Es ist gut, dass Papst Franziskus sich von seinem Vorgänger unterscheiden und den kalten Krieg gegen die säkulare Gesellschaft beenden will. Dennoch sollte man sich keinen Illusionen hingeben – in der Liebe kommen die Säkularen und die Gläubigen wohl nicht mehr zusammen. Ihr Verständnis ist grundverschieden, oder ganz lieblos gesagt: Hier herrscht Dissens. Der liberale und aufgeklärte Zeitgenosse betrachtet die Liebe als ein wunderbares Ereignis im weltlichen Alltag. Sie fällt vom Himmel, sie verdankt sich der Laune des Zufalls oder den fabelhaften Algorithmen einer Partnerschaftsagentur.

Für die christliche Theologie der Liebe ist das nicht einmal die halbe Wahrheit. Sie versteht die Liebe nämlich nicht dualistisch, als säkulares Ereignis zwischen wildfremden Menschen; sie versteht die Liebe triadisch, das heißt: Gott hat immer schon seine Hand im Spiel. Gott ist der Dritte im Zweierbunde, er ist der allwissende Regisseur, der in den Wirrungen der Gefühle die Fäden der Liebe in der Hand hält und die Geschicke der Liebenden lenkt. Im religiösen Verständnis ist die Liebe nicht nur eine Sensation des Zufalls, nicht bloß "Ereignis". Liebe verdankt sich der göttlichen Vorsehung. In der Stunde der wahren Empfindung erkennen die Liebenden sich als zwei Menschen, die schon immer, noch bevor sie davon wussten, füreinander bestimmt waren.

Mit anderen Worten: Im christlichen Verständnis betrachten sich die Liebenden im Spiegel des Absoluten ("Gott"), also eines Dritten, der größer ist als sie selbst und der ihre Zweisamkeit überragt. Damit ist die Liebe nicht mehr bloß privat, sondern gestiftet; sie ist kein wundersamer Vorfall im Alltag, sondern eine außeralltägliche Wahl, die im Himmel getroffen und auf Erden von Herzen beglaubigt wird. Im Medium des Göttlichen vermittelt sich die Identität des Liebenden mit der fremden Andersheit des geliebten Menschen: "Gott ist die Liebe."

Das ist lupenreine Metaphysik, und es gibt keine verbindende Brücke zum säkularen Verständnis der Liebe. Nur die Idee des "Dritten" scheint noch attraktiv zu sein, zum Beispiel in Niklas Luhmanns Buch Liebe als Passion. Darin tritt der transzendierende Dritte in weltlicher Gestalt auf, nicht als Gott, sondern als Narrativ: als eine gemeinsame Geschichte, die sich die modernen Subjekte erzählen müssen, um ihr wankelmütiges Begehren in dauerhafte Liebe zu verwandeln. Statt göttlicher Vorsehung nur eine bindende Erzählung: Für Säkulare ist das schon das höchste der Gefühle. Es muss ihnen reichen.