Die peinliche Wahrheit ist: Alle hatten ein Machtwort erwartet. Alle wollten, dass der Papst endlich sagt, wo es langgeht – die Reformkatholiken ebenso wie die Betonkatholiken, und die Journalisten auch. Seit Monaten warteten sie ungeduldig auf das Outing des neuen Kirchenoberhauptes, sie hofften, dass dieser so freimütig auftretende Reformpapst endlich auch die heißesten Fragen im Streit um die Zukunft der Kirche beantwortet.

Wie geht Liebe auf Katholisch: Muss Sex vor der Ehe Sünde sein? Bleibt die Pille verboten? Ist Abtreibung ein Sakrileg? Was heißt Scheidung, wenn die Ehe doch ein Sakrament ist? Ganz zu schweigen von den Homosexuellen, für deren Liebe die Amtskirche noch immer keine gnädigen Worte gefunden hat – bisher mussten die Pfarrer das Problem alleine lösen, sprich: notfalls der katholischen Glaubenslehre zuwiderhandeln.

Und, was tut der Papst? Wer sich je nach einer grundstürzenden Lex Franziskus zur Sexualmoral sehnte, sieht sich nun beschämt. Denn der Papst hat etwas Besseres getan, als eine Antwort zu erteilen. Er gab die heiklen Fragen ganz einfach an sein Kirchenvolk zurück.

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38 knifflige Einzelfragen, unterteilt in neun Kapitel wie Ehe, Familie, Homosexualität, Verhütung und, ja, auch Liebe (zu den Menschen, aber auch zu Gott) verschickte die Bischofskongregation in Rom an die Bischöfe der Welt. Während die meisten noch darüber grübelten, ob es wirklich wahr sein könne, dass der Vatikan diesen heiklen Fragenkatalog dem katholischen Fußvolk vorlegen wolle, oder ob die Kleriker ihn nicht selber ausfüllen sollten, stellten die britischen Bischöfe ihn kurzerhand ins Netz.

Seit Ende vergangener Woche ist die englische Version der Befragung online, mit der ausdrücklichen bischöflichen Bitte um massenhafte Antwort. Die Briten hätten das Ansinnen richtig verstanden, stellte der Vatikan am Dienstag auf einer Pressekonferenz klar: Franziskus will das Kirchenvolk hören. Er hat die Fragen zusammen mit der Bischofskongregation formuliert, er nahm selber an mehreren Treffen teil, um zu klären, was die Katholiken heute tun und denken. Nicht nur die Kleriker, nicht nur die Theologen, nicht nur die Funktionäre. Sondern alle.

Man kann das jesuitisch finden (maximale Raffinesse) oder auch franziskanisch (maximale Nähe zu den Gläubigen), aber es ist vor allem demokratisch. Dieser Papst in den abgelatschten Schuhen und mit der Vorliebe für altersschwache Autos ist kein populistischer Armutsprediger mit unumschränkter Deutungshoheit. Er ist ein Reformpapst, der gemeinsam mit dem Kirchenvolk um die Glaubwürdigkeit seiner Kirche ringt.

Dazu gehört auch, eine verlogene Sexualmoral durchzulüften. Bisher galt die Schutzbehauptung, es sei doch seit Jahrhunderten so gewesen, dass zwischen Ideal und Wirklichkeit nun mal ein Abgrund klaffe, und gegen Höllenstrafen gebe es schließlich Beichte, Reue und Vergebung. Nein, Franziskus nimmt das Ideal noch einmal ernst. Er sagt nicht nach Art der Gesinnungswächter: Liebe Katholiken, reißt euch zusammen und habt erst Sex, wenn ihr verheiratet seid! Und wenn ihr euch scheiden lasst, könnt ihr eben nicht noch mal kirchlich heiraten! Nein, er fragt, wie menschlich das Ideal ist. Und ob es lebbar ist.

Werden die Katholiken nun zugeben, wie schwierig Katholischsein ist, oder werden sie sich als die "Ideal-Katholiken" präsentieren, die sie gerne wären? Der Vatikan jedenfalls ermuntert alle zur Ehrlichkeit. Die erste Frage auf dem Fragebogen lautet: Wie steht es um die wirkliche Kenntnis der Lehren der Bibel und des Lehramtes der Kirche? Mit anderen Worten: Wisst ihr eigentlich, was ihr glauben und tun sollt?

Der Vatikan setzt nicht voraus, dass jeder Katholik auch weiß, was Katholischsein heißt. Und so geht es weiter. Die Fragen sind zwar diplomatisch und oft etwas politbürohaft formuliert. Aber man muss kein Theologe sein, um sie in Klartext zu übersetzen: Wie viele Katholiken leben in wilder Ehe? Wie unterstützt die Kirche Ehepaare in der Krise? Was soll ein Pfarrer tun, wenn Ungläubige Getaufte heiraten wollen? Wie verhält sich die Kirche vor Ort gegenüber homosexuellen Paaren? Wie verhält sie sich gegenüber einem Staat, der die Homo-Ehe anerkennt?

Diese Fragen sind spektakulär. Denn sie beweisen: Kirche muss nicht autoritär sein, muss weder auf alten Lehren noch auf monarchischen Prinzipien beharren. Kirche kann sich ändern. Und wenn sie einen Papst hat, der Gedankenfreiheit gibt und Mitsprache zulässt, kann Kirche vielleicht sogar sich selbst revolutionieren.

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