Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich möchte erklären, warum Menschen oft widersprüchliche politische Meinungen haben. Nico Schwanz ist der Name eines bekannten deutschen Fotomodells, er ist ein hübscher Junge und hat auch im Dschungelcamp mitgemacht. Ich dagegen war zu der traditionsreichen "Erbsenlesung" eingeladen. Ein Autor liest vor, dazu gibt es heiße Erbsensuppe. Das ist das Konzept. Mein Hotel lag draußen in einem Industriegebiet, gegenüber konnte man Reifen, Baustahl und Heizöl kaufen. Außerdem war das Hotel eine Videothek, sie hatten Stirb langsam 4.0 mit Bruce Willis. Bruce Willis und ich, wir sind die gleiche Generation.

Unter dem Hotel, im Keller, war eine Bar. Im Hotelflur hingen Fotos einer blonden Schönheit im Bikini, eines Models. Auf einem weiteren Foto war Nico Schwanz dabei zu sehen, wie er seinen Arm um die blonde Schönheit legte. Ich dagegen fuhr mit dem Taxi zur Erbsenlesung, die ein paar Kilometer entfernt in einem Hotel in der Altstadt stattfand. Dort erfuhr ich, dass ich aus einem Buch vorlesen sollte, das ich überhaupt nicht dabeihatte. Die Dame vom Kunstverein sagte: "Das war so ausgemacht." Dies ist eine verdammte Lüge gewesen.

Ich stand vor dem Hotel, während die Besucher hineingingen, und roch die Erbsensuppe. Ich dachte, was mach ich jetzt bloß, ohne das Buch, und zündete mir eine Zigarette an. Ein Besucher trat auf mich zu und sagte, dass er meine letzte Kolumne schlecht fand, außerdem solle ich endlich aufhören zu rauchen. Ich hatte Hunger, weil es im Industriegebiet nichts zu essen gab. Das habe ich der Dame vom Kunstverein gesagt. Sie antwortete, leicht verärgert, in dem Hotel habe auch schon die Nobelpreisträgerin Herta Müller gewohnt. Der Nobelpreisträgerin habe es in dem Industriegebiet sehr gut gefallen. Womöglich hat Herta Müller mit Nico Schwanz und dem Model in der Kellerbar sogar ein paar Piccolos getrunken. Dieser Punkt ging an den Kunstverein.

Als die Lesung anfing, begannen verschiedene Leute, mit Blitzlichtern zu fotografieren. Das bringt mich immer total aus dem Konzept. Ich sagte, bitte hören Sie auf, das bringt mich total aus dem Konzept. Daraufhin wurde eine der Fotografinnen wütend. Sie sagte, sie sei von der Lokalzeitung. Wenn ich mich nicht fotografieren ließe, würde ich in der Lokalzeitung wahrscheinlich nicht gut behandelt werden. Sie rate mir, im Guten, mal besser ruhig zu sein und sie in Ruhe blitzen zu lassen, also, falls ich Wert auf eine positive Behandlung lege. Wir haben eine Weile diskutiert. Dann ging es los. Ich habe irgendwas gelesen. Das Mikrofon funktionierte nicht richtig. Menschen riefen: "Wir hören nichts!" Die Dame vom Kunstverein saß in der ersten Reihe. Nach einigen Minuten stand sie auf und verließ den Saal. Ich glaube nicht, dass es eine von meinen besseren Lesungen war.

Am Ende war die Dame wieder da und überreichte mir, als offizielles Geschenk des Kunstvereins, ein Einweckglas mit kalter Erbsensuppe. Wenn ich in diesem Moment eine Waffe dabeigehabt hätte, dann wäre ich auf jeden Fall gefährdet gewesen, also, in diesem Moment. Ich hätte nicht auf Menschen geschossen, aber ich wäre in die Küche gerannt und hätte den Topf mit der Erbsensuppe mit 30 Kugeln durchsiebt, wie Bruce Willis in Stirb langsam 4.0. Anschließend habe ich in einer Sportbar zwei Stunden lang ununterbrochen geraucht und getrunken und habe zwei Tafeln Schokolade gegessen. Ein Joint wäre mir lieber gewesen. Einerseits bin ich für schärfere Waffengesetze, andererseits bin ich für eine liberale Drogenpolitik. 

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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