Was redet der Ajatollah da? Will er dreieinhalb Jahrzehnte islamische Revolution auf den Kopf stellen? Drei Mal fragt man beim Übersetzer nach, doch ja, wirklich, Asadollah Imani predigt, dass es völlig in Ordnung sei, wenn der Iran Verständigung mit den Amerikanern suche. Es ist Freitagmittag in Schiraz, einer Millionenstadt im Süden des Landes. Gut tausend Gläubige sind in die große Moschee geströmt, um zu hören, welche Wegweisung der örtliche Statthalter des obersten geistlichen Führers zu geben hat. Vor den Eingängen laufen Polizisten mit Maschinengewehren hin und her, jeder Ankömmling wird durchsucht. Vor allem ältere und ärmere Männer versammeln sich allwöchentlich hier. Sie legen kleine schiitische Gebetssteine vor sich auf die türkisblauen Teppiche. Die Stirn, so will es ihr Glaube, muss sie berühren, um eine Verbindung zu Gott herzustellen.

Es waren einige Instanzen zu passieren, um als Journalist hier hereinzukommen. Anfrage bei der Stadtverwaltung von Schiraz; die schickt einen Beamten. Der legt sodann dem Moscheeverwalter einen Haufen Papiere vor. Der Moscheeverwalter wiederum telefoniert mit drei oder vier Helfern und funkt per Walkie-Talkie durch die Moschee. Zwanzig Minuten dauert das Hin und Her, dann lächelt der Vorsteher freundlich und deutet auf die Tür zum Gebetsraum.

Dort wartet eine Überraschung. Denn was sich hier und in anderen Predigthallen überall im Iran derzeit abspielt, ist neu. Die höchsten Geistlichen des Landes reden plötzlich von nationalen Interessen, denen die Politik zu folgen hat. Und nicht mehr davon, dass sich alle Politik dem Islam unterordnen müsse.

"Sechzig Jahre lang waren wir Zeugen amerikanischer Feindseligkeit gegen unser Volk", ruft Ajatollah Imani, "darum die Parolen ›Nieder mit Amerika!‹ Weil sie unsere Interessen ständig ignoriert haben. Aber wenn die Amerikaner mit ihrer Unterdrückungspolitik aufhören, haben wir keinen Streit mehr mit ihnen. Sollten sie auf weise, faire Art mit uns reden, von Regierung zu Regierung, hätte der oberste Führer Chamenei nichts dagegen. Ebenso wenig wie jeder frei denkende Mensch in diesem Lande. Wir müssen das Beste aus dem machen, was heute in der Welt passiert, im Interesse unserer Nation."

Stille. Keine Regung im Rund der Gläubigen. "Gott segne den Propheten und seine Familie!", sprechen sie zum Schluss im Chor. Der Ajatollah bittet sie, in diesen Segen neben dem religiösen Führer auch den Präsidenten einzubinden.

Darin steckt eine politische Botschaft. "Das war’s", sagt der Beamte der Stadtverwaltung, während sich die Menge vor der Moschee verzieht. "Ein klares Signal. Ajatollah Chamenei steht hinter Präsident Ruhani." Will sagen: Sowohl nach dem Willen des religiösen wie auch dem des republikanischen Führers soll es mit der Dämonisierung des Westens allmählich ein Ende haben.

Es ist Frühling im Iran. Allerdings ein anderer Frühling als 2011 und danach in der arabischen Welt. Ein Aufbruch, dessen Protagonisten aus den chaotischen Folgen der dortigen Umwälzungen ihre Lehren gezogen haben. Ihm kommt zugute, dass die gesellschaftliche Macht nicht mehr alternden Theokraten gehört, sondern der Jugend. Im Jahr 1978, kurz vor der islamischen Revolution, hatte das Land 38 Millionen Einwohner. Heute sind es 75 Millionen. Und die Mehrheit der jungen Mehrheit hat nie die Weltanschauung des politischen Islam geteilt, die dem Kampf gegen das Schah-Regime Rückhalt gab.