Ein Imbisswagen

Kaci kam vor ein paar Jahren aus Alaska in den Süden. "Hauptsache, das Land ist leer. Sonst fühle ich mich eingesperrt und kann nicht denken", sagt sie und streckt die Arme aus, als wolle sie die Wüste umarmen. Dann setzt sie sich einen Strohhut auf und zeigt mir einen Trakt der Patriarchenvilla, in dem man übernachten kann. Sie hatte die zwei lindgrünen Zimmer selbst renoviert und eine Weile als Pension betrieben – bis ihr der Grundbesitzer, dem fast die komplette Geisterstadt gehört, das Geschäft aus der Hand nahm.

Kaci liebt es einsam; mich macht die gespenstische Menschenlosigkeit langsam paranoid. Ich fühle mich beim Stromern wie der Fremde, den alle im Verborgenen mit gezücktem Colt beobachten. Ich pfeife ein wenig vor mich hin, während ich die wiederaufgebaute Adobekirche der Minenarbeiter betrete. Über den verwaisten Bankreihen hängen alte Schwarz-Weiß-Fotos von todernsten Mexikanerkindern im Kommunionsstaat. In einer nahen Senke liegt der Gemeindegarten, in dem sich ein bisschen Gemüse durch die Krume quält und versponnene Windspiele klimpern. Ein paar Schritte weiter finde ich eine Kunstdruckerei, in der es nach dem Gusseisen uralter Maschinen riecht. Die Türen stehen offen, aber niemand ist da.

Später stelle ich fest, dass die Geisterstadt wie eine Echse ist, die sich tagsüber mit Hitze vollsaugt, um abends zum Leben zu erwachen. Das findet seit je auf der 20 Meter langen Veranda des einstigen Terlingua Trading Post statt, von dem aus man den Ort und seine Ausfransung ins Nichts überblicken kann. Heute gibt es hier ein Geschäft mit Bier und mexikanischem Klimbim für die Touristen, die auf dem Weg zum Big Bend in Terlingua halten. Zurzeit kauft niemand ein – in Washington streiten sich gerade Demokraten und Republikaner um den Haushalt; während des Shutdowns bleibt der Park geschlossen. Gleich neben dem Laden liegt die große Bar Starlight Theatre, die früher das Arbeiterkino war. Ihre Toiletten sind ein Stück weiter im ehemaligen Gefängnis untergebracht.

Langsam füllt sich die Veranda. Vor allem Männer mit stattlichen Bärten tauchen auf. Man trägt Cowboyhüte und Gürtelschnallen mit dem texanischen Lone-Star-Wappen. Aussteiger? Die hier sehen eher aus, als stünden sie beim Haushaltszoff auf republikanischer Seite. Einer der Kerle hat sich Ruder auf die Unterarme tätowieren lassen. Als ich ein wenig zu lange draufschaue, hält er mir sein Bier zum Anstoßen hin und beginnt zu erzählen. Er ist einer der vielen river guides von Terlingua, die auf allen Flüssen der Welt gepaddelt sind, bis sie hier strandeten und heute Touristen durch die Canyons des Big Bend rudern. Ein anderer gehört zu den Feuerwehrmännern aus dem Norden der USA, die im Winter arbeitslos werden und dann für ein halbes Jahr in Terlingua siedeln. "Die meisten Bewohner kommen mit Geld und verplempern es hier nach und nach", sagt er. "Manchmal reicht es für den Rest ihres Lebens."

Das Verplempern ist Bryns Sache nicht. Wer sie sieht, glaubt es gleich. Ihr 57-jähriges Gesicht ist frisch wie ein Apfel, jede ihrer Bewegungen energisch bis in die Cowboystiefelspitzen. Die Künstlerin malt jedes mural der Gegend bis weit nach Mexiko hinein, veranstaltet Ausritte zu Pferd und hat Ruinenhäuser zu Pensionen gemacht. Was würde sie wohl mit ihrer Unternehmungslust anstellen, lebte sie woanders? "Dann gäbe es die wahrscheinlich gar nicht", sagt sie, lacht und schnippt mit dem Feuerzeug den Kronkorken ihrer Bierflasche weg.

Es hat keine Stunde gedauert, und die Veranda ist auf Partytemperatur. Gleich zwei haben ihre Gitarren mitgebracht und singen Folksongs. Einer tanzt sogar ein bisschen. Es ist Doctor Doug. Der dünne Alte mit dem Prophetenbart und den gasflammenblauen Augen ist Terlinguas Lebenskünstler vom Dienst. In der rechten Hand hält er ein Bier, in der linken einen Spazierstock, der mit der Haut einer Klapperschlange überzogen ist. Er war der Erste, der in die Wüste zog, warum, weiß er selbst nicht mehr genau. Sein Titel ist natürlich Quatsch, genauso wie die Therapiesitzungen, die er Besuchern auf der Veranda anbieten will. Dennoch glaubt er fest daran, dass die von ihm etwas lernen könnten. "Schau dich um", sagt er und legt mir seine Hand auf die Schulter. "Überall Steine und Klippen und Canyons! Alles voller Klapperschlangen, und Skorpione! 55 Grad Hitze im Sommer und kaum Wasser! Wenn du in einer so gnadenlosen Gegend lebst, tust du das nicht zufällig. Du willst es wirklich. Und wer tut, was er will, ist ein glücklicher Mensch."

Zu meinem dritten Bier fächert das letzte Tageslicht über die Ebene, und die große Show beginnt: der Sonnenuntergang. Es ist, als explodiere ein Regenbogen in Zeitlupe. Unter vereinzelten Wolkenriffen leuchtet die Steinorgie erst in sattem Gelb, lodert dann orange und blutrot, um am Schluss lila und in einem geheimnisvollen Saphirblau zu glimmen. Alles wirkt auf einmal noch monumentaler, der Mensch noch kleiner und unbedeutender.

Am nächsten Morgen schlafe ich lange. Ich verpasse ja nichts. Frühstück bekommt man im Café von Noemi, bei einer der wenigen Mexikanerinnen in der einstigen Mexikanerstadt. In ihrer Küche wuseln sogar Kinder herum, die gibt es sonst nicht in Terlingua. Die meisten Bewohner haben ein Alter erreicht, in dem die eigene Hinfälligkeit kein abstrakter Begriff mehr ist. Mein Frühstücksnachbar Ken ist Anfang siebzig, ginge aber auch für Mitte achtzig durch. Kein Wunder: Abwechselnd beißt er in seinen Burrito und zieht an einer Zigarette. Wie viele in Terlingua raucht er, als wollte er daran ersticken. Seine Zähne haben die Farbe der Felsen um uns herum.