Es muss ein sehr einsames Leben gewesen sein, ein Leben mit Beckmann, mit Dix, Chagall und Spitzweg. Ein Leben mit der Kunst und doch im Dunkeln. Die Fenster des Apartments in München-Schwabing waren verhängt, sogar der Türspion war zugeklebt. Rolf Nikolaus Cornelius Gurlitt hatte wohl große Angst vor den Blicken Fremder, niemand sollte den Schatz entdecken, den er in seiner Wohnung hinter einem Vorhang versteckt hielt – und der jetzt nicht nur die Kunstwelt in helle Aufregung versetzt.

Es ist ein Sensationsfund, die größte Entdeckung verschollener Kunstwerke seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Und es ist eine Geschichte, die mysteriöser kaum sein könnte. Sie handelt von ungesühnten Naziverbrechen, von ausgeplünderten jüdischen Sammlern, von über 100 Museen, denen die herrlichsten Bilder entwendet wurden. Und es ist eine Geschichte über die Kunsthändler und ihre Angehörigen, die davon profitieren – bis heute.

20.000 Bilder wurden ab 1937 als "entartet" aus deutschen Museen entfernt; dazu kommen Tausende weitere, die man privaten Besitzern raubte. Ehemalige Besitzer, Erben und Museumsdirektoren suchen seit Jahrzehnten auf der ganzen Welt nach ihnen. Und nun das: 1.400 der verschollenen Kunstwerke, ein Schatz, dessen Wert bereits auf die Fantasie-Summe von einer Milliarde Euro geschätzt wird, lagerten in einem Apartment-Haus nahe dem Englischen Garten. Gemälde von Dix, Matisse und Chagall und vielen anderen wichtigen Künstlern, gehortet zwischen Packungen mit längst abgelaufenem Saft und Fertigknödeln.

Insgesamt 1.285 ungerahmte Werke, darunter viele Papierarbeiten, und 121 gerahmte Bilder von Beckmann, Kirchner, Klee, Kokoschka, Marc, Nolde, Munch, Renoir, Picasso, Dürer, Pechstein, Spitzweg, Toulouse-Lautrec, Courbet, Liebermann ... – es ist noch unklar, wie viele weitere auratische Namen man dieser Aufzählung hinzufügen muss – soll Cornelius Gurlitt, 79, jahrzehntelang in seiner Wohnung verwahrt haben. Mit dem Verkauf einiger dieser Bilder finanzierte er wohl über die Jahre sein zurückgezogenes Leben. Bis die Zollfahndung – wie erstaunlicherweise erst jetzt bekannt wurde – schon im September 2010 auf den mit einem österreichischen Pass reisenden Mann stieß, als er von München aus in die Schweiz und am selben Tag wieder zurückfuhr. Im Gepäck fanden sich laut einem Bericht des Magazins Focus leere Briefkuverts, im Geldbeutel eine große, aber noch nicht meldepflichtige Geldsumme in frisch gedruckten Euro-Scheinen; der Mann gab an, ein Kunstgeschäft in der Berner Galerie Kornfeld getätigt zu haben – was die Galerie inzwischen für diesen Zeitraum bestreitet. Die Zollfahnder beobachteten den Mann fortan und durchsuchten schließlich im Frühjahr 2012 dessen Münchner Wohnung, wo ihnen der spektakuläre Fund gelang.

Gurlitt führte ein Leben als Phantom, nicht angemeldet, ohne Steuernummer

Er hatte sich dort mit der Kunst verbunkert, Konserven und Fertignahrung gab es für Monate oder sogar Jahre, dazu Einkaufstüten voll unausgepackter Pyjamas. Gurlitt führte ein Leben als Phantom, ohne Steuernummer, ohne Krankenkasse, nur im österreichischen Salzburg gemeldet, wo er noch ein Haus besitzt. Selbst eine in München wohnende Verwandte hat erst jetzt von seinem Leben in Schwabing erfahren.

In diesem Haus in München-Schwabing wurden die Bilder entdeckt.

Im Wohnzimmer hingen nach Informationen der ZEIT einige Grafiken an der Wand, dort stand auch eine kleine Skulptur. Der Kunstschatz aber lagerte in einem etwa 30 Quadratmeter großen Zimmer, in einem Holzregal. Oben waren ein paar Dutzend Ölgemälde nebeneinander gestapelt, unten wurden Hunderte Aquarelle, Zeichnungen, Drucke, aber auch ungerahmte Ölbilder in einem Grafikschrank verwahrt. Die Fahnder glaubten, auf die Beute einer Straftat gestoßen zu sein, sie beschlagnahmten die Kunstwerke und ließen sie von einer Kunsttransportfirma abholen.

Seither lagert der Kunstschatz an einem geheimen Ort in Bayern, die Staatsanwaltschaft Augsburg ermittelt wegen des Verdachts auf Unterschlagung und eines "dem Steuergeheimnis unterliegenden strafbaren Sachverhalts". Auf Kontaktversuche der ZEIT reagierte Gurlitt nicht. Die Staatsanwaltschaft weiß nicht, wo er sich derzeit aufhält.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Woher stammt der Bilderschatz? Gurlitt hat ihn wohl zu einem großen Teil von seinem so berühmten wie berüchtigten Vater Hildebrand Gurlitt (1895 bis 1956) geerbt. Dieser war von 1925 bis 1930 Direktor des König-Albert-Museums in Zwickau gewesen, danach Leiter des Kunstvereins in Hamburg, bis ihn 1933 die Nazis absetzten, nicht nur weil er in ihrer Terminologie ein "Vierteljude" war, sondern auch weil er sich für die später als "entartet" denunzierte Kunst eingesetzt hatte – etwa für Expressionisten wie Max Pechstein oder Erich Heckel. Einige Jahre später jedoch sollten die Nazis ihn als einen von vier Kunsthändlern beauftragen, aus ebenjener "entarteten Kunst" Gewinn zu schlagen – fürs Regime und nebenher für sein Privatkonto. Die Münchner Provenienzforscherin Vanessa Voigt beschreibt ihn als eine beeindruckende, aber auch schillernde Persönlichkeit.