güte. Was man messen kann, lässt sich auch manipulieren. Twitter-Aktionäre könnten mit geringem Aufwand darüber bestimmen, wer als bedeutend oder unbedeutend vor der Welt dastehen soll.

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Denn wenn wir weiter annehmen, dass die Rendite von Twitter nicht so toll ausfallen wird (das ist sogar wahrscheinlich), dann könnten die Aktionäre sich sogar ganz vom Ziel der Gewinnmaximierung verabschieden und stattdessen vorrangig auf die Manipulation der Öffentlichkeit konzentrieren. Das wäre, im Sinne einer Umwegrentabilität, für manchen Anteilseigner auch wirtschaftlich sinnvoll: Für einen Konzern, der die Umwelt zerstört und Menschen ausbeutet, dürfte es höchst erstrebenswert sein, die Wahrnehmung des Papstes und seines kapitalismuskritischen Geredes nachhaltig zu dämpfen und stattdessen den Menschen politisch belanglose Popstars als Idole anzudienen.

Wie hoch müsste der Aktienanteil sein, um auf die Messmethoden von Twitter einzuwirken? Das wird derzeit an der Börse entschieden. Wir dagegen, die auf ein entsprechendes Aktienpaket keine Aussicht haben, sondern nur Messvieh (nicht einmal Stimmvieh) sind, also anonym gezählte Follower, können uns damit trösten, dass alles bislang nur düstere Annahmen waren – und wenn nicht, dass doch der Papst am Ende auf Twitter nicht angewiesen ist, um die Herzen zu gewinnen. Er braucht auch die Börse nicht. Sein Shareholder ist überhaupt nicht von dieser Welt.