Mittagszeit in der Altstadt: Alles hupt, Rikschas drängen durch die Gassen, Zweitaktmotoren knattern. Ein alter Mann schleppt ein Dutzend Teppiche, Kinder verkaufen Süßigkeiten. Am Straßenrand grillt ein Afghane Kebab-Spieße auf Holzkohle. Rauchschwaden steigen auf, es duftet nach scharf gewürztem Fleisch. Zwei junge Männer schieben einen Eselskarren, eine Frau in hellblauer Burka sitzt auf dem staubigen Asphalt. Laden an Laden, enge Gassen.

Rushhour auf dem Qissa-Khwani-Basar, dem "Markt der Geschichtenerzähler". Jahrhundertelang trafen sich hier Händler aus aller Herren Länder in Teehäusern und erzählten von ihren Reisen auf der Seidenstraße.

Heute erzählt man sich Geschichten vom Terror.

In einem Milchgeschäft zeigt der Fernseher ein Musikvideo von Gulzar Alam, einem Sänger, den hier jeder kennt: "Peshawar, ich werde dich niemals den Bomben überlassen" heißt sein beliebtester Song. Peshawar, die pakistanische Großstadt, die den Schlachtfeldern des Anti-Terror-Krieges am nächsten liegt, die Stadt, in die der Krieg längst hineingreift.

Peshawars ältester Basar ist ein gefährliches Pflaster. Vor wenigen Tagen erst wurde ein Sprengsatz ferngezündet, der an einem Strommast angebracht war. Ein Kind starb, drei Menschen überlebten verletzt. Das war noch nicht die Revanche für die tödliche Drohnenattacke auf den Taliban-Anführer Hakimullah Mehsud vom vergangenen Freitag. Aber vielleicht ein Vorbote.

Der Milchverkäufer stellt den Fernseher lauter: "Mein ganzes Leben habe ich dich die Blumenstadt genannt. Wie kann ich dich jetzt an die Bomben verlieren?"

Hakimullah Mehsud war 35 Jahre alt, als er starb. Das war in der Nähe der Provinzhauptstadt Miramshah, in Nordwaziristan, rund 250 Kilometer südöstlich von Peshawar. Mehsud kam gerade von einem Treffen in einer Moschee, als die Drohne auf das Auto feuerte, mit dem er sich seinem Anwesen näherte. Fünf Menschen kamen um.

In der Vergangenheit wurde Mehsud, der charismatische "Popstar unter den Taliban", schon des Öfteren für tot erklärt. Diesmal jedoch bestätigten die Taliban ebenso wie die pakistani- schen Sicherheitsdienste seinen Tod. Ein Bild von ihm als Märtyrer, balsamiert für die Bestattung, wurde in einschlägigen Foren veröffentlicht. "Jeder Blutstropfen Hakimullah Mehsuds wird sich in einen Selbstmordattentäter verwandeln", droht der Sprecher der pakistanischen Taliban per Telefon aus den Stammesgebieten.

Wie schon oft könnte es erneut Peshawar treffen, diese Stadt, die so groß wie Berlin ist – und so unsicher ist wie nur wenige Städte in der Welt.

Früher schützte eine Mauer die Altstadt, mitsamt 16 bewachten Toren. Heute ist Peshawar längst über diese Grenze gewuchert und zu einem weichen Ziel geworden. Die Siedlungen liegen an Stammesgebieten, in denen die Gesetze Pakistans keine Gültigkeit mehr haben.

Die Stadt wird von Angst regiert. Ihre Straßen sind von Checkpoints durchsetzt. Doch noch die wachsamsten Armeeposten können nur sehr selten Anschlägen zuvorkommen. Wer ein instabiles Pakistan will, destabilisiert Peshawar: Erstens, weil seine exponierte Lage es erlaubt, und zweitens, weil es wirtschaftlich so bedeutend für das Land ist.