Wer etwas über die Zukunft des deutschen Theaters erfahren will, muss in die Vergangenheit reisen. Diese Spurensuche will ergründen, wie das Theater während des Umbruchs in der DDR, der einzigen geglückten Revolution der deutschen Geschichte, seine Wirkung entfalten konnte. Und ob daraus heute, bei veränderten Bedingungen, eine Handlungsanweisung erwächst.

In Moskau liegen im Archiv des russischen Außenministeriums Sitzungsprotokolle, die als Textbücher der Wende gelten können. Alles an diesem maßstabslosen Gebäude, einem der das Stadtbild seit der Stalin-Ära prägenden, Sieben Schwestern genannten Hochhäuser, verkörpert Ablehnung und Distanz. Seine Vorderseite ist zu einer lärmenden Stadtautobahn ausgerichtet, die dem Verlauf eines Verteidigungsringes aus napoleonischer Zeit folgt, seine 27 Stockwerke wollen einschüchtern. Eine pompejanische Aura dominiert das Innere, und die Wandverkleidungen scheinen immer noch den Rauch von Molotows Zigaretten gespeichert zu haben, so schwer ist die Luft.

Dennoch ist diese Unzugänglichkeit nicht mehr als eine architektonische Behauptung. In Moskau, wo keine alten Regierungen mehr geschützt werden müssen, werden Anfragen manchmal schneller und umfassender beantwortet als in dem Teil des ehemals getrennten Europas, der 1989 triumphierte. Die Dokumente über Wende und Wiedervereinigung sind in Moskau einsehbar. Sie erklären, warum das ostdeutsche Theater zum Schrittmacher des Umbruchs wurde. Denn so war es: Bühnen waren zu Katalysatoren geworden. Der Emanzipation und Demokratisierung der Gesellschaft ging die des Theaters voraus.

Dabei hing die DDR, wie üblich, zuerst zurück. "So schlecht kennen wir einander! Er bewertet das Stück von Schatrow über Lenin als Abweichung von der Tradition des Oktobers", klagte Michail Gorbatschow 1987 im Politbüro der KPdSU über Erich Honecker, der ihm zuvor eine aus seiner Sicht neuerliche Verirrung der sowjetischen Gegenwartsdramatik vorgehalten hatte. Der Unmut des SED-Chefs galt Michail Schatrow und dessen Schauspiel Diktatur des Gewissens. Mit diesem Stück, einer inszenierten Gerichtsverhandlung gegen den Begründer der Sowjetunion, hatte Schatrow im Vorjahr mit der Oktoberrevolution gebrochen und seitdem die Spielpläne dominiert. Die Intervention Honeckers, das geht aus der Niederschrift hervor, markierte für Gorbatschow einen Tiefpunkt in den Verstimmungen zwischen der Sowjetunion und der DDR. Hatte sich Gorbatschow damals noch um Fassung bemüht, so war es damit zwei Jahre später vorbei. Mudak nennt Gorbatschow den Staatsratsvorsitzenden gemäß dem russischen Original einer Gesprächsniederschrift – Arschloch.

Nicht geringer war die Doppelzüngigkeit unter westlichen Spitzenpolitikern. Eine Begegnung zwischen Margaret Thatcher und Gorbatschow protokolliert sein außenpolitischer Berater Anatolij Tschernjajew, bis die Eiserne Lady plötzlich bittet, nicht mehr mitzuschreiben. Nach dem Ende des Gesprächs notiert er aus der Erinnerung die Worte Thatchers: "Entschieden gegen ein vereinigtes Deutschland. Aber ich, sagt sie, kann das nicht sagen, weder bei mir daheim noch in der Nato."

Mitunter übertünchte vorgetäuschte Humanität tatsächliche Ressentiments. Einen Monat vor dem Mauerfall schreibt Tschernjajew über die Gespräche eines seiner Mitarbeiter mit französischen Politikern, einschließlich Staatspräsident François Mitterrand und dessen Berater Jacques Attali, danach bis 1994 Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung: "Alle sagen einhellig: Ein ungeteiltes Deutschland braucht niemand. Und Attali hat mit ihm über die Wiederherstellung eines ernsthaften sowjetisch-französischen Bündnisses gesprochen (einschließlich einer militärischen Integration – unter einer Tarnung – Einsatz der Armee im Kampf gegen Naturkatastrophen)."

Politiker aus London und Paris hatten durchaus kein Monopol auf Maskerade und Inszenierung. Auch Mitglieder des Bonner Ensembles waren begabte Schauspieler. Als der SPD-Kanzlerkandidat Johannes Rau im Juni 1986 Gorbatschow besucht, erwähnt der Gastgeber den Vorschlag des sozialdemokratischen Ostexperten, die Kontakte zwischen SPD und KPdSU nach außen distanzierter erscheinen zu lassen, als sie waren: "Übrigens, Egon Bahr hat geraten, die SPD irgendwie zu kritisieren." Rau reagiert sofort: "Meines Erachtens kein schlechter Rat." Gorbatschow lehnt kühl ab: "Ich habe ihm geantwortet, dass wir uns keinerlei Zwang auferlegen werden."

Eine andere Hauptstadt, ein weiteres Archiv. Im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde, einer ehemaligen Kaserne, werden die Sitzungsprotokolle von Zentralkomitee und Politbüro der SED verwahrt und mit der unerschütterlichen Neutralität eines Zimmerkellners herausgegeben. Die Archivalien sind in Deutsch statt in Russisch verfasst, dennoch scheinen sie die gleiche Unfähigkeit auszuströmen, sich der Weltlage zu stellen, wie die Dokumente aus Moskau. Beispielsweise die Akten zu Günter Schabowski, dem einflussreichen Angehörigen des Politbüros. Aufgelöst berichtet er im Politbüro von einem Treffen mit Schauspielern. "Wir haben euch satt" – das sei ihm entgegengeschlagen. Und doch weiß er, Prioritäten zu setzen. "Wir brauchen komplexe Antworten, aber den Jahrestag dürfen wir uns nicht verhageln lassen." Die Inszenierung des bevorstehenden Republikgeburtstags geht vor, die Realität hat zu warten. Wollte man die Misere der DDR seit ihrer Gründung in eine Kurzform kleiden, man käme um diese Episode nicht herum.

Später waren dann die Ost-Berliner Politiker-Mimen aus dem Zentralkomitee damit ausgelastet, sich immer neue Begründungen für immer zahlreichere Rücktritte auszudenken. Für die Honecker-Demission wurden "Gesundheitliche Gründe" angegeben – damit hatte schon Honecker seinen Vorgänger Walter Ulbricht abgeschoben. Zur Komödie wird die Tragödie, als ein ZK-Mitglied während einer Tagung nach der Geschäftsordnung verlangt. Egon Krenz sagt: "Es gibt eine, sie liegt uns nur nicht vor." Eine hektische Suchaktion im Parteiarchiv beginnt – und fördert doch nur die Geschäftsordnung von 1953 hervor. Kurzum: Das ZK der SED hatte unbemerkt Jahrzehnte ohne feste Regularien getagt.