DAS Schöne an Kriminalromanen liegt in der Regel darin, dass man bis zum Schluss nicht genau weiß, wer der Mörder ist. Das ganze Personal, das ein Krimi so aufbietet, steht erst einmal unter Verdacht; unweigerlich wird der Leser zum Sofa-Detektiv, der das komplexe Geschehen auf Spuren, Motive, vage Hinweise und Kausalketten hin absucht. Die Welt des Krimis steckt voller Rätsel, und die Ordnung kann nur dadurch wiederhergestellt werden, dass diese Rätsel rational aufgelöst werden.

Vor Jahren schon hat der Historiker Carlo Ginzburg in einem bahnbrechenden Aufsatz gezeigt, dass die Methoden, um einem Täter auf die Spur zu kommen, bei Sherlock Holmes ganz ähnliche sind wie in der Kunstgeschichte mit ihren Datierungsfragen und in der Psychoanalyse Sigmund Freuds: kleinste Indizien, Details oder Symptome geben Hinweise auf eine tiefere, ansonsten verborgen gebliebene Realität, die jedoch gerade deswegen erkennbar ist, weil sie aus rationalen Elementen zusammengesetzt ist. Im Gegensatz zur fantastischen Literatur, die Irrationalität und Kontingenz als Grundmuster der Welt annimmt, werden im Kriminalroman, so unfasslich die Ereignisse auch sein mögen, kausale Zusammenhänge und Naturgesetze nicht außer Kraft gesetzt. Am Ende wird für alles eine vernünftige Erklärung gefunden. Insofern haben Kriminalliteratur und Wissenschaften vieles gemeinsam.

Der gleichermaßen wissenschaftliche wie für unser Vertrauen in die Welt fundamentale Anspruch, die Realität hinter der Realität zu erkennen, bildet auch den Ausgangspunkt für die glänzende Untersuchung des französischen Soziologen Luc Boltanski, die an thematischer Originalität, theoretischem Einfallsreichtum und intellektueller Leidenschaft kaum zu übertreffen sein dürfte. Der von Boltanski hergestellte Zusammenhang zwischen Krimi, Sozialwissenschaften und Paranoia mag zunächst befremdlich wirken. Man kann ihn sich am besten wie jene sinnesphysiologische Kippfigur vorstellen, die eine Zeichnung mal als Ente, mal als Hase erscheinen lässt. Es hat laut Boltanski einen nicht unerheblichen Preis, dass wir die aus der Ordnung fallenden Ereignisse der Realität als Rätsel auffassen, die wir rational auflösen wollen; dass wir hinter den Ereignissen, die die Menschenwelt ausmachen, eine verborgene Ordnung annehmen; ebenso, dass wir die Konturen der Realität bisweilen derart genau rekonstruieren wollen, dass wir dazu tendieren, sie als einen Gesamtorganismus anzusehen, in dem alles mit allem zusammenhängt.

Denn von solch umfassenden Theorien und der daran anschließenden Neigung, ausufernde Untersuchungen anzustellen, ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Pathologie, also zur Paranoia im Bereich der Psychiatrie, und zur Hinzuziehung von Verschwörungen oder Komplotten, um historische Ereignisse zu erklären. Ungerührt stellt Boltanski eine Nähe zu seiner eigenen Disziplin, der Soziologie, her: Mit dem Detektiv teilt sie das Interesse an der Aufdeckung einer rätselhaften Realität, doch ähnlich wie Paranoikern kann man auch Soziologen vorhalten, Phänomene auf mächtige Akteure – Individuen, Gruppen oder Institutionen – zurückzuführen, die bestimmte Absichten im Schilde führen.

Gegen solche Anwürfe will das Buch die Soziologie in Schutz nehmen – und darüber hinaus die Zusammenhänge zwischen den Figuren des Rätsels, des Komplotts und der Untersuchung aufdecken. Dabei geht Boltanski bis in die Zeit um 1900 zurück, um die politischen und sozialen Umstände dieser Verwebungen zu zeigen. Sie liegen im Nationalstaat, der ebenfalls eine Kippfigur darstellt: einerseits ein transparentes Projekt zur Gestaltung von verbindlicher Realität für die Bevölkerung, andererseits ein schwer durchschaubares Machtgefüge voller Geheimnisse. Die diversen, miteinander verwandten Varianten, diese Problemlage zu bearbeiten, führen Boltanski zu luziden ideen- und mentalitätsgeschichtlichen Analysen. Hinreißend ist sein Vergleich zwischen Sherlock Holmes und Kommissar Maigret, der keinen Liebhaber dieser beiden Veteranen des Krimigewerbes gleichgültig lässt und nebenbei eine Mikroanalyse des nachviktorianischen Englands und der französischen Zwischenkriegszeit liefert.

Holmes ist der geniale Detektiv, der das Böse überall wittert, jeden verdächtigt, wissenschaftlich ganz auf der Höhe ist, auch die mysteriösesten Vorgänge auf ihre rationalen Strukturen zurückführt und gleichzeitig über genügend Menschenverstand verfügt, um die Fragilität der moralischen Ordnung zu erkennen und diese wiederherzustellen, wenn sie gefährdet ist. Er weiß, dass normative Rahmen in einem modernen Staat durch Skandale und Affären verschoben werden, und setzt alles daran, seine Fälle im Sinne seiner Auftraggeber diskret an Polizei und Presse, also an Staat und Öffentlichkeit, vorbei zu lösen. Die Trennung von privat und öffentlich gehört zum Selbstverständnis einer zivilen Gesellschaft, die von der Oberschicht dominiert wird.