Am Ende geht es vielleicht um einen Satz, ein Wort. Caspar Meier weiß: Jede Feinheit in seinem 20-seitigen Exposé kann darüber entscheiden, ob er das Stipendium bekommen wird oder nicht. Vielleicht findet der Gutachter sein Thema abwegig, vielleicht gefällt ihm der Forschungsansatz nicht, wer weiß. Monatelang hat Meier recherchiert und an dem Text gefeilt. Zeugnisse zusammengestellt, Referenzen eingeholt, einen Lebenslauf erstellt, sein gesellschaftliches Engagement nachgewiesen. Und dann gewartet und gehofft, dass die Studienstiftung des deutschen Volkes ihm seine Promotion finanzieren wird.

Meier hat an der Universität Jena Geschichte studiert und mit einem Einser-Examen abgeschlossen. "Ich wollte danach unbedingt promovieren, deshalb habe ich mich richtig reingehängt in die Bewerbung", sagt der heute 35-Jährige. Er braucht das Stipendium. Denn an der Uni gibt es für ihn keine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter, auch kein Forschungsprojekt, in dem man ihn unterbringen könnte. Nur einen Minijob als Hilfskraft. Wovon soll Meier leben, während er an seiner Doktorarbeit schreibt?

Das Interesse an einem Doktortitel ist trotz diverser Plagiatsskandale ungebrochen groß. Rund 26.000 Hochschulabsolventen promovieren jährlich in Deutschland. Doch an den Unis gibt es immer weniger Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter, Stellen, auf denen man üblicherweise an der Dissertation arbeiten kann. Wer also in der Wissenschaft promovieren will und dies nicht berufsbegleitend tun möchte, muss sich seine Stelle oftmals selbst finanzieren, indem er ein Stipendium mitbringt. Und so bewerben sich immer mehr Nachwuchswissenschaftler bei den zwölf Begabtenförderwerken, privaten Stiftungen oder Forschungsorganisationen um ein Stipendium oder um einen Platz in einem Forschungsprojekt, das mit Drittmitteln finanziert wird. Man könnte auch sagen: Die Universitäten lassen sich die Ausbildung ihres Forschernachwuchses zunehmend von Förderorganisationen und Stiftungen bezahlen.

Es werden immer mehr Stipendien nachgefragt – und auch vergeben

Je mehr Stellen an den Unis gekürzt werden, desto höher ist die Nachfrage nach Stipendien. Die Bewerberzahlen bei den Stiftungen steigen seit Jahren. Bei der Studienstiftung des deutschen Volkes etwa haben sich in diesem Jahr 1.350 Promovenden um ein Stipendium beworben, 340 bekamen bislang eines bewilligt. Immerhin ist in den letzten Jahren auch die Zahl der Stipendiaten gestiegen. Die Begabtenförderwerke etwa, die aus Bundesmitteln finanziert werden, unterstützten im Jahr 2005 2.989 Promovenden, im Jahr 2010 waren es 4.038.

Dennoch gibt es einen starken Wettbewerb um die Stipendien. "Es gibt ein Überangebot an Talenten", sagt Meier, "die Auslese ist knallhart." Die Stiftungen müssen jährlich Tausende von Bewerbungen von Nachwuchswissenschaftlern begutachten, um die Besten der Besten zu finden.

Um den gestiegenen Bewerberzahlen gerecht zu werden, wählen die Stiftungen immer strenger aus. Die Nachwuchswissenschaftler müssen nicht mehr nur Exposés, Gutachten von Professoren, Zusammenfassungen von Abschlussarbeiten und Zeugnisse einreichen. Sie müssen Eignungsgespräche überstehen, Vorträge halten, ganze Auswahlwochenenden absolvieren. Das bedeutet viel Arbeit, nicht nur die Nachwuchswissenschaftler, sondern auch für die Professoren, welche die Gutachten erstellen, und für die Stiftungen selbst, denn sie investieren viel Zeit und Geld, um die besten Wissenschaftler auszuwählen.

Lutz Gade, Professor für Chemie an der Uni Heidelberg, ist Gutachter unter anderem für die Daimler und Benz Stiftung. Auf seinem Schreibtisch landen jedes Jahr Dutzende Bewerbungen von Absolventen, die in die Wissenschaft wollen. Gade entscheidet als Gutachter darüber, welche Bewerber am besten geeignet sind. Er muss sich dazu jeweils in eine winzige Nische seines Faches hineindenken, die er selbst kaum kennt. Sonst wäre es ja kein Bereich, in dem es Neues zu erforschen gäbe. Der Professor schreibt auch seinen eigenen Studenten, die bei ihm promovieren wollen, Gutachten und empfiehlt sie Stiftungen als Kandidaten. Seine Gutachten lesen wiederum seine Kollegen, die für andere Stiftungen das Gleiche tun wie er: die Allerbesten aussortieren aus einer Sammlung der Besten. Der Aufwand, den er dafür betreibe, sei manchmal fast so hoch wie der für die Lehre, sagt er.