Weil der Feind heute überall lauern und jederzeit zuschlagen kann, gilt die ganze Welt jetzt als Kriegszone. Und er wird von amerikanischen Geheimdiensten und Militärs entsprechend behandelt – "24/365", rund um die Uhr, Tag für Tag und Jahr für Jahr. In weit über 100 Ländern sind Spezialeinheiten der CIA, der NSA und des Joint Special Operations Command (JSOC) mittlerweile aktiv. Wer Glück hat, wird nur abgehört. Ohne Gewähr selbstverständlich, denn mit jeder Änderung der Algorithmen kann die Fahndung auf neue, vormals unverdächtige Merkmale ausgeweitet werden. Dann aber muss man mit allem rechnen, bestenfalls mit Schikanen, womöglich aber auch mit Entführung, Folter, Ermordung.

Der schlimmste Fall gehört in der muslimischen Welt inzwischen vielerorts zur Alltagserfahrung. Dort tun junge Männer im wehrfähigen Alter gut daran, sich nicht zur falschen Zeit am falschen Ort aufzuhalten. Und schon gar nicht in Gruppen aufzutreten. Dann nämlich erfüllen sie die Verdachtskriterien für einen signature strike, für einen Drohnenangriff gegen Personen, deren Bewegungsprofil und Sozialverhalten angeblich den Suchkriterien der Anti-Terror-Dateien entsprechen. Sollte darüber in der Zeitung zu lesen sein, dann gemeinhin unter Überschriften wie "Versehentlicher Angriff auf Hochzeitsgesellschaft", "Tote bei Familienfeier" oder "Technisches Versagen fordert zivile Opfer".

Den weltweiten Krieg im Schatten sichtbar zu machen, unbeobachteten Akteuren Namen und Adressen zu geben, über Opfer zu sprechen und nicht zuletzt die USA mit den Konsequenzen ihrer Politik zu konfrontieren: dieser Aufgabe hat sich der amerikanische Journalist Jeremy Scahill seit Jahren verschrieben. Unser Wissen über private Militärunternehmen wie Blackwater, die zwischen 2003 und 2007 zeitweise mehr als die Hälfte des im Irak eingesetzten US-Personals stellten, ist zu einem Gutteil ihm zu verdanken. Auch bei der Lektüre seines neuen Buches Schmutzige Kriege. Amerikas geheime Kommandoaktionen (Kunstmann Verlag, München 2013; 720 S., 29,95 €, als E-Book 22,99 €) drängt sich ein in die Jahre gekommenes Sprichwort auf: Journalism is the first draft of history.

Identifiziere den Feind, bestimme seinen Standort und erledige ihn

Journalisten können demnach Geschichte machen oder den ersten Entwurf zur Geschichte ihrer Zeit abliefern. Vielleicht gelingt ihnen, wenn sie wirklich gut sind, auch beides. Als 1963 der Herausgeber der Washington Post, Phil Graham, das seit Beginn des 20. Jahrhunderts geläufige Bonmot vom Journalismus als erstem Entwurf der Geschichte aufgriff und in öffentlicher Rede aufpolierte, wollte er vermutlich die Reporter seines Blattes adeln. Oder er hatte intuitiv das goldene Zeitalter des investigativen Journalismus vor Augen, das wenige Jahre später anbrach und in dessen Verlauf Reporter wie Seymour Hersh, Bob Woodward oder Carl Bernstein tatsächlich Geschichte schrieben.

Heute ist Jeremy Scahill mit den Granden seines Fachs in einem Atemzug zu nennen. Zumindest insofern, als er zum wiederholten Mal Zeitgeschichte auf brillante Weise durchdrungen und dargestellt hat – zur wohlverdienten Blamage von Sozialwissenschaftlern und Historikern, die sich, aus welchen Gründen auch immer, um das Wesentliche drücken. Und nicht zuletzt, weil er Fragen aufwirft, die weit über das Verfallsdatum eines einzelnen Buches hinaus von Interesse bleiben.

Wie schreibt man über Akteure und Apparate, die es offiziell überhaupt nicht gibt? Oder die allenfalls in schemenhaften Umrissen bekannt sind? Die Rede ist vom Joint Special Operations Command, bei dem die Fäden des amerikanischen Krieges gegen den Terror zusammenlaufen. Ende der 1970er Jahre gegründet, stellte das JSOC die Schattenkrieger für Einsätze, die auf keinen Fall publik werden sollten, weil sie mit Absicht jenseits von Recht und Gesetz durchgeführt wurden. Find, fix and finish lautet der Auftrag bis heute, in freier Übersetzung: Identifiziere den Feind, bestimme seinen Standort und erledige ihn. Dass es dergleichen Geheimkommandos mit Mordauftrag gibt, ist nicht weiter verwunderlich. Um ganz anderes geht es, wenn sie vom schmuddeligen Rand eines Apparates ins Zentrum rücken. Wenn, in anderen Worten, ihre Politik zur Politik der Regierung wird.