Was für eine Kurve! Daniel Müller-Jentsch streicht mit den Fingern über den Bildschirm seines iPhones. "Ich war selber überrascht, als ich die Statistik ausgewertet habe", sagt der Ökonom, der beim Thinktank Avenir Suisse arbeitet. Die schwarz-rote Grafik zeigt die Zuwanderung von Deutschen in die Schweiz. Sie sieht aus wie das Matterhorn: zackig hoch, zackig runter.

In Zahlen ausgedrückt, zeigt sie: Zwischen 2003 und 2008 verdreifachte sich die Zahl der Deutschen, die in der Schweiz ihr Glück suchten. Sie stieg von jährlich 15 000 auf 46.000 Personen. Doch seither hat sich die Zahl halbiert. 2012 zogen noch 27.000 Menschen aus Dresden, Berlin oder Wuppertal nach Zürich, Olten oder Konolfingen. Aus der neuen deutschen Welle wird im Rückblick eine historische Anomalie.

Die zackige Kurve auf dem Handybildschirm zeigt: Migrationsströme fließen nicht stetig. Menschen kommen in Wellen, die sich manchmal gar zu statistischen Springfluten formen. Und vor allem gehen sie wieder – auch aus der gelobten Schweiz.

Das müssen wir wissen, wenn wir nächstes Jahr über unsere Zukunft in Europa abstimmen. Denn nicht der Euro, nicht das angebliche Bürokratiemonster Brüssel, sondern die Zuwanderung wird die Diskussionen beherrschen, wenn das Volk zu entscheiden hat über die Masseneinwanderungsinitiative der SVP, die Erweiterung der Personenfreizügigkeit auf Kroatien oder die Initiative "Stopp der Überbevölkerung – Zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlage" (Ecopop). Die Frage lautet: Wie viele Menschen braucht die Schweiz – und wie viele meint sie, ertragen zu können?

Doch da gibt es ein Problem. Wir wissen gar nicht, wie viele Menschen in Zukunft einer Arbeit wegen in die Schweiz kommen – oder kommen könnten. "Offizielle Prognosen über die Zuwanderung gibt es nicht", sagt Bernhard Weber, Arbeitsmarktexperte im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Denn die Konjunktur treibt die Migration, und deren Verlauf über mehrere Jahre vorherzusagen, gleicht dem Lesen in einer Kristallkugel. Es kann nur "Pseudoprognosen" geben, also Szenarien, die den Konjunkturverlauf ignorieren. Erstellt hat sie das Bundesamt für Statistik (BfS). Zieht man sie trotzdem zurate, fällt auf: In allen drei Szenarien wird die Zuwanderung nach und nach abnehmen. Auch in der realistischsten Annahme, der sogenannten mittleren. Sie geht davon aus, dass die sozioökonomischen Trends in den nächsten Jahren anhalten, die Schweiz also weiter auf den bilateralen Weg setzt. Die Trendwende verorten die Prognostiker um das Jahr 2017. Wäre es also möglich, dass nur drei Jahre nach der Abstimmung über die Erweiterung der Personenfreizügigkeit die Schweiz plötzlich über zu wenig anstatt zu viel Zuwanderung aus der EU diskutieren muss?

Bernhard Weber scheut sich davor, so weit in die Zukunft zu schauen. Und angesprochen auf die BfS-Szenarien, sagt Daniel Müller-Jentsch: "Die Treffsicherheit der BfS-Bevölkerungsprognosen war in der Vergangenheit nicht allzu hoch." Tatsächlich unterschätzten die Statistiker des Bundes die Zuwanderungen im Spitzenjahr 2008 um 95.000 Menschen. Und blickt man in der Geschichte der Schweizer Bevölkerungsprognosen noch weiter zurück, liest man in einem Bericht aus dem Jahr 1996: "Die Bevölkerung dürfte bis in 15 Jahren mit 7,5 Millionen einen Höhepunkt erreichen und anschließend konstant bleiben oder leicht zurückgehen." Heute leben hierzulande über 8 Millionen Menschen.

Wie aber soll man Politik betreiben, an der Urne über die Kündigung oder den Fortbestand der bilateralen Verträge entscheiden, wenn sogar der Expertenblick nach vorn derart neblig ist?

Die Konjunkturaussichten des Seco reichen immerhin bis in den Herbst 2014: "Wir gehen davon aus, dass die Wirtschaft in Europa wieder Tritt fasst und auch die Schweiz davon profitieren wird", sagt Bernhard Weber. Nur: Wie wird sich ein zaghafter europäischer Aufschwung auf die Migration in die Schweiz auswirken? Kommen mehr oder weniger Menschen?

Verblüffend an der Zackengrafik von Avenir Suisse über die deutschen Zuwanderer ist nämlich, dass die Menschen nicht aus der Schweiz getrieben, sondern nach Deutschland zurückgeholt wurden. Die gute Wirtschaftslage lockte die Professoren, Ingenieure und Ärzte nach Dresden. Berlin oder Wuppertal. Dies setzt die Schweizer Wirtschaft unter leisen Druck. Konnten die Unternehmen in den letzten Jahren leicht Fachkräfte rekrutieren, müssen sie sich nun mehr um sie bemühen. "Dies könnte sich ändern, wenn es in Europa wirtschaftlich wieder besser läuft", sagt Bernhard Weber. "Dann werden Weiterbildung oder die Rekrutierung im Inland wieder wichtiger."

Denn "neue Deutsche" sind nicht in Sicht. Auch nicht aus Südeuropa. Anders als in den Medien kolportiert, können Spanier oder Portugiesen die gut qualifizierten Deutschen nicht einfach ersetzen. "Im Baugewerbe haben die Portugiesen die Deutschen zum Teil abgelöst", sagt Weber, "aber in den hochqualifizierten Berufen ist dies nicht im gleichen Ausmaß möglich." Ein Grund sind die Sprachbarrieren. Wer etwa einen Job im Gesundheitswesen sucht, aber keine Landessprache beherrscht, findet kaum eine Stelle. Einfacher ist es im Finanzsektor, mit Englisch als Lingua franca. Entsprechend groß ist dort aber die weltweite Konkurrenz.

Für Daniel Müller-Jentsch ist dies kein Grund zur Sorge. "Trotz schockartigen Ereignissen während der Krise in Europa und der Welt ist die Zuwanderung in die Schweiz erstaunlich stabil geblieben", sagt er. "Ebenso erstaunlich ist, wie die Personenfreizügigkeit im Einklang mit Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt funktioniert."

Die befürchtete Einwanderung von EU-Bürgern in die Schweizer Sozialwerke blieb aus. Daran wird auch die Erweiterung der Personenfreizügikeit auf das neue EU-Mitglied Kroatien nichts ändern. Es ist jene Abstimmung, bei der Politikbeobachter am ehesten ein symbolisches Nein der Stimmbürger voraussagen. Sie fürchten den "Jugo-Effekt". Also das Spiel mit den Ressentiments gegenüber Menschen vom Balkan. Aus ökonomischer Sicht ist Kroatien eine Quantité négligeable. Vier Millionen Kroaten, das sind nicht einmal ein Prozent der 500 Millionen EU-Bürger, die potenziell in der Schweiz arbeiten könnten. "Klar, es gibt immer Menschen, die auf gepackten Koffern sitzen", sagt Daniel Müller-Jentsch. "Aber das Wohlstandsgefälle ist viel geringer als etwa zu Rumänien oder Bulgarien. Kroatien hat die schlechten Jahre schon hinter sich. Der EU-Beitritt wird in den kommenden Jahren sicherlich das Wachstum ankurbeln – und als Folge davon nimmt der Migrationsdruck ab."

Und wenn keiner mehr kommt? Nein, davor braucht die Schweiz keine Angst zu haben. Auch nicht im europapolitischen Schicksalsjahr 2014. Aber wir müssen uns bewusst sein: Migrationsflüsse lassen sich nicht wie ein Wasserhahn an- oder abdrehen.