Drei Jahre lang saß Horst Seehofer mittwochs im Bundeskabinett Stuhl an Stuhl mit Sigmar Gabriel, der CSU-Chef war damals Landwirtschafts-, der SPD-Vorsitzende Umweltminister. Seehofer verbindet mit den wöchentlichen Begegnungen "ausnahmslos angenehme Erinnerungen". An seinem ehemaligen Sitznachbarn schätzt der Bayer dessen "starke analytische Kraft". Er, so Seehofer, habe immer schon gesagt, dass Gabriel besser als jeder andere geeignet sei, die Seele der SPD zurückzugewinnen. Und: "Was mir gefällt, ist, wenn ein Mensch zuversichtlich ist und lachen kann."

Seehofer und Gabriel eint außerdem ein gewisses Imageproblem. Wie der Bayer gilt auch der Niedersachse als politischer Hallodri, sprunghaft, unberechenbar, unzuverlässig. Mit so einem, findet Seehofer, kann man etwas anfangen. Während sich die Koalitionsverhandlungen mit ihrer 75-köpfigen Steuerungsgruppe, ungezählten Arbeits- und Untergruppen im Klein-Klein verhedderten, seien sich die Parteichefs im Großen und Ganzen einig – ohne dass es je feste Zusagen oder Vereinbarungen gegeben habe. Ein Vertrauens-, kein Inhaltsverhältnis nennt Seehofer das, was sich in den Sechsaugengesprächen zwischen ihm, Gabriel und der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel seit der Bundestagswahl etabliert hat.

Ausgerechnet Seehofer, der oft genug als Irrlicht die schwarz-gelbe Koalition heimsuchte, hat zu diesem Vertrauen beigetragen. Seehofer war es, der als Erster ein Entgegenkommen der Union in der Gesellschaftspolitik signalisierte: Über den Doppelpass könne man ebenso reden wie über Erleichterungen für Asylbewerber. Derselbe Seehofer bahnte dann die Koalitionsverhandlungen mit der SPD an, indem er einen Mindestlohn von 8,50 Euro öffentlich für möglich erklärte. Wie bitte – Horst Seehofer? War das nicht der, der noch vor drei Jahren versprach, "bis zur letzten Patrone" gegen eine Zuwanderung in deutsche Sozialsysteme zu kämpfen? Der im Wahlkampf erklärte, Versuche, auf die SPD zuzugehen, seien "unsäglich"?

Nach der Wahl in Bayern fürchteten Parteifreunde aus der Schwesterpartei CDU, nun werde Seehofer keine Grenzen und keine Freunde mehr kennen. Doch der Machtzuwachs hat bei Seehofer offenbar zu einer Art Schubumkehr geführt: Mit einem Mal agieren der Oberbayer und seine Partei als Pfeiler der Vernunft. Was ist bloß in die CSU gefahren?

Als Leitlinie in den Koalitionsverhandlungen dient der "Bayernplan", das Wahlprogramm der CSU. Seehofer sieht die Chance, ganz Deutschland ein bisschen bayerischer zu machen. Das heißt auch: mehr Volksbeteiligung, bezogen auf Europa, aber auch sonst. Die Macht und Größe der Großen Koalition würfen die Frage auf, wie man die Bevölkerung angemessen beteiligen könne, sagt Seehofer. Entsprechende Vorschläge hat er intern bereits gemacht. Er will Plebiszite auf Bundesebene einführen: "Darüber müssen wir reden." Darüber könne man reden, fand Sigmar Gabriel. Er versucht gerade, den SPD-Mitgliederentscheid, ursprünglich Ausdruck seiner Machtlosigkeit, als basisdemokratische Errungenschaft darzustellen.

Neuerdings müsse man sich ja dafür rechtfertigen, wenn man Probleme der Bevölkerung aufgreife, mokiert sich Seehofer über Vorwürfe, er agiere populistisch, weil er seine Meinungen laufend der herrschenden Umfragelage anpasse. Seehofer sieht sich eher als echter Volksvertreter.

Mit seinem neuen Stil will er nicht an den Landesgrenzen haltmachen. Die Bevölkerung wolle mehr europäische Integration etwa beim Thema Datenschutz, aber keineswegs beim Thema Finanzen. Einen EU-Finanzminister lehnt Seehofer ab, stattdessen hat er einen anderen Plan. "Die Zahl der EU-Kommissare müsste halbiert werden", sagt der CSU-Chef. Da die EU-Kommission das Initiativrecht für Gesetzesvorschläge habe und jeder Kommissar sich erstens für unentbehrlich und zweitens für allzuständig halte, entfalte die Kommission "irrwitzige Aktivitäten", so sieht er es.

Wenn es um Europa geht, ist Seehofer auch weiterhin zu Querschüssen entschlossen. Die zuständige Arbeitsgruppe Außen hatte sich am Montag darauf geeinigt, der EU mehr Instrumente beim Verdacht auf Menschenrechtsverletzungen zu geben – ein Vorschlag, der auf Ungarn zielte. Seehofer degradierte die Initiative zu einem "Sternchentext", so heißen Punkte, die noch strittig sind. Seinen Generalsekretär ließ Seehofer ausrichten, es werde keinerlei neue Kompetenzen für Brüssel geben. Den Unmut aus SPD und CDU über seine Europapläne nimmt Seehofer gelassen und selbstironisch: "Jeder neuen großen Idee begegnet man mit Skepsis."

Das Vertrauensverhältnis der drei Parteivorsitzenden dürfte also noch einigen Stresstests ausgesetzt werden. Vorerst aber herrscht Einigkeit. In der Sitzung am vergangenen Dienstag mahnte Seehofer, es dürfe nicht immer weitere "Wünsch-dir-was-Listen" geben. Gabriel und Merkel schlossen sich an.