DIE ZEIT: Herr Dunant, als ehemaliger Schweizer Botschafter helfen Sie heute selbst Mitarbeitern von Botschaften und internationalen Organisationen dabei, in Genf anzukommen. Wie würden Sie das Lebensgefühl in Ihrer Stadt beschreiben?

Christian Dunant: Genf ist eine kleine Stadt – und dennoch kosmopolitisch. Das ist schon mit unserer Geschichte zu erklären: Bereits im 14. und 15. Jahrhundert gab es zahlreiche Handelsmessen in Genf – wegen der günstigen Lage im Herzen Europas. Vor 150 Jahren gründete dann Henry Dunant, ein indirekter Vorfahre von mir, das Rote Kreuz. Wir sind hier also schon lange an Ausländer gewöhnt. Genf ist heute viel weltoffener als der Rest der Schweiz.

ZEIT: Sie sind Direktor des Centre d’Accueil Genève Internationale (Cagi), das seinen Sitz mitten im UN-Quartier hat. Was genau machen Sie in diesem Willkommenszentrum?

Dunant: Das Ziel ist Integration, dazu leisten wir praktische Hilfe. Zunächst laden wir jeden Neuankömmling mit einem Brief zu uns ein. Wer das Unterstützungsangebot annimmt, wird mit Informationen über Schulen, Wohnungen und das alltägliche Leben versorgt. Außerdem organisieren wir Veranstaltungen und Ausflüge in die Region, etwa zu Käsefesten. So treffen die Ausländer auch Einheimische. Wir wollen, dass sie Genf und die Region verstehen lernen.

ZEIT: Warum so viel Aufwand?

Dunant: Jedes Jahr kommen etwa 1500 Mitarbeiter internationaler Organisationen und Diplomaten neu in unsere Stadt. Die brauchen Hilfe. Ich war selbst 22 Jahre lang im Ausland und kenne die Probleme.

ZEIT: Sie haben als Botschafter in Pakistan und in Marokko gelebt. Was haben Sie da für Erfahrungen gemacht?

Dunant: Als Botschafter hat man im Normalfall keine Integrationsprobleme, weil man ständig zu Empfängen eingeladen wird. Ich habe aber gesehen, dass es für die Botschaftsmitarbeiter und Delegierten, die nicht in der ersten Reihe stehen, schwieriger ist. Genau diesen Leuten versuche ich auch in Genf zu helfen.

ZEIT: Wer nimmt Ihre Hilfe in Anspruch?

Dunant: Natürlich längst nicht alle. Deutsche beispielsweise wissen meistens, wie die Dinge funktionieren, weil die Lebensweise in Deutschland sehr ähnlich ist wie in der Schweiz. Viele sprechen Französisch und fallen nicht sonderlich auf. Zu uns kommen zum Beispiel Botschafter aus ärmeren Staaten. Der Inselstaat der Komoren etwa leistet sich erst seit Kurzem eine Vertretung in Genf – der Botschafter hatte große Mühe auf dem Genfer Immobilienmarkt. Doch wir konnten ihm dabei helfen, eine günstige Wohnung zu finden. Anfangs haben wir hauptsächlich Mitarbeiter diplomatischer Vertretungen unterstützt, heute sind wir auch für Angestellte multinationaler Unternehmen offen.

ZEIT: In Genf ist fast jeder Zweite ein Ausländer. Wie gut sind sie integriert?

Dunant: Bei einem so hohen Ausländeranteil ist es schwierig, von Integration zu sprechen. Manche bleiben nur ein paar Jahre hier, viele sprechen auch kein Französisch – da bewegt man sich lieber innerhalb der eigenen Community. Die chinesische Community zum Beispiel ist so groß, dass viele Chinesen gar nicht erst das Bedürfnis verspüren, sich auch unter die Genfer zu mischen.