Jetzt beginnen sie, die Heiligen-, Haudegen- und Heldenwochen beim Leutschenbacher Farbfernsehen. Uns allen wird sicher ganz tagesschauerlich ums Herz, und wir werden Lust bekunden, uns zu erheben und die Nationalhymne anzustimmen. Diese gab es zwar noch nicht, aber man soll es mit geschichtlicher Genauigkeit nicht übertreiben wollen, wenn es ums Fernsehen geht. So haben wir das in den vergangenen Wochen gelernt. Und wenn wir alle Sendungen mit den sechs Herren gesehen haben, wissen wir, wer wir sind (Männer), woher wir kommen (aus dem Fernsehen) und was Schweizer Identität ist (das Ergebnis des Quotenprogramms der SRG). Lob und Dank sei dem Herrn de Weck.

Genug gefrotzelt. Ich finde es toll, dass über die Schweizer Geschichte diskutiert wird, auch wenn ich mir einen anderen Anlass dazu gewünscht hätte. Als Kontrastprogramm will ich hier aber nicht über eine der weggesparten Frauen schreiben, sondern über einen Mann. Einen Politiker, aufgewachsen an der Grenze zu Deutschland.

Auf die Gefahr hin, Sie enttäuschen zu müssen: Er war nicht der Sohn eines Pfarrers, sondern der eines Lehrers. Er lebte im 19. Jahrhundert und war einer meiner Vorgänger im Ständerat, wenn auch nur für wenige Wochen. Das war 1881, und es kam so: Wilhelm Klein – so sein Name – war im damals konservativen Basel ein Politiker der Radikalen – des linken Flügels. Und trotzdem Regierungsrat. In dieser Zeit wurden in Basel die Regierungsräte nicht von den wahlberechtigten Männern gewählt, sondern vom Parlament. Dieses war konservativ und servierte 1878 Klein wieder ab. Um seine Familie durchzubringen, nahm er eine Stelle beim Bund an und wurde einer der ersten Fabrikinspektoren. Diese Stellen waren mit dem Fabrikgesetz von 1877 eingerichtet worden, diesem ersten Sozialgesetz der Schweiz. Mit dem Fabrikgesetz war eine gesamtschweizerische Haftpflicht für Fabrikanten bei Unfällen und Berufskrankheiten in ihrem Betrieb eingeführt worden. Verunfallte vorher ein Familienvater in einem Betrieb, so war die Familie auf Almosen des früheren Arbeitgebers angewiesen oder wurde vollständig mittellos. Das Fabrikgesetz hätte das ändern sollen. Nur: Die Umsetzung war so mangelhaft, dass viele Arbeiterfamilien weiterhin mit keiner oder zu geringer Entschädigung dastanden.

Als Fabrikinspektor sah Klein diese Not und vergaß sie auch nicht, als ihn das kantonale Parlament als Wiedergutmachung später in den Ständerat wählte. Nach wenigen Wochen trat er wieder zurück, weil er in den Nationalrat gewählt worden war. Dort verlangte er vom Bundesrat einen Bericht darüber, "ob nicht eine allgemeine, obligatorische Arbeiterunfallversicherung anzustreben sei". Der Bundesrat setzte eine Arbeitsgruppe ein. Deren Befund: Es brauchte eine neue Verfassungsgrundlage. 1890 stimmten die Schweizer Männer dem neuen Artikel über eine Kranken- und Unfallversicherung in der Bundesverfassung zu. Es war die Geburtsstunde der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt, der Suva.

Diese Abstimmung und die Umsetzung "seiner" obligatorischen Versicherung hat Klein nicht mehr erlebt: Vier Tage nach seiner Wiederwahl 1887 vermeldete das Basler Jahrbuch, mit dem 62-jährigen Wilhelm Klein sei "der thatkräftigste und redegewaltigste Führer der Radikalen Basels" gestorben.

Kein Held, kein Haudegen und kein Heiliger. Aber einer der vielen Frauen und Männer, die die Schweiz mitgeprägt und die Grundlagen für das Erfolgsmodell Schweiz – den sozialen Ausgleich – gelegt haben. Und über die wir aus dem Schweizer Farbfernsehen nichts erfahren werden.