Eine aus dem Konzentrationslager Theresienstadt befreite ältere Frau bei ihrer ersten Mahlzeit in der Schweiz 1944 © Keystone/Getty Images

Zum 75. Mal jährt sich am 9. November der Beginn der nationalsozialistischen Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung Deutschlands. Es war der Anfang eines bis dahin unvorstellbaren Genozids. Viele Juden flüchteten vor ihren Häschern auch in die Schweiz – die meisten von ihnen aber wurden von den Behörden an der Grenze abgewiesen oder wieder nach Deutschland zurückgeschickt. In den sicheren Tod. Laut dem Bergier-Bericht waren es etwa 30.000 Juden, denen die Schweizer dieses Schicksal bescherten.

An dieses düstere Kapitel erinnert in der Schweiz aber nur eine einzige Gedenkstätte. Sie steht seit 2012 in der Basler Gemeinde Riehen, untergebracht in einem ehemaligen Bahnwärterhaus, in dem während des Zweiten Weltkriegs Mitarbeiter der Deutschen Reichsbahn wohnten und die Zurückweisung jüdischer Flüchtlinge mit eigenen Augen sahen. Die Gedenkstätte, die man kostenlos besuchen kann, ist in privater Hand, sie wird von der Öffentlichkeit mit keinem einzigen Franken unterstützt. Ein an sich unbegreiflicher Umstand.

Belebt wird der Ort, der sich dem Schicksal jüdischer und anderer Flüchtlinge in der Schweiz widmet, vom seinem Gründer, dem umtriebigen 60-jährigen Theologen und Pfarrer Johannes Czwalina. Er hat sich einen Namen als Berater und Coach deutscher Führungskräfte gemacht. Die Gedenkstätte kann heute auf eine beeindruckende Gästeliste blicken. So hielten etwa Professor Wolfgang Benz, der ehemalige Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, oder der Münchner Trauma-Psychologe Louis Lewitan Vorträge. Am 10. November wird Daniel Gerson, Dozent für jüdische Geschichte an der Uni Basel, zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht sprechen. Johannes Czwalina empfängt auch viele Schulklassen.

Den Betreiber der Gedenkstätte plagen akute Geldsorgen

Czwalina selbst aber ist das, was man wohl eine "umstrittene Persönlichkeit" nennen würde. Er ist in den fünfziger Jahren in einer "arisierten" Villa am Wannsee aufgewachsen und hat gerade ein Buch über das Schweigen der Täter- und Opfergeneration des Zweiten Weltkrieges geschrieben: Das Schweigen redet. Wann vergeht diese Vergangenheit? Schweizweit aufgefallen ist Czwalina, als er 2011 per Inserat anbot, die Bußen für fünf muslimische Basler Familien zu bezahlen, die ihre Kinder aus Scham nicht in den Schwimmunterricht schicken wollten. Die Folge waren an die 100 Hassschreiben und mehrere Morddrohungen. Ja, Czwalina ist ein Getriebener, das ist klar, einer, der unbedingt das Gute will – und es nicht immer bekommt. Und so einer hat es nicht leicht. Er ist per se verdächtig.

Wer nun aber denkt, der Mann verdiene mit seiner viel gepriesenen Beratertätigkeit so hervorragend, dass er nebenbei die Gedenkstätte gut unterhalten könne, der irrt. Czwalina, der von sich sagt "Wenig zu haben ist geil", steckt alles, was er hat, in seine Nebentätigkeit. So musste er gerade seine Eigentumswohnung verkaufen, um die laufenden Kosten der Gedenkstätte begleichen zu können. Und ohne ehrenamtliche Helferinnen und Helfer könnte er den Betrieb schon lange nicht mehr aufrechterhalten.

Es ist wohl auch seine Art, welche die Gemeinde Riehen von Anfang an skeptisch sein ließ. "Man gab mir klar und deutlich zu verstehen, dass ich niemals mit finanzieller Unterstützung von der Gemeinde rechnen könne. Es ist mir unverständlich, dass niemand von der Gemeinde auf mich zugekommen ist, um zu helfen. Ich hätte es wohl leichter gehabt, wenn ich einen Dreiländerpuff aufgemacht hätte", sagt Johannes Czwalina. Riehen, welches die weltberühmte Kunstsammlung Fondation Beyeler beheimatet, gehört zu den reichsten Gemeinden der Schweiz. Und als auch noch die geplante Zusammenarbeit mit dem Institut für Jüdische Studien an der Universität Basel, welches die Gedenkstätte inhaltlich begleiten sollte, infolge unterschiedlicher Geschichtsauffassungen scheiterte, wurde die Gemeinde noch skeptischer. Oder hatte man einfach eine gute Ausrede?

Riehen bittet auf seiner Webseite um Spenden für Czwalina

Die Verantwortlichen geben sich jedenfalls auch heute noch zurückhaltend, um nicht zu sagen übervorsichtig. Die Gemeinderätin Maria Iselin-Löffler, die für Museen und Kultur zuständig ist, wird am Telefon sehr nervös, als der Name Czwalina fällt, und weist jede Verantwortung von sich: "Herr Czwalina ist nie mit einer offiziellen Anfrage an die Gemeinde gelangt." Um dann auf die Frage, was passieren würde, wenn er mit einem Fördergesuch an sie heranträte, zu antworten: "So ein Gesuch müsste vom gesamten Gemeinderat beurteilt werden, nicht von mir allein. Denn generell sind die Ansichten betreffend der Ausrichtung der Gedenkstätte sehr unterschiedlich." Auch Gemeindepräsident Willi Fischer will die Causa Czwalina nur mit Samthandschuhen anfassen: "Ich persönlich stehe der Gedenkstätte positiv gegenüber. Ich will aber nicht verhehlen, dass zwischen der Gedenkstätte von Herrn Czwalina und dem Institut für Jüdische Studien der Universität Basel unterschiedliche Auffassungen bestehen." Freude klingt irgendwie anders.

Warum so viel Vorsicht, so viel Bedenken, so viel Nervosität? Warum wuchert Riehen nicht mit seinen Pfunden und rühmt sich der Gedenkstätte? Warum nimmt man die Sache nicht selbst in die Hand? Wer Geld gibt, kann ja auch Einfluss nehmen. Ein erster Schritt wäre getan. Auf der Webseite der Gemeinde ist die Gedenkstätte seit Kurzem offiziell bei den Museen aufgeführt. Man bittet dort eindringlich um Spenden für den Unterhalt der Gedenkstätte, einen Unterhalt, für den man selbst nicht aufkommen will.

Man wird den Eindruck nicht los, dass dieses Bahnwärterhaus in Riehen den Einwohnerinnen und Einwohnern nicht ganz geheuer ist. Weil es sie an etwas erinnert, an das sie nicht erinnert werden wollen? Sollte dem so sein, hätte die Gedenkstätte einen Teil ihres Zwecks jedenfalls schon erfüllt.