Der Südwesten von Texas ist keine Gegend, in der sich ein Vertreter der Gattung Homo sapiens irgendwie wichtig vorkommen könnte. Zu maßlos und zu leer ist das sonnendurchglühte Land vor meinem Pick-up, zu gerade die Straße, die direkt in einen gigantischen, wie zu blauem Porzellan gebrannten Himmel führt. Seit Stunden kommt es mir vor, als weiche der Horizont mit jedem Kilometer weiter zurück, als sei die Erdkrümmung das einzig mögliche, aber unerreichbare Ziel.

Später wechsele ich auf den State Highway 118 und nehme Kurs auf den Big-Bend-Nationalpark, der sich in eine südliche Ausbuchtung des Rio Grande schmiegt. Immer tiefer fahre ich jetzt in eine Art megalomanen Steinbruch hinein. Felsbrocken liegen auf Hügeln herum, als hätten die Kräfte der Geologie eine Party gefeiert, aber vergessen aufzuräumen. Und jetzt, sechs staubige Stunden von El Paso entfernt, bin ich am Ziel. Aber warum will es sich überhaupt nicht so anfühlen?

Ich klettere aus dem Auto, und die Hitze prallt mir mit der trockenen Wucht einer Kaminsauna entgegen. Die Tür kracht ins Schloss. Dann herrscht Totenstille. "Welcome to Terlingua Ghosttown", grüßt ein Schild. Dabei ist das Panorama alles andere als einladend. Ruinöse Gemäuer verteilen sich weitläufig auf einem flachen, staubigen Hang. Die meisten sind Häuschen aus knochenbleichem Stein in allen Stadien des Zerfalls – manche wirken fast stattlich, andere sind nur noch Haufen, einen Ortskern gibt es nicht. Aussteiger sollen diese Geisterstadt wieder zum Leben erweckt haben. Vorerst fehlt jede Spur von ihnen. Was könnten sie hier auch wollen – in dieser mineralischen Einöde, die so trocken ist, dass man schon beim Anblick husten muss? Terlingua scheint eher ein Verbannungs- als ein Zufluchtsort zu sein.

Seine Größe immerhin lässt sich erklären. Denn wie jede Geisterstadt hat auch diese eine Geschichte. Vor 100 Jahren wohnten hier gut 2000 mexikanische Arbeiter, die aus Dörfern der Chihuahua-Wüste zugezogen waren. Die liegt nur eine Autostunde entfernt, gleich hinter dem Grenzfluss Rio Grande. Je weiter ich den Hang hinauflaufe, desto besser sehe ich in Richtung Süden die Tafel- und Kegelberge Mexikos und gen Osten die Gipfel des Big-Bend-Gebiets. Mit dieser Landschaft hätte Sergio Leone jeden seiner Western beginnen lassen können. Die Arbeiter werden damals kaum einen Sinn für sie gehabt haben. Sie schufteten hier in der zweitgrößten Zinnobermine der Welt. Aus dem Rohstoff wurde Quecksilber gewonnen, das man für Sprengzünder in Bomben und Geschützen brauchte. Ende des Zweiten Weltkriegs war damit Schluss. Man fand einen elektrischen Weg, Munition detonieren zu lassen, und Terlingua verkam zur Geisterstadt.

An einem der höchsten Punkte des Ortes thront die Villa des damaligen Minenbesitzers Howard Perry. Pittoresker kann ein Gebäude kaum verfallen: Balken stechen wie riesige Mikadostäbe durch Teile des Dachs, die meisten Fenster sind schaurig-schwarze Höhlen. Ein texanischer Caspar David Friedrich wäre entzückt. Das messerscharfe Licht dagegen erinnert eher an Bilder von Edward Hopper. Je mehr sich meine Augen daran gewöhnen, desto seltsamer werden die Entdeckungen. Verrostete Autowracks fallen auf, Skulpturen aus Schrott, und irgendwo steht eine Vogelscheuche mit gruseligem Aliengesicht. Das alles wirkt so surreal, dass mir ein kleiner Schauder über den Rücken fährt.

Das Gefühl verfliegt, als ich endlich einen Menschen treffe. Es ist Kaci, eine blonde Frau um die 50 mit lustigen Lachfalten. Sie sitzt auf der Terrasse der Villa und liest. Ist sie ganz allein? "Überall, wo du ein Dach siehst, lebt jemand", sagt sie, klappt das Buch zu und tippt mit dem Zeigefinger in der Luft herum. Erst jetzt erkenne ich, dass manche vermeintliche Ruine offenbar hergerichtet ist und dass Solarplatten zwischen den Kakteen blitzen. Es gibt also doch neue Siedler. In den frühen siebziger Jahren, sagt Kaci, seien die ersten gekommen, die ein paar Trümmerbuden auf Vordermann brachten. Etwa 400 sind es heute. Obwohl es seit Kurzem Wasseranschluss gibt, sammeln die meisten immer noch den spärlichen Regen und duschen unter Rinnsalen. "Terlingua ist die Dritte Welt der USA", meint Kaci. Es klingt wie ein Kompliment.