Grau ist das Meer und aufgewühlt, selbst hier im geschützten Hafen von Mostyn. Die Boote der Küstenwacht tanzen auf und ab, schaumgekrönte Wellen brechen sich am Bug der MS Sea Jack. Und an Deck des Spezialkonstruktionsschiffs für Hochseewindparks steht alles still. Der Herbstwind fegt um die beiden 35 Meter hohen Stahltürme, welche die Arbeiter von RWE Innogy gestern an Bord geladen und vertaut haben. Doch heute, bei Stärke 8, darf der Spezialkran keine tonnenschweren Tower hochhieven.

Paul Coffey muss seinen Schutzhelm festhalten. "Manchmal beten wir hier für gutes Wetter", schreit der Manager von RWE Innogy, der Ökostrom-Tochter des angeschlagenen deutschen Energiekonzerns. "Aber meistens freuen wir uns über das schlechte Wetter." Denn darum ist der 44-jährige Brite mit seinem Unternehmen hierhergekommen zur Bay of Liverpool: um Sturm zu ernten. Draußen in der Nordsee vor der britischen Westküste, wo der Wind so oft tobt, baut RWE Innogy gerade eine rund zwei Milliarden Euro teure Energiemaschine: "Gwynt y Môr" heißt der zweitgrößte Meereswindpark der Welt. 160 Turbinen sollen bis zu 576 Megawatt Strom produzieren. Genug für 400.000 Haushalte.

Großbritannien ist das Lieblingsrevier von RWE Innogy. Gwynt y Môr (walisisch für "Wind im Meer") ist bereits der vierte Offshore-Park vor der britischen Küste, an dem sich die Deutschen beteiligen, und auf ihrer Projektliste stehen noch einmal vier solche Kraftwerke. In Deutschland indes baut die RWE-Tochter noch immer an ihrem ersten Hochseewindpark namens Nordsee Ost herum, nur ein einziges weiteres Projekt ist in der Planung. Und auch Wettbewerber E.on betreibt vier Offshore-Windparks vor Großbritannien, aber lediglich einen vor Deutschland. Die Energieriesen wandern aus, um Windstrom zu gewinnen. Dabei gäbe es für sie zu Hause theoretisch genug zu tun. Schließlich hat die Bundesregierung große Visionen für die Hochseewindparks. Eine "zentrale Rolle" in der Energiewende sollen sie spielen, hat Umweltminister Peter Altmaier (CDU) gesagt. Ja, sie sollen sogar teilweise die abgeschalteten Atommeiler ersetzen – zumal sie viel gleichmäßiger, verlässlicher Elektrizität produzieren als Windräder zu Land oder Solarmodule. Bis 2020, so sieht es Berlin, sollen in Nord- und Ostsee Offshore-Anlagen mit einer Leistung von 10.000 Megawatt entstehen. Das entspräche umgerechnet der Leistung von mehr als 2.000 Turbinen – und würde an die zehn Prozent der deutschen Stromproduktion ausmachen.

Doch so hochtrabend die Ambitionen der Politik sind, so trist ist die Realität. Laut der Branchenvereinigung EWEA waren Ende Juni vor der deutschen Küste erst 89 Windräder mit insgesamt 385 Megawatt am Netz – nicht mal ein Zwanzigstel des Zielwerts. Der Ausbau zieht sich dahin. In Großbritannien hingegen geht ein Rekordprojekt nach dem anderen in Betrieb.

Erst kürzlich hat in der Themsemündung London Array eröffnet: der weltgrößte Offshore-Park, E.on ist mit 30 Prozent dabei. Damit hat das Vereinigte Königreich rund neunmal so viel Offshore-Kapazität wie die Bundesrepublik. Was machen die Briten anders? Und: Können sie den Deutschen zeigen, wie’s geht?

Das Erfolgsgeheimnis der Briten: Parks in Küstennähe, einfache Regeln – und Glück

Als das kleine Propellerflugzeug die Küste vor Liverpool überquert, drückt es der Abwind ein paar Meter in die Tiefe. Ein Passagier schreit leise auf, Paul Coffey grinst, deutet durchs Fenster. Da unten tauchen schon die ersten Fundamente des neuen Offshore-Windparks Gwynt y Môr auf: überdimensionierte gelbe Röhren, Stahlpfeiler, die ein Spezialschiff mit Hydraulikrammen in den Meeresboden gestoßen hat. 30 Meter hoch ragen sie aus dem Wasser, in Reih und Glied angeordnet wie auf dem Schachbrett, umtost von den Wellen.

Sobald sich das Wetter gebessert hat, wird die MS Sea Jack wieder rausfahren, werden die Arbeiter mit dem Spezialkran Türme, Turbinengondeln und drei Rotorblätter je Anlage installieren. Gut 80 Windräder sind bereits fertig montiert, zwischen ihnen erscheinen selbst die beiden bohrinselgroßen Bauplattformen winzig. Jedes Windrad misst vom Wasserspiegel bis zur Spitze des Rotorblatts etwa 150 Meter. Das ist anderthalb mal so hoch wie die Kathedrale von Liverpool, welche das Flugzeug eben noch überflogen hat.

Ganze 13 Kilometer ist Gwynt y Môr vom Festland entfernt. Schon das wäre in Deutschland undenkbar. Dort müssen fast alle Offshore-Parks einen Mindestabstand von 25 bis 40 Kilometern zur Küste einhalten: So will es zum Teil der Naturschutz für das Nordsee-Wattenmeer, so wollen es aber auch Bürger und Tourismuschefs an der Nord- und Ostseeküste, die um ihren freien Ausblick auf den Horizont fürchten. Weit draußen auf hoher See ist aber das Wasser tiefer: Dadurch werden Bau und Wartung der Anlagen teurer, langwieriger und riskanter als in Küstennähe.