Wer den Dorotheum-Designkatalog für die Auktion am heutigen Donnerstag in Wien durchblättert, kann sich in Gedanken hundert Wohnungen aufs Schönste einrichten – mit unterschiedlich geschwungenen Thonet-Bugholz-Stühlen des 19. Jahrhunderts, mit einem grünsamtenen Sitzmöbel von Adolf Loos aus dem Jahr 1906, das den Namen Knieschwimmer trägt, dazu eine Keramik mit Tanzmotiv von Picasso anno 1956 und ein Plexiglas-Sofatisch, gefüllt mit blauem Pigment von Yves Klein, aus den 1960er Jahren. Ingo Maurers Porca Miseria von 1994 ist zwar ein Kronleuchter, sieht aber aus wie die Momentaufnahme einer Porzellanexplosion.

Auf dieser abwechslungsreichen Zeitreise durch rund 150 Jahre Geschmacksgeschichte droht vor lauter originellen Formerfindungen eine steingraue Seite fast unterzugehen. Dabei zeigt sie ein Angebot, das direkt aus einem der berühmtesten deutschen Museen stammt. Es ist der Steinboden aus dem Lenbachhaus in München, genau 335 Platten aus Solnhofener Jurastein, jede einzelne 80 mal 56 Zentimeter groß, das heißt insgesamt 150 Quadratmeter mit vielen alten Einschlüssen von Schnecken und anderen Weichtieren, die von ihrer vorzeitlichen Vergangenheit künden.

Franz von Lenbach, Künstlerfürst par excellence, ließ die Villa am Königsplatz Ende des 19. Jahrhunderts errichten. Seit 1929 beherbergt sie die Städtische Galerie im Lenbachhaus, die durch Gabriele Münters Schenkung einzigartige Bilder des Blauen Reiters erhielt und seither auch Werke von Joseph Beuys, Erwin Wurm und vielen mehr gesammelt hat. Wenn Steine erzählen könnten – was würden diese Platten wohl alles berichten? Von durchtanzten Nächten bei Künstlerfesten? Unzähligen Porträtsitzungen der High Society um 1900? Vom Scheidungskrieg, den Lenbach und seine erste Frau ausfochten? Später von Schritten Abertausender Museumsbesucher, vielleicht Tränen der Rührung im Angesicht von Kandinskys Impression III?

2009 wurden die Steinplatten entfernt, der britische Architekt Lord Norman Foster sanierte den Altbau und fügte einen goldenen Neubau an. Noch ist die Zukunft der Solnhofener Kalksteinplatten ungewiss. Aber sie könnte in Ihrem Wohnzimmer stattfinden – für schätzungsweise 28 000 bis 35.000 Euro.