Endlich ist der sensus fidelium, der Glaubenssinn der Gläubigen, gefragt! Auch dies ist ein Zeichen von Papst Franziskus, neue Wege zu gehen, wo alte sich als Sackgassen erwiesen. Das Verbot der Empfängnisverhütung in der Enzyklika Humanae vitae 1968 war nur eine Ursache für die Entfremdung vieler Gläubiger von der Kirche. Deshalb ist es gut, wenn Franziskus ehrliche Antworten der Menschen an der Kirchenbasis sucht.

Jetzt kommt es auf die Bischöfe in aller Welt an. Sind die deutschen Bischöfe so mutig wie die Bischofskonferenz von England und Wales? Die hat den Fragebogen sofort ins Internet gestellt und lädt nun ein, ihn dort auszufüllen. Für die deutschen Bischöfe mag das schwer vorstellbar sein. Eine solche offene Umfrage gab es zuletzt vor einem halben Jahrhundert, vor der Würzburger Synode, der Versammlung deutscher Bistümer nach dem 2. Vatikanischen Konzil. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte lassen uns Laien zweifeln, dass die deutschen Bischöfe an einer ehrlichen Meinung des Kirchenvolkes interessiert sind, geschweige denn, dass diese unzensiert an die Öffentlichkeit gerät. Zwar haben die Bischöfe Studien und Umfragen machen lassen, doch die blieben größtenteils unter Verschluss.

Dennoch. Unsere Bischöfe, die erst Ende November über den Fragebogen aus Rom beraten wollten, sollten es ihren britischen Mitbrüdern nachtun. Was kann schon passieren? Das Schlimmstmögliche: Nur wenige Katholiken antworten. Das Zweitschlimmste: Es antworten nur "treue" Katholiken im Sinne der derzeit gültigen Lehre. Es reicht jedenfalls nicht aus, nur den Fragebogen an die Kirchenbasis durchzureichen. Er bedarf einer einladenden Kommentierung. Möglicherweise sind Formulierungen zu überarbeiten. Und wir brauchen eine Einbeziehung der Pastoral- und Moraltheologen, die schon lange über solche Fragen nachdenken. Die internationale Bewegung "Wir sind Kirche" hat sich bei ihrem Jahrestreffen am letzten Wochenende in Irland zum Reformkurs von Franziskus bekannt. Sie wird das Vorgehen der Bischöfe beobachten – und notfalls selber eine Umfrage auf die Beine stellen.