Es gibt zwei Arten, das Leben zu leben, sagt Charly Hübner: Du kannst auf dem Kutschbock sitzen, die Zügel in der Hand, und aus der Distanz die Richtung bestimmen. Oder ganz vorn sein, bei den Pferden, und das Leben hinter dir herziehen. In vollem Tempo. Früher habe er immer auf dem Kutschbock gesessen. Aber jetzt sei er meistens vorn. An der Front. "Und das", sagt er, "ist toll."

Hamburg, im Oktober. Mittagspause am Set für einen neuen Polizeiruf, Hübner sitzt vor einem Teller Tofu und Gemüse im Catering-Bus. Die Bänke im Bus sind gepolstert, "das Geschäft läuft gut", frotzelt er, "jedenfalls werden die Sitze immer bequemer". Sein dunkles Haar ist etwas struppig, er ist nicht rasiert, über seinem Shirt liegt eine dicke Kette mit einem silbernen Anker. So sieht Hübner aus, wenn er Sascha Bukow ist. Seit 2010 spielt er den Rostocker Kommissar, einen "Straßenköter", wie Hübner sagt, der Kollegen aus Berlin mit "Wie geht’s in der Hauptstadt? Immer noch ’n schwulen Bürgermeister?" begrüßt, sich mit "Bukow. Wie Tschechow. Oder fuck off" vorstellt und bei dem man sich immer fragt, ob er heute eigentlich schon geduscht hat. Dass die Polizeirufe mittlerweile den meisten Tatorten den Rang abgelaufen haben, liegt nicht zuletzt an Bukow. Also an Hübner. Über den man eigentlich nichts weiß.

Charly Hübner, 40 Jahre alt, ist eine Wucht: 1,92 Meter groß, 111 Kilo schwer. Eine Körpermasse, mit der er spielt. Als einsamer Muttersohn Robert im Film Unter Nachbarn, der sich wahnhaft bis zum Mord an eine Freundschaft klammert, stellte Hübner sich vor, er habe "einen Stock im Arsch", und legte eine Gehemmtheit in seine Bewegungen, die aussah, als sei sein Körper zwei Nummern zu groß für ihn. Er gewann dafür 2013 die Goldene Kamera. Wenn er den Bukow spielt, boxt er morgens vor dem Dreh, um die richtige Haltung zu finden: leicht geduckt, lauernd, jederzeit bereit zum alles niedermähenden Angriff. Mit seinem Körper setzt er die Grundstimmung seiner Figuren. Bei Robert: die fiese Gemütlichkeit. Bei Bukow: die sympathische Grobheit.

Wenn man herausfinden will, wer hinter diesen Rollen steckt, trifft man auf einen kumpelhaften Typ, der am Set dafür sorgt, dass man etwas Heißes zu trinken bekommt, alle kennenlernt und sich nicht langweilt. Er redet gern, über sein Spiel, über sich, und wenn er das tut, entwirft er mit seinen Worten am liebsten Bilder. Bilder sind wichtig für ihn: um zu verdeutlichen, wie er Rollen sieht und das Leben. Zum Beispiel das Bild von der Kutsche, in dem es ja um Kontrolle und Loslassen geht. Man kann darin einiges erkennen, über den Schauspieler Hübner und den Menschen. Er benutzt es im ersten Gespräch, es wird sich vervollständigen nach ein paar Treffen mit ihm, in Drehpausen und zum Interview. Sein Vater gehört zu diesem Bild, der Sohn seiner Frau und eine Heilerin namens Frau Makabe. Aber dazu später.

Erst mal also Bukow. Bukow steckt in der neuen Folge ganz schön in der Scheiße. Seine Frau schläft mit seinem Kollegen. Alle im Präsidium wissen es. Bukow findet es gerade raus. Zugleich sucht er einen Mörder, der seine eigene Familie ausgelöscht hat. Ein vielschichtiges Gewebe: "Bukow wird bloßgestellt, aber er muss sich panzern, um zu funktionieren", sagt Hübner. "Du musst die Nacktheit zeigen. Und sie zumänteln."

Hübner liebt dieses Doppelbödige. Es ist in Bukow angelegt, dem Polizisten mit der dunklen Vergangenheit. Hübner hat die Figur gemeinsam mit Eoin Moore entwickelt, dem Autor und Regisseur der ersten Polizeiruf-Folge mit Bukow und seiner LKA-Kollegin Katrin König, gespielt von Anneke Kim Sarnau.

Bukow ist, so Moore, der auch jetzt wieder Regie führt, "instinkt- und schwanzgesteuert", König die leicht unterkühlte Profilerin. Eigentlich, sagt Hübner, sei es eher umgekehrt: "Anneke ist mehr Rock ’n’ Roll, ich klopfe erst mal die Logik der Figur ab." Er stellt sich Fragen: Wie geht der? Was isst der zum Frühstück? Wann hat der zum letzten Mal mit seiner Frau geschlafen? Bis ein Bild entsteht. Bis er sich vorstellen kann, dass Bukow einer ist, der in den Klamotten schläft, die er tagsüber getragen hat. Diese Bilder sind sein Fundament. Erst wenn es steht, kann er losspielen. Sich hineinfallen lassen in eine erdachte, unangreifbare Realität, an die auch sein Publikum glauben soll: "Ich will nicht, dass die Leute hinterher sagen: Der Hübner war geil! Sondern: Der Bukow war geil!"

Hübner hat ein Vorbild, das wenig originell ist – wäre er Fußballer und Anfang zwanzig. Er ist offensichtlich weder das eine noch das andere, aber sein Vorbild ist: Zinédine Zidane. Einmal war er im Stadion, als Zidane sich den Ball nahm, "er lief über den ganzen Acker, und er war kein großer Läufer. Das war das Schlaue: Alle dachten, der wird den Sprint eh nicht durchziehen, der ist viel zu langsam, gleich wird er passen. Und dann hat er aber das Tor gemacht." Das ist es, was Hübner sucht: Zidanes beiläufig wirkende Kunst, der ganz plötzlich ein überraschender Moment entspringt, den man nicht mehr vergisst.