Spiel, Satz und Sieg: Pavarotti! Die Stoppbälle des Tenors lassen im Tennismatch auf einer luxuriösen Datscha bei Moskau, vormals ein Vereinsheim des KGB, sogar den stämmigen Boris Jelzin stehen. So erzählt es jedenfalls Ape ("der Affe") Belodon, der nunmehr Besitzer des Anwesens und Herr des Drogengeschäfts ist, dem neugierigen Ermittler Arkadi Renko. Den kennen wir seit seinem ersten Auftritt in Gorki Park , im eiskalten Winter von 1981. Und mit ihm fragen wir uns, ob jenes Match der Giganten Pavarotti und Jelzin nun "Wahrheit, Halbwahrheit oder dichterische Freiheit" ist – was aber keine Rolle spielt, weil es ohne jede Bedeutung für den Fortgang des Geschehens und bloß eins der Erzählspäßchen ist, wie Martin Cruz Smith sie hin und wieder einstreut.

Die Frage nach der Authentizität drängt sich auf, weil er die Handlung seines neuen Thrillers zunächst aus markanten Episoden der Skandal- und Katastrophengeschichte im neuen Zarenreich des Wladimir Putin aufbaut: mit Erzählbausteinen aus dem "schmutzigen Krieg" in Tschetschenien; aus dem Geiseldrama im Moskauer Dubrowka-Musicaltheater mit seinen vielen unschuldigen Opfern einer brutalen "Befreiungsaktion", die vom Staatsfernsehen 2002 als "großartigste Operation der Geschichte" gefeiert wird; und schließlich mit dem selbst verschuldeten Untergang des Atomwaffenträger-U-Boots Kursk in der Barentssee, bei dem im Jahr 2000 118 Seeleute umkamen.

Wer über all dies kritisch berichtet hat? In der unabhängigen Novaya Gazeta war es die große Anna Politkowskaja, die am 7. Oktober 2006 – dem Geburtstag des Genossen Putin – im Treppenhaus ihres Moskauer Mietshauses erschossen wird. Ihre Doppelgängerin im Roman heißt Tatjana Petrowna und ist oder wird vom Balkon des gleichen Hauses gestürzt; offiziell ist es ein "Selbstmord". Dass ihre Leiche so eilig abtransportiert und dann "verloren" wird, bringt den Ermittler erst auf ihre Spur.

Dies ist aber kein politischer Schlüsselroman, denn bald biegt Cruz Smith auf die vertraute Straße des Thrillers ab. Die Suche nach der Wahrheit über Tatjana wird mit dem Kampf der Mafiabosse verknüpft, die nach dem gewaltsamen Tod des Paten Grigorenko um Marktanteile rangeln. Ein heftig umkämpftes Notizbuch weist – leider arg verschlüsselt – auf einen Deal um das Schwesterschiff der ominösen Kursk hin, der allen Clans wie auch den Herren aus Politik und Militär saftige Privatprofite verspricht. Er soll in Tatjanas Heimatstadt Kaliningrad abgewickelt werden, in der "Stadt des Philosophen", wie der zwielichtige Dichter Maxim den Ermittler wissen lässt, und "der korruptesten Stadt Russlands".

Leider gelingt es Cruz Smith nicht, dieses Urteil über Kaliningrad anschaulich zu machen. Das ist schade, weil seine früheren Bücher, etwa Stalins Geist (2007) oder Die goldene Meile (2010) wesentlich von der atmosphärischen Dichte der Schauplätze, Szenerien und Milieus leben und damit als eine Chronik russischer Alltags- und Sittengeschichte seit der späten Breschnew-Ära lesbar sind. Die wiederholt beschworene Monstrosität des ehemaligen Königsberg aber bleibt schemenhaft, und auch die Wanderdünen der Kurischen Nehrung, wo es zur Verfolgungsjagd auf Fahrrädern und zu einem finalen Showdown kommt, können das nicht aufwiegen. Alles in allem lässt sich trotz eines eher erstaunlichen Happy Ends eine leise Enttäuschung nicht verbergen. Warten wir also auf das nächste Kapitel der Chronik; die russische Wirklichkeit dürfte auch weiterhin jede Menge Rohstoff liefern.