Im östlichsten Zipfel Niedersachsens liegt eine Stadt mit ostdeutschem Schicksal: Schnackenburg. Dort hat sich seit dem Mauerfall so viel verändert wie sonst nur in den neuen Ländern. Früher hieß es immer, in Schnackenburg sei nichts los. Heute sagen die Bewohner: Früher war noch was los bei uns!

Damals ging es nach vorne und nach links und nach rechts nicht weiter, denn der Ort war zu drei Vierteln umschlossen von Wasser, und dahinter standen die Grenzsoldaten der DDR. Scharen von Reportern fuhren hierher und wunderten sich darüber, dass in dieser Gegend überhaupt jemand lebte. Sie fanden wunderbare Metaphern für die Leere in dieser Stadt: Stummfilmattrappe. Sackgasse. Bundesblinddarm im DDR-Gebiet.

Wenn Trostlosigkeit eine Heimat hatte, dann wohl hier in Schnackenburg. Das ist die eine Version der Geschichte.

Die andere aber ist: Früher war der Ort so abgeschieden, dass er schon wieder interessant war. Wie man im ZEITmagazin unlängst lesen konnte, war Schnackenburg sogar eine "heimliche Lieblingsstadt" dieser Zeitung: Allein 54-mal schaffte es der Ort ins Blatt – und dies ergebe eine "Artikel-pro-Einwohner-Quote, die nur Bonn überbietet". Doch der Ruhm ist verblasst. Seit 1989 wurde die Stadt in der Presse kaum mehr erwähnt.

Was wird nun aus einem Ort, der früher eine traurige Berühmtheit war, wenn er inzwischen nicht einmal mehr berühmt ist? Das ist die Frage. Sie stellt sich erst recht in diesen Tagen um den 9. November, an dem das Land den Mauerfall feiert und all seine Wendegewinner. Also auf nach Niedersachsen! Gerechtigkeit für Schnackenburg!

Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Berlin aus in diesen alten Grenzort reisen möchte, der muss zunächst mit dem Intercity nach Stendal fahren, danach mit dem Regionalexpress nach Salzwedel, von dort mit dem Bus 1945 nach Lüchow, dann mit dem Bus 1946 nach Gartow – und erreicht schließlich mit dem Bus 1944 das Ziel. Allein für die letzten 45 Kilometer braucht man eine Stunde und 40 Minuten.

Wer verstehen will, was in Schnackenburg vor sich geht, der landet früher oder später in einem alten Fischerhaus – dort sitzt ein ehemaliger Zöllner, der die alten Zeiten konservieren will. Man muss dann nur ein Haus weitergehen, zum prächtigsten Gebäude der Stadt, um ein Künstlerpaar zu treffen, das sich diesen Ort als Heimat ausgesucht hat. Die Wahl-Schnackenburger leben gleich neben den Schnackenburgern der Vergangenheit. Und zwischen ihnen versucht die Bürgermeisterin zu vermitteln.

Dies ist die zweitkleinste Stadt Deutschlands, sie liegt nur wenige Kilometer Luftlinie von Wittenberge in Brandenburg entfernt. Hier leben 371 Menschen, mit den umliegenden Dörfern, die als Ortsteile gelten, sind es 674. Die Backsteinhäuser drängeln sich im Ortskern so dicht, als gäbe es nicht genügend Platz. Das Gras in den Gärten ist sorgfältig gestutzt. Der Blick auf die Elbe hat Postkartenpotenzial.

Es gibt hier keinen Bäcker, keinen Fleischer, keinen Supermarkt, weder eine Post noch einen Bankautomaten. Dafür einen Friseur, der an zwei Tagen pro Woche geöffnet hat, und ein Café, das auch eine Pension ist.

"In Schnackenburg (...) betreibt die Kreissparkasse die sicherste Bank der Welt; kein Räuber würde sich in dies Mauseloch wagen – mit nur einer Fluchtrichtung." Geo, 1980

Aus der Luft betrachtet, sah die Stadt aus wie ein Zacken in der innerdeutschen Grenze, umgeben zu großen Teilen von DDR-Gebiet. Genau eine Straße führte in den Ort, und dieselbe führte wieder hinaus. Heute tuckert, immerhin, eine Fähre in die einst unerreichbare Nachbargemeinde im Osten. Ansonsten aber hat Schnackenburg in den vergangenen 20 Jahren erst an Bedeutung und dann an Infrastruktur verloren. Seit 1990 erlebte die Stadt, was eigentlich vor allem Ostdeutschen widerfuhr: der wirtschaftliche Zusammenbruch. Nach dem Mauerfall haben die Menschen hier Freiheit gewonnen – und ihr altes Leben verloren. Ulrich Bethge versucht, dieses alte Leben noch eine Weile festzuhalten.

Bethge leitet mit einem ehemaligen Zöllnerkollegen das Museum der Stadt. Dies ist hier, so empfindet er es, der lebendigste Ort. Im Grenzlandmuseum posieren zum Beispiel menschengroße Puppen, eine davon trägt Bethges alte Uniform. Der 72-Jährige sitzt ihr oft gegenüber und wartet auf Besucher. 7.837 Menschen kamen im vergangenen Jahr. Nicht genug, findet er. Vor neun Jahren zählte er einmal 12.000. Damals stand die Stadt zum bislang letzten Mal groß in den Zeitungen – und das auch nur, weil ein polnischer Kapitän seinen 470-Tonnen-Frachter aus Versehen auf eine überschwemmte Wiese bugsiert hatte. Dort stak das Schiff fest und blieb liegen, zehn Monate lang. "Das war ein Aufreger", sagt Bethge, "jeden Tag drängelten sich die Besucher auf dem Deich."

Früher, erzählt Ulrich Bethge, hätten manchmal zwanzig Schiffe im Hafen seiner Heimat gelegen. Damals gab es noch Gaststätten und Kaufhäuser, man hatte eine Apotheke, eine Sparkasse, eine Post. Regelmäßig wurden ganze Busladungen von Bayern oder Hessen herankutschiert, damit diese mit Feldstechern den Grenzstreifen betrachten konnten.

Für Bethge ist das immer der Maßstab gewesen: wie viele Menschen in der Stadt waren. Ein gutes Leben in Schnackenburg bedeutet für ihn, dass reichlich Leben im Ort ist. Heute aber ist die alternde Stadt allenfalls ein Symbol deutscher Demografie geworden statt wie einst: westdeutscher Demokratie.