Politisierung in der Kunst führt zur Barbarei in der Ästhetik. Dieses Diktum von Hanns Eisler gilt auch in aufgeregten Zeiten. In eine solche fiel das Jazzfest 2013. Hier galt’s der Kunst. Fernab vom sperrangelweiten Merkelgate eroberten die US-Amerikaner Berlin.

Bert Noglik, dem sächsischen Jazz-Doktor Allwissend, gelang in seinem zweiten Jahr als Festivalchef die Quadratur des Kreises. Sein Auftrag lautete: Biete alles! Und Noglik bot: Stars und Steinewälzer, Schwarzbrot und Spiele. Fast jedes der 18 Konzerte war ausverkauft. Das würdige Berliner Jazzvolk jubelte. Einst hatte es Duke Ellington ausgebuht und Sarah Vaughan mit Klopapier beschmissen. Heute liebt es. Vier Tage und Nächte kein einziges Buh.

Als Herzensbrecher wirkte Christian Scott. Der junge Trompeter aus New Orleans ist ein Traditionsverkünftiger. Auf Dizzy Gillespies himmelwärts geknicktem Horn blies er durch die Jazzgeschichte und vergaß nicht deren Schmerzen. Eben noch charmebolziger Conferencier, erzählte er wütend von einer Polizeikontrolle, bei der sich der schwarze Bürger Scott zum Gaudi weißer Staatsorgane entblößen musste – grundlos, die Waffe am Kopf. Gnädig entlassen, komponierte er Ku Klux Police Department. Hard Bop als Notwehr.

Wie anders triumphierte Jack DeJohnette. Der ultimative Schlagzeuger des Jazz, nun 71, diente, polyrhythmisch federnd, seiner Ensembleästhetik. In diesem gediegenen Sinn brillierten auch Reeds-Bläser Don Byron, Bassist Jerome Harris und der zuweilen angezuckerte Multi-Keyboarder George Colligan. Der fünfte Instrumentalist des Quartetts war die Stille. DeJohnette sublimiert jegliches Getön, gemäß dem Motto seines Plattenlabels ECM: The most beautiful sound next to silence . Leider siegte die Stille bereits nach vierzig Minuten. Das lustentrückte Publikum erlitt einen Interruptus.

Zu preisen ist die gewaltig groovende Überjam-Band des Meistergitarristen John Scofield. Der hatte nicht vergessen, dass seine große Karriere einst bei den Berliner Jazztagen begann. Sonst, rief Scofield, wäre er heute Taxifahrer. Doch der sagenhafteste US-Gast hieß Pharoah Sanders. Dessen flammend schreiendes Saxofon beschwor den afro-spirituellen Geist seines toten Fackelbruders John Coltrane. Sanders umgaben ratternde Trommler aus Marokko, Benin und Senegal: die Gnawa Jazz Voodoo Connection des Pianisten Joachim Kühn. Der wühlte die Tasten mit bachlisztiger Gewalt. Europäer bleibt der Afrophile immer.

Vieles muss hier ungelobt bleiben. Zwei Auftritte überragten. Das New Orleanser Krafthorn Terence Blanchard trompetete à la Hurrikan Katrina. Er verstärkte das fulminante Hard-Bop-Trio des jungen polnischen Pianisten Michał Wróblewski, der dem Welt-Idiom Jazz auch seinen Warszaw Blues abgewann. Blanchard und Polen errangen einen Sieg der Klassik.

Dasselbe gelang auch einem Avantgarde-Jubilar, dem demnächst 80-jährigen Saxofonisten Ernst-Ludwig Petrowsky. "Luten", der Vater des DDR-Freejazz, erschuf eine historische Nacht in der Akademie der Künste. Er spielte drei Konzerte en suite – zunächst coltranesk mit Ruf der Heimat, dann colemännlich mit Ornette et cetera.

Und dann erschienen die vier Evangelisten des freien Ostens: Conny Bauer, Ulrich Gumpert, Günter Sommer und Petrowsky. Einst zertrümmerten sie Harmonie, heute singt ihre Freiheit Lieder. Das musste so kommen. Alles Unvergessliche wird Heimat, also Klassik – so wahr Petrowsky, der Große Mecklenburger, bis zum Jüngsten Tage Charlie Parker hört.