Das "Starlight Theatre", ein Restaurant

Vor bald 40 Jahren kam Ken als Landvermesser hierher und stellte dabei fest, dass er keine Lust mehr hatte, die Weite in Kästchen zu sperren. Als er dann noch Fossilien fand, blieb er – als Hobby-Paläontologe. Nach dem Frühstück rumpeln wir im Pick-up zu seinem Labor, das zehn Kilometer außerhalb in der Steppe hockt. Umringt von Vitrinen, liegen dort 80 riesige Knochen auf dem Betonboden und bilden das Skelett eines Dinosauriers nach. Etwa 70 fehlen noch. "Nimm ein Puzzle, schmeiß vier Fünftel der Teile weg, und versuche dann, das Bild zusammenzusetzen – das ist Paläontologie", erklärt Ken. Sie erinnere ihn daran, dass Westtexas nicht nur die Weite des Raums, sondern auch die Tiefe der Zeit verkörpere. Dann führt er mich nach draußen und zeigt türgroße Fossilien, die einfach so im Sand liegen. Es sind Urzeit-Haie, bei denen man sogar noch die Knochenreste ihrer letzten Mahlzeit erkennen kann – die Wüste war vor 70 Millionen Jahren ein Ozean. "Die Menschheit ist nur ein Witz", sagt Ken und schiebt sich seinen Cowboyhut in den Nacken. "Ein Augenzwinkern der Erdgeschichte, mehr nicht. Wer das in dieser Landschaft nicht kapiert, begreift es nie."

Auf dem Rückweg in den Ort schaue ich bei Sandy vorbei. Auch sie wohnt leicht im Abseits, wie viele der lokalen Nischenexistenzen, denen nichts wichtiger zu sein scheint als die eigene Unabhängigkeit. Sandys Haus müsse ich sehen, hatte es gestern auf der Veranda geheißen, als es um den Wiederaufbau der Ruinen ging. Und es stimmt. Ihr Domizil würde jeden Bildband über Wüstenheime zieren. Chilirote Chintzsofas kontrastieren mit rissigen Adobemauern, indianische Webarbeiten mit abstrakter Kunst und schmiedeeisernen Lüstern. Irgendwo ist ein Reitsattel aufgebockt, neben dem Kamin lehnt eine Winchester. In Terlingua schließt niemand ab, aber fast jeder hat eine Waffe im Haus. "Gutes Design ist nicht nur mir wichtig", sagt Sandy, die ihr blondes Haar streichholzkurz trägt, "viele hier haben einen Sinn dafür." Sandy ist aus Florida zugezogen. Geflohen, würde sie sagen. "Der Konsumwahn hat mich weggetrieben. Alles war nur noch Abklatsch, nichts mehr echt. Hier komme ich endlich zu mir selbst." Dann macht Sandy die nächste Zigarette an und schaut hinaus in ihre Welt aus Sonne und Staub. Es ist ein melancholisches Bild. Für einen Moment meint man, ihr ausgeklügelter Formensinn diene dazu, gegen das Nichts anzukämpfen, dem man in Terlingua leicht anheimfallen kann.

Als ich zurück in der Geisterstadt bin, senkt sich bereits das Zauberlicht der Dämmerung über die Ruinen. Es ist die beste Zeit für einen Besuch auf dem Friedhof, unter dessen schiefen Kreuzen und bröckelnden Grabsteinen Aussteiger neben Minenarbeitern ruhen. Mitunter glaubt man sich auf einem Spielplatz: An fast jedem Grab liegt Nippes aus dem Leben der Verstorbenen. Spielzeugruderboote für die river guides, Hütten für die Hausbastler, Schnapsflaschen für die allzu Feierwütigen, die in Terlingua niemand Säufer nennen will. Zudem zeugen Bierdosen von Partys, die hier gemeinsam mit den Toten stattfinden.

"Keiner von uns mag Grenzen – vielleicht wollen wir darum sogar dem Tod das Trennende nehmen", sagt Cynta, die auf einem selbst gebauten Sofa vor ihrem Haus sitzt. Die Frau mit der Löwenmähne ist der gute Geist von Terlingua. Sie hat nicht nur die Spenden für den Wiederaufbau der Kirche gesammelt, sondern auch Homecoming-Events für die Familien ehemaliger Arbeiter organisiert und Fronteras Unlimited mitgegründet. Die Initiative widmet sich dem Kampf gegen jene Grenze, die alle nervt: die zu Mexiko. Rund um den Big Bend gibt es eine Reihe von Grenzposten, an denen man immer ein Kommen und Gehen tolerierte – bis sie nach den Anschlägen vom 11. September geschlossen wurden. Einer davon wurde unlängst wieder geöffnet: Boquillas. Allerdings nur für Tagestouristen aus den USA. Mexikaner brauchen ein Visum, das sie praktisch nie bekommen. "Da musst du hin", sagt Cynta, die den Ort unterstützt, indem sie Webarbeiten importiert und als Souvenirs vertreibt. "Das sind unsere Brüder und Schwestern. Boquillas gehört zu Terlingua."

An meinem letzten Tag habe ich Glück. Die Politiker sind sich nähergekommen, die Nationalparkstraßen erneut befahrbar – auch Boquillas ist damit zu erreichen. Auf dem Weg in Richtung Grenze wird der Wilde Westen seinem Ruf wieder grandios gerecht. Der Santa-Elena-Canyon ist ein kühnes, von Wind, Wasser und Eis in die Tiefe gemeißeltes Zerstörungswerk der Zeit, ein Stück weiter ragen Magmadome und Lavazinnen in den Himmel.

Die Grenze selbst ist grotesk: Bewacht von Parkangestellten, spreche ich an einer Maschine mit Reisepassscanner und Videokamera zu einer Beamtin in El Paso. Dann rudert mich ein Mann über den pistaziengrünen Rio Grande nach Mexiko, wo ein Sänger zur Begrüßung eine Mariachi-Arie schmettert. Der Ort Boquillas jedoch weigert sich, so zu sein, wie man ihn gerne hätte. Eine einzige steinige Straße führt vorbei an einer verrammelten Bar und einer verwahrlosten Kapelle, an Autowracks und glotzenden Eseln. Ein Mann im Rollstuhl spielt furchtbar falsch Gitarre. Kinder verkaufen Armbänder, dürre Männer bieten aus Draht gezwirbelte Skorpione an. Auch wenn es nicht so aussieht, lebt ganz Boquillas von den Nationalparktouristen. In den alten Zeiten seien jeden Tag 100 Besucher gekommen, erzählen die Männer. Nach zwölf Jahren Zwangspause ließen sich nun drei oder vier täglich blicken. "Heute bist du der Einzige", sagen sie und halten mir wieder ihre Skorpione hin.

Am Abend sitze ich noch einmal auf der Veranda des Trading Post von Terlingua und verfolge, wie sich die mexikanischen Berge langsam in violette Pagoden verwandeln. Gleichzeitig muss ich an Boquillas denken, das mexikanische Dorf, das noch immer den klassischen Amerikanischen Traum vom Aufschwung träumt, wenn auch voller Zweifel und Verzweiflung. In Terlingua gilt er nicht mehr. Hier geht es um einen anderen, älteren Traum Amerikas: den von der Freiheit. Die Wüste, selbst eine Tabula rasa, soll der beste Ort dafür sein. Aber wie viel Wüste, wie viel Freiheit kann man ertragen, bevor sie beginnt, einem zuzusetzen? In diesem Moment lässt sich Doctor Doug neben mir auf die Bank fallen. "Hier, deine Medizin", sagt er und reicht mir ein Bier. Dann lehnt er seinen Stock an die Wand, verschränkt die Arme hinter seinem Grauschopf und seufzt: "Mein Leben hat keinen Zweck, keine Richtung, kein Ziel – und trotzdem bin ich glücklich. Ich versteh’s nicht. Was mache ich bloß richtig?"