1927 diagnostizierte die New York Times "Anzeichen zunehmenden Größenwahns" beim Duce. In seiner berühmten Himmelfahrtsrede – "Alles innerhalb des Staates. Nichts gegen den Staat. Nichts außerhalb des Staates" – wetterte Mussolini vor allem gegen die Mafia: "›Wann ist der Kampf gegen die Mafia zu Ende?‹, wird man mich fragen. Er ist nicht etwa dann zu Ende, wenn es keine Mafiosi mehr gibt, sondern erst wenn die Sizilianer sich nicht einmal mehr an die Mafia erinnern."

Mussolini verstand die Mafia schon richtig als Staat im Staat und somit als Konkurrenz um die höchste Autorität im Land. Die Mafia allerdings gleich auch aus dem Gedächtnis Siziliens ausrotten zu wollen, das ist in der Tat größenwahnsinnig. Es gab einige "Feldzüge" der Faschisten gegen die Mafia in Sizilien und in geringerem Maße in Kampanien und Kalabrien. Es gab brutale Gemetzel, denen auch Frauen und Kinder zum Opfer fielen. Terror und Gegenterror schaukelten sich auf. Am Ende stand die Einsicht, dass man durchaus Mafioso und Faschist gleichzeitig sein konnte. So wie später Mafioso und Christdemokrat. 1932 wurde verkündet, dass der Faschismus die Mafia besiegt hatte. "Was auch immer die Mafia" war, wie John Dickie sarkastisch anmerkt.

Ein klein wenig größenwahnsinnig ist allerdings auch das Projekt des englischen Historikers John Dickie, nach seiner Geschichte der Cosa Nostra (2005) jetzt mit Omertà gleich Die ganze Geschichte der Mafia: Camorra, Cosa Nostra, ’Ndrangheta auf 892 Seiten aufblättern zu wollen. Wie ein akribischer Historiker wühlt sich Dickie tapfer durch die Frühgeschichte der drei wichtigsten italienischen Verbrechensorganisationen: der sizilianischen Mafia, der Camorra aus Neapel und Kampanien und der kalabresischen ’Ndrangheta. Auch wenn deren Gründungsmythen unterschiedlich sind – von anti-etatistischen Bewegungen bis zur blanken Kriminalität –, die Unzahl der Belege und der eingestreuten Anekdoten zeigen immer wieder dieselben Muster: Alle drei Organisationen funktionieren, weil sie sich nach außen abschotten. Das Gesetz des Schweigens, die titelgebende Omertà, etabliert einen Nimbus, der sehr erfolgreich Verhalten steuert, auch wenn de facto oft geredet wird. Und sie versuchen, die "offiziellen" Strukturen von Justiz, Polizei, Politik unter ihre Kontrolle zu bringen.

Dickies Tour de Force korreliert die Wirtschafts- und Sozialgeschichte Italiens mit den Geschäftszweigen der drei Mafias: von der Schutzgelderpressung über den Bauboom, die Drogen, die Entführungs- und Müllindustrie bis zum Geschäft mit den Agrarsubventionen. Dabei wird Dickies historischer Ansatz zunehmend problematisch. Dickie verwendet den Begriff Mafia uneindeutig: Meint er nun la mafia aus Sizilien oder meint er Mafia als Verhalten, als generalisierbarer Terminus für verbrecherische Aktivitäten überall auf der Welt (Triaden, Yakuza, Kartelle)? Meint er, wenn er über ein Mitglied der ’Ndrangheta spricht, der gleichzeitig Mafioso ist, dass Personalunion in zwei Stämmen möglich sei oder dass mafioses Verhalten auch auf kalabrische Gangster zutreffe?

Zweites Problem: Dickie kann kleinteilig gut beschreiben, wie die jeweilige Gruppierung sich zum Staat verhält und wo der Staat Erfolge gegen die Mafia erzielt hat. Er kann zeigen, wo es in der Bevölkerung wirksame Anti-Mafia-Bewegungen gibt (auf Sizilien) und wo weniger (in Kalabrien), wo Öffentlichkeit zumindest ein Problembewusstsein schafft (in Neapel, wo Roberto Saviano die Camorra zumindest herausgefordert hat), aber letztendlich bleibt vieles im nur Lokalen, fast Folkloristischen stecken. Die jeweiligen Gründungsgeschichten, deren massenmediale und populärkulturelle Vermitteltheit Dickie lobenswerterweise mitdenkt, bleiben museal. Man versteht zwar, was da in Italien passiert ist, aber Dickie scheut sich vor Folgerungen. Bei der Lektüre besteht die Gefahr, die Rolle des hochkomplexen Organisierten Verbrechens nur auf Italien und ein paar Kolonien wie Duisburg beschränkt zu sehen, eben als typisch "italienische Verhältnisse".

Wie weit die Verflechtung von legalen und illegalen Wirtschaftspraktiken, Geldflüssen und politischer Verquickung längst global gediehen ist, haben Dickies Kollegen Misha Glenny und Moses Naim vor Jahren wesentlich präziser beschrieben. Das gilt auch für die Rolle der italienischen Altstrukturen, die von den neuen "Dienstleistungen für alle Arten von Profitmaximierung" geschickt genutzt werden und die Dickie nur streift. Die klassischen Aktivitäten, die Dickie hingegen hauptsächlich beschreibt, sind begrenzt, die lokalen Ausprägungen und ihre Gewaltkulturen sind eben das, was sie sind: lokale Phänomene, die aber ihre Äquivalente in aller Welt haben.

Dickie mokiert sich darüber, dass man Mafiosi wie "Geschäftsleute mit Knarren" betrachte – das sei unterkomplex. Es gibt, auch nach der Lektüre seines vor Material platzenden Buches, gute Gründe, solche Formeln als Kondensat für ziemlich zutreffend zu halten.