Dass Gottes Allmacht und seines Sohnes barmherziges Wirken in allen Zügen der Schöpfung zu beobachten seien, gehört zu den selbstverständlichen Grundannahmen christlicher Pädagogik. Die Vermittlung entsprechender Andachtsgefühle konnte aber natürlich auch übertrieben werden, wovon ein berühmter Witz aus der Steinzeit konfessioneller Schulen zeugt. Auf die Lehrerfrage "Was hat einen buschigen Schwanz, springt von Ast zu Ast und ernährt sich vornehmlich von Nüssen?" antwortet da ein gequälter Schüler: "Normalerweise würde ich ja sagen, es ist ein Eichhörnchen, aber so, wie ich die Schule hier kenne, muss es wohl das Jesuskind sein."

Im Allgemeinen verlangen Eichhörnchen jedoch keinen christologischen Hintergrund, um gesteigert niedlich und liebenswert zu wirken. Die großen runden Augen, die Pinselohren, vor allem die possierlichen Händchen, in denen sie die Nuss anbetend halten, genügen zum Entzücken schon. Es ist wohl überhaupt so, dass alle Tiere, deren Vorderpfoten zum menschenähnlichen Halten und Greifen ausgebildet sind, uns tief bewegen. Der Hamster, die Maus, auch der sonst so lästige Waschbär zeigen die Gesten, die denen unserer Hand entsprechen. Das ist genau das "Süße", von dem wir auch bei Hunden oder Katzen sprechen, wenn sie mit ihrer deutlich ungelenkeren Pfote unter dem Sofa wie mit einer Hand nach etwas angeln.

Umso größer die Verbitterung, wenn sie trotzdem beißen. Und Eichhörnchen erst recht gehören zu den bissigsten Tieren überhaupt! Wer je versucht hat, eines zu streicheln, das sich ins Haus verirrt hat, wird viel geflucht und nach Jod und Pflaster gerufen haben. Aber worauf beruht die Enttäuschung? Erwarten wir von Tieren, die sich in einer Hinsicht als menschenähnlich zeigen, dass sie sich in anderer Hinsicht auch menschenfreundlich verhalten?

Um den Enttäuschungsgrad zu senken, müsste man übrigens nur daran erinnern, dass auch unsere Kinder, die ja in mehr als einer Hinsicht als menschenähnlich gelten dürfen, durchaus kräftig zubeißen können, wenn sie sich belästigt fühlen. Aber offenbar gilt uns Menschenähnlichkeit bei Tieren zunächst nur als Vorschein des Guten – was einen tiefen Blick in unser illusionäres Selbstbild erlaubt. Dichter haben sich davon nie täuschen lassen. Ingeborg Bachmann hat zum Beispiel in ihrem Hörspiel Der gute Gott von Manhattan Eichhörnchen auftreten lassen, die über noch viel mehr menschliche Eigenschaften verfügen (unter anderem können sie Briefe schreiben und lesen), aber zugleich satanisch boshaft sind. Mit ihren niedlichen kleinen Vorderpfoten tragen sie am Ende sogar eine tödliche Bombe in das Liebesnest der Hauptfiguren.

Das heißt aber nicht, dass sie deswegen als verflucht und gottverlassen zu gelten hätten. Sie sind nicht durch Menschenähnlichkeit Menschensünder geworden. Sie sind vielmehr im Auftrag des titelgebenden guten Gottes unterwegs, was aber wiederum auch nicht heißt, dass sich die Dichterin etwa über die Kirche lustig machen wollte. Es ist wie immer bei der Bachmann alles ziemlich kompliziert. Der gute Gott sorgt für Ordnung, die durch das Liebespaar gestört wurde, und da kommen ihm die boshaften kleinen Eichhörnchen sehr zupass. So ungefähr. Jedenfalls muss man damit rechnen, dass in der Schöpfung alles zusammenhängt und für Ausgleich sorgt, woraus jedoch – dritter möglicher Irrtum – noch immer nicht folgt, dass in jedem Eichhörnchen das Jesuskind spukt. Es ist wahrscheinlich eher der Teufel, aber auch der hat nun einmal seinen Platz in der Heilsgeschichte.