Ehrfurcht vor dem Leben. Vor fast einem Jahrhundert gab ein Geistesblitz Albert Schweitzer diese ethische Formel ein. Sie motivierte ihn, einen der bedeutendsten Wohltäter der Welt, zu seiner Arbeit in Afrika. A reverance for life: Ich weiß noch, wie ich als Junge erstmals etwas über Schweitzer las und beeindruckt war von der Tiefe seiner Überzeugung, dass jede Kreatur ihre Chance auf und im Leben brauche. Jahre später, als meine Frau Melinda und ich beschlossen, einen Teil des Reichtums, den Microsoft erwirtschaftet hatte, zurückzugeben, war Schweitzer einer der Köpfe, deren Philosophie uns inspirierte.

Wenn ich kommende Woche Deutschland besuche, treffe ich auch mit führenden Regierungspolitikern zusammen. Dabei werden wir auch diskutieren, wie wichtig es ist, dass Deutschland eine Führungsrolle in der Armutsbekämpfung übernimmt. Die Bundesrepublik ist in der Hilfspolitik oft vorangegangen. Sie sollte es wieder tun.

Seit 1990 konnte die extreme Armut auf der Welt halbiert werden. Die Zahl der Kinder, die sterben, noch ehe sie fünf Jahre alt sind, sank beinahe genauso stark. Die Lebensqualität der Menschheit verbessert sich heute schneller als jemals zuvor.

Ein großer Teil dieses Fortschritts rührt von wichtigen Lektionen her, die die Weltgemeinschaft gelernt hat. Eine der wichtigsten lautet: Die Geberländer, die Zivilgesellschaft und die multilateralen Organisationen können deutlich mehr bewirken, wenn sie ihre Ressourcen und Fachkenntnisse bündeln.

Beispielsweise ist die Impfrate in den ärmsten Ländern nach einem besorgniserregenden Tief in den neunziger Jahren heute so hoch wie noch nie. Seit dem Jahr 2000, als der Globale Fonds gegen Aids, Tuberkulose und Malaria gegründet wurde, konnten 390 Millionen Kinder zusätzlich geimpft und mehr als fünf Millionen Todesfälle vermieden werden. Vor 15 Jahren tobten Aids, Tuberkulose und Malaria als unkontrollierbare Epidemien. Es gab keinen praktikablen Plan, sie aufzuhalten. Erst seit der Globale Fonds die Investitionen aller Partner und die Anstrengungen der Länder für Prävention und Behandlung der drei Krankheiten über den Globalen Fonds koordiniert, sind deutlich weniger Menschen gestorben; die Zahl der neuen HIV-Infektionen ist im vergangenen Jahrzehnt ebenfalls kontinuierlich gesunken.

Vor 25 Jahren war in 125 Ländern die Kinderlähmung verbreitet, die Krankheit traf jedes Jahr beinahe 350.000 Kinder. Dank der Globalen Initiative zur Bekämpfung der Kinderlähmung ist Polio heute mit Ausnahme von drei Ländern beinahe überall verschwunden. Im Jahr 2012 wurden nur noch 223 Fälle gemeldet. Doch obwohl wir an der Schwelle zur Ausrottung stehen, zeigen jüngste Ausbrüche am Horn von Afrika und in Syrien, dass kein Land ganz sicher sein kann, solange das Virus nicht überall ausgelöscht ist. Obwohl wir bei den Überlebensraten der Kinder viel erreicht haben, bleibt eine traurige Tatsache bestehen: Von den 6,6 Millionen Kindstoden im Jahr 2012 hätte man die meisten verhindern können.

Wir wissen, was wir tun müssen, und wir wissen, wie es geht. Gefordert sind harte Arbeit, ein verbindliches politisches Engagement und ausreichende finanzielle Ressourcen. Lasst allen Kindern die Impfstoffe zukommen, die es gibt. Investiert in neue Medikamente und in Impfstoffe gegen die Krankheiten, die arme Länder am ärgsten belasten. Schafft mehr Gesundheitszentren für Mutter und Kinder.

Historisch war Deutschland ein Vorkämpfer der internationalen Entwicklungspolitik. Es war für besonders ergebnisorientierte Hilfe bekannt. Davon braucht die Welt mehr. In diesen Tagen, da die deutschen Spitzenpolitiker beisammensitzen, um eine neue Regierung zu bilden, hoffe ich, dass sie diese Aufgabe ins Auge fassen. Die Bundesrepublik hat in der Vergangenheit genau in jene stabilen Systeme der Grundversorgung investiert, die es braucht, um Impfungen und Medikamente wirkungsvoll anbieten zu können. Den Bau solcher einfachen Gesundheitszentren in Ländern wie Kenia, Malawi und Ghana auszuweiten wäre ein wesentlicher Teil im Kampf gegen die schlimmsten Krankheiten.

Deutschland hat derzeit die besten Voraussetzungen, eine noch stärkere Führungsrolle in der Entwicklungszusammenarbeit zu spielen. 2015 wird es als Gastgeber des G-8-Gipfels die Regierungschefs der großen Industrienationen zusammenbringen. Es ist ein Schlüsseljahr: 2015 laufen die Millennium-Entwicklungsziele aus, auf die sich die Staaten der Vereinten Nationen zur Jahrtausendwende einigten und die seither rasante Entwicklungsfortschritte bewirkt haben. Die Welt hofft auf Führung, wenn sie sich auf neue, messbare Ziele als Wegweiser für die weitere Verbesserung der Gesundheit verpflichten soll.

Deutschland ist eine der stärksten Volkswirtschaften der Welt. Daraus folgen nicht nur Möglichkeiten, sondern auch Verantwortungen. Eine Verantwortung wäre es, durch gutes Beispiel voranzugehen. Wenn Deutschland ein deutliches Bekenntnis zur Entwicklungshilfe ablegt, könnte es damit andere G-8-Nationen zu ähnlichem Engagement motivieren. Deutschland ist zu Recht stolz auf seine Innovationskultur und seine entwicklungspolitischen Fachkenntnisse. Es kann anderen Staaten damit Wege weisen – und Lösungen anbieten, die nicht nur die besten Ergebnisse erzielen, sondern auch jene Ehrfurcht vor dem Leben verkörpern, die Albert Schweitzer vor einem Jahrhundert so tiefsinnig ausgedrückt hat.

Korrekturhinweis: In der gedruckten Ausgabe wird im fünften Absatz Bezug auf GAVI genommen, die Globale Allianz für Impfstoffe und Immunisierung. Gemeint ist aber der Globale Fonds zur Bekämpfung von Malaria, Aids und Tuberkulose. Für die Online-Version des Textes wurde das korrigiert (ae).