Kein Mensch würde bei diesen Leuten an etwas Böses denken. Schon deswegen nicht, weil sie allen so furchtbar auf die Nerven gehen. In ihren riesigen Wohnmobilen fahren sie kreuz und quer durch Amerika, von Campingplatz zu Campingplatz, immer exakt zehn Meilen unter der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, und immer im Pulk, sodass man wahnsinnig wird, wenn man versucht, diesen Schneckenzug zu überholen. An den Raststätten kann man sie sehen, wie sie sich aus ihren Kisten schälen, um sich die Beine zu vertreten. Langsam sind sie, alt, fett und hässlich, aber noch gut zu Fuß und vom Gefühl ihres Rechts erfüllt.

"Und wenn ihr diese ganzen Wohnmobile vor einem McDonald’s oder Burger King stehen seht, dann fahrt ihr weiter, weil ihr wisst, da drin stehen sie alle an der Theke an, die Männer mit schlaffen Golfhüten oder Anglermützen mit langem Schirm, die Frauen in Stretchhosen (normalerweise taubenblau) und T-Shirts, auf denen Sprüche wie FRAG MICH NACH MEINEN ENKELKINDERN! oder JESUS LEBT oder IMMER UNTERWEGS stehen. Da fahrt ihr lieber ein Stück weiter zum Waffle House oder zu Shoney’s, nicht wahr? Weil ihr wisst, die brauchen ewig, bis sie etwas bestellt haben, stieren träge auf die Speisekarte, wollen ihren Royal TS immer ohne Zwiebeln oder ihren Whopper ohne die Soße."

Doch wer Stephen King kennt, der weiß, dass die scheinbare Banalität solcher Szenen nur die Schale bildet, in der das Ei des Geheimnisses ausgebrütet wird, eines unguten Geheimnisses. Während man das Knistern der ersten Risse hört, die das Gehäuse zu sprengen beginnen, überlässt man sich einstweilen mit Behagen allen Details alltäglichen Lebens in den USA, die kein anderer mit solch genießerischer Breite auszumalen versteht wie dieser Autor. Auch sein neuestes Werk erreicht dabei wieder einen Umfang von rund 700 Seiten, die übliche Kingsize – ein Wälzer, der dem Leser, dem treuen constant reader vor allem, wie ihn King beliefert, dennoch nicht zu lang wird. Über weite Strecken darf er sich in Vorfreude wiegen auf die schlimmen Dinge, die bestimmt bald kommen werden, in einem Vorgruseln vielmehr, in dem das Unheimliche sich ins Heimelige verschränkt und eine wohlige Gänsehaut hervorbringt.

Denn die Mitglieder des "Wahren Knotens", die sich als erprobte Camper maskieren, verbergen durch ihr Nomadendasein einen Umstand, der ans Licht kommen müsste, wenn sie sich irgendwo fest niederließen: Ältlich, wie sie scheinen, altern sie doch nicht weiter, ja manchmal erleben sie plötzliche Verjüngungsschübe, die jeden Nachbarn, der sie kennt, erschrecken würden. Ihr Treibstoff ist "Steam", eine Essenz, die sie einer besonderen Art von Kindern abzapfen und in Thermoskannen verwahren. Was die Kinder (die die Prozedur nicht überleben) mitbringen müssen, ist das "Shining".

Shining war das wohl berühmteste von Kings Büchern gewesen, das in den späten Siebzigern spielte, und sein Ruhm wuchs durch die Verfilmung von Stanley Kubrick. Damals war es um das Overlook-Hotel in den Rocky Mountains gegangen, wo der Schriftsteller Jack Torrance (gespielt von Jack Nicholson), der auf keinen grünen Zweig kam, in seiner Verzweiflung einen Job als Winter-Hausmeister des geschlossenen Komplexes annahm und seine Familie in dieses düstere Schneeidyll mitnahm, seine Frau Wendy und seinen fünfjährigen Sohn Danny. Die Katastrophe bahnte sich an mit Jacks langsam hervorbrechendem Wahnsinn und endete mit einer verheerenden Feuersbrunst.

Kings Leser wollten wissen, wie es mit dem kleinen Danny weitergegangen war. Wer so ein Talent wie das Shining besitzt, mit dem er telepathisch kommunizieren, die Gegenwart der Toten spüren und die Zukunft ahnen kann, der wird sicher auch später noch auf interessante Dinge stoßen, oder? King ließ sich von dieser Neugier anstecken und folgt seinem Dan (wie er inzwischen heißt) durch dessen junges und erwachsenes Leben.

Dieses Leben droht zeitweise auseinanderzufallen. Dan wird zum Alkoholiker wie sein Vater, und wie dieser neigt er zu Wutausbrüchen, die ihn sogar ins Gefängnis bringen. Er bleibt in einem kleinen Ort in New Hampshire hängen (gleich neben Maine, wo King wohnt und die meisten seiner Bücher angesiedelt hat) und kriegt sich in den Griff dank einiger Freunde, die er dort gewinnt und die ihn zu den Anonymen Alkoholikern schleppen. Durch eine Tafel, die sich von Geisterhand mit Schriftzeichen füllt, macht er die Bekanntschaft der kleinen Abra, die ebenfalls das Shining besitzt, aber in noch viel stärkerer Ausprägung, als er selbst es je hatte. Ihre Gabe erfüllt sie mit Entsetzen, als die bestialischen Kindermorde des Wahren Knotens vor ihrem inneren Auge aufblitzen. Bald ist klar, dass die Wahren sich auch auf ihre Spur gesetzt haben, denn sie verheißt den absoluten Super-Steam, mindestens ein Dutzend Kannen voll. Auf den sind sie scharf, denn in letzter Zeit ist es für sie ziemlich schlecht gelaufen, und sie mussten darben. Die Chefin des Vereins, Rose, die mysteriöse "Frau mit Hut" (es handelt sich um einen dämonischen Zylinder), nimmt die Sache als eine sehr persönliche Herausforderung. Beide Trupps, Abra, Dan und ihre neuen Freunde einerseits, die Wahren andererseits, beginnen sich für den Endkampf in Position zu bringen; wer ihn verliert, hat alles verloren.

Der Plot ist grundsolider King. Man staunt, wie dieser Schriftsteller mit relativ geringer Variation einander immer wieder gleichender Fabeln es doch schafft, den Leser in seinen Bann zu schlagen. Wer beispielsweise glaubt, das alte Motiv des Vampirs sei in letzter Zeit etwas überstrapaziert worden und gebe nichts mehr her, der erlebt hier, wie King es bloß mit dem Typ des rüstigen Rentners zu kreuzen braucht, um sofort die Wirkung des Neuen und Originellen zu erzielen.