Am wichtigsten aber sind die Personen und ihre emotionale Kraft: Abra, die das Drama des begabten Kindes auf spektakuläre Weise durchleben muss und selbst nicht recht weiß, wie ihr geschieht, wenn plötzlich die Löffel aus der Küchenschublade zur Decke schweben, intelligent, mit sprödem Charme, ein wenig befangen und, wenn es sein muss, sehr mutig (es muss sein); Dan natürlich, der Drifter, der sich hinterher zu Tode schämt, als er einer betrunkenen Frau, mit der er im Bett gelandet ist, ihr letztes Geld gestohlen hat, der aber mit seiner neuen Aufgabe im Hospiz wächst, wo er als "Doctor Sleep" den Sterbenden beisteht; Billy, der Schaffner der Parkeisenbahn, ein gutmütiger alter Prolet, und andere. Sie rühren an wie die Bremer Stadtmusikanten, sehr verschiedenartige Außenseiter, die sich zusammentun und gemeinsam losziehen, denn etwas Besseres als den Tod finden sie überall. Aber auch die Gegenseite, der Wahre Knoten, wird nicht nur als der arrogante mörderische Haufen gezeichnet, der er zweifellos ist, sondern auch hier gibt es Liebesgeschichten, Loyalität und echtes Leiden. Als jemand bezweifelt, dass Rose, die Frau mit Hut, ein Herz besitze, muss er sich korrigieren lassen: Ein Herz habe sie durchaus, es sei aber eben ein schwarzes Herz. Beide Gruppen beginnen sich in ihrer Not, in deren Zentrum eine Droge steht, immer mehr zu gleichen: nur dass die Anonymen Alkoholiker vom Alkohol weg-, die Wahren aber zum Steam hinwollen. Der Durst nach dem Stoff erlegt ihnen analoge Qualen auf. Der Schluss stellt, wie so oft bei King, trotz des spannungsbezogenen Aufbaus durchaus nicht den intensivsten Teil des Ganzen dar, sondern tendiert, obwohl die Ereignisse sich überschlagen, zum Antiklimaktischen, ja Konfusen; nicht unschuldig daran ist das Shining, da es den Beteiligten ermöglicht, aus großer räumlicher Distanz zu operieren wie bei einem Drohnenangriff.

Doctor Sleep versteht sich als Fortschreibung von Shining und provoziert infolgedessen den Vergleich. King, der das weiß, sucht mögliche Kritik vorwegnehmend zu entkräften. In seiner Nachbemerkung stellt er sich den Leser vor, der den Kopf schüttelt und sagt: "Nein, nein, das ist nicht so gut wie das Original." Und er meint, dass Leser und Autor inzwischen ein bisschen älter, ein bisschen kälter geworden seien, aber es ihm nach wie vor viel Freude mache, eine tolle Geschichte zu erzählen. Das merkt man dem Buch auch deutlich an.

Und doch sollte man das nicht ganz so auf sich beruhen lassen. Dem Schachbrett, auf dem der neue Roman spielt, fehlen zwei machtvolle Figuren. Zum einen ist Dans Vater bei der damaligen Brandkatastrophe ums Leben gekommen; in seiner Ambivalenz aus Gewalt und Liebe, Fürsorge und Wahn hatte er verstörend quergestanden zum Schema Gut versus Böse, das mit geringen Abstrichen im neuen Buch wieder universal gilt. Und zum anderen existiert seit jener Brandnacht auch das Overlook-Hotel nicht mehr, das sich als Akteur eigenen Rechts so spät und schauerlich zu erkennen gab; dass der Wahre Knoten an dieser Stelle jetzt einen Campingplatz unterhält, kann dafür kaum entschädigen. Shining wird auch künftig, nicht zuletzt wegen Kubricks Film, seine Sonderstellung in Kings Œuvre behalten.

Das sollte man Doctor Sleep nicht allzu sehr verübeln. Wenn der Erzähler sich von seinen Lesern mit den Worten verabschiedet: "Möget ihr lange Tage und angenehme Nächte haben!", so darf man ihm bescheinigen, dass er zu solchen Geschenken durchaus immer noch in der Lage ist. Auch in seiner abschließenden "Warnung" verbindet er in bewährter Manier das Angenehme mit dem Gruseligen:

"Wenn ihr auf den Turnpikes und Freeways Amerikas unterwegs seid, nehmt euch vor diesen Winnebagos und Bounders in Acht.

Man weiß nie, wer darin sitzt. Oder was."

Hier sitzt der Horror ganz zum Schluss in nur drei Buchstaben (englisch vier) – aber was für welchen. Das ist King!