Dieser Kampf tobt alltäglich in jeder deutschen Großstadt. "Was heißt denn rausMÜSSEN, es hat sie niemand gezwungen, die WOLLTEN da raus!!!" Mit überschnappender Stimme bricht Claires Wut heraus. Ihr Schicksal ist aufs Engste mit Echtholzparkett und Fußbodenheizung verbunden, mit "360-Grad-Lichteinwirkung", wie die Maklerin erklärt, sowie einer großen Terrasse, von der aus man in der Ferne den Kölner Dom sehen kann. Eine herrliche Dachgeschosswohnung muss verkauft werden, weil sich Claires Mann Dirk aus dem Staub gemacht hat – kurz nachdem das Paar diese Traumwohnung von den Vorbesitzern Achim und Britta erjagt hat. Ob Achim und Britta damals rauswollten oder rausmussten, das ist die Frage – und der 1972 geborene, bereits mehrfach ausgezeichnete Regisseur Paul Plamper hat aus dieser Konstellation ein faszinierendes Hörspiel mit großartigen Sprechern inszeniert.

Wie in einer Livereportage ist der Hörer bei den einzelnen Stationen dabei, an denen Plamper das Drama von Achim und Britta, Claire und Dirk rückwärts erzählt. Und wer ein Haus oder eine Wohnung kaufen oder verkaufen will, sollte prophylaktisch dieses Hörspiel hören. Diese Dialoge werden hunderttausendfach in Deutschland geführt: "Haben Sie noch andere Objekte in dieser Gegend?" – "Die Pflanze ist mir gerade echt scheißegal." – "Zukunft kann man strukturieren." – "Da würden wir eine Lösung finden!" Vertraut sind auch die Gesprächskulissen: Auto und Kneipe, Wohnzimmer und Terrasse. Aus Duzfreundschaft wird hier bald Hass. Plötzlich ist das gute Leben dahin.

Die Rückwärtserzählung erzeugt Spannung: Nur allmählich erfährt man, wie das passieren konnte. Wie in einem Puzzle setzt sich alles zusammen – und Plamper lockt uns geschickt auf falsche Fährten. Denn Gut und Böse sind mitnichten eindeutig verteilt; alle entpuppen sich als unsympathische Typen. Achim (ein zwischen Exrebellen-Larmoyanz und Underdog-Gier großartig changierender Milan Peschel) und Britta (eine selbstbewusst in ihren Entschlüssen schwankende Diva Cristin König), beide vielleicht Ende vierzig, haben vor Jahrzehnten das Gelände der Traumwohnung besetzt, zum Spottpreis mit staatlicher Förderung erworben und dann kollektiv bebaut. Als die etwas jüngeren Dirk und Claire auftauchen (das scharfe Gutverdienerekel gibt Jan Henrik Stahlberg, Sandra Hüller eine emotionale, in taktische Tränen ausbrechende, nur scheinbar naive Träumerin), gerät alles ins Wanken: Der alte Hippietraum von der Weltreise könnte in Erfüllung gehen angesichts der Summe, die Dirk und Claire in der Kneipe für die Wohnung offerieren; man könnte sogar noch was für Afrika oder die Umwelt spenden ("Fühlt sich gut an", findet Achim). Doch das allseits gierige Anstoßen auf Freundschaft und Auszugstermin ist verfrüht, zu unsicher sind die Verheißungen, Ängste und Wünsche. Die Schlacht um das Eigentum beginnt.

Plamper bietet keineswegs ein Anti-Gentrifizierungs-Drama. Vielmehr bleiben seine Figuren in dieser unterhaltsamen Milieustudie moralisch angenehm uneindeutig: Hier strebt jeder besessen nach der Vermehrung seines Glücks. Wir hören auch eine Momentaufnahme unserer Epoche – und so wie der prächtige Knöterich am Haus einging, sind schließlich alle Träume vom guten Leben futsch.