Warum zum Teufel dieses Twitter? In 140 Zeichen lassen sich nicht einmal zwei vernünftige Sätze formulieren. Den fortlaufenden Fluss an neuen Nachrichten gab es bei Facebook schon viel früher, mit den gleichen Like- und Link-Möglichkeiten. Und dieser seltsame Vogel – wer kann ein Unternehmen mit einem blauen, pummeligen Logo-Pieper ernst nehmen? Niemand, lautete die Antwort in den ersten Monaten nach der Gründung des Unternehmens. Twitter besaß, anders als Facebook, keinen direkt einleuchtenden Suchtfaktor.

Es war ein heißer Tag im September 2006, als ein junger Mann, Mitte zwanzig, in abgerissenen Klamotten zur Love-Parade nach San Francisco aufbrach. Zusammen mit drei Freunden hatte Jack Dorsey ein paar Monate zuvor einen kleinen SMS-Dienst entwickelt: Man schrieb eine Statusmeldung, und alle, die einem folgten, bekamen sie gleichzeitig auf ihr Handy. Jetzt wollten sie Twitter zum ersten Mal öffentlich präsentieren.

Es wurde eine Katastrophe. Die Raver tanzten am Twitter-Tisch vorbei. Kaum einer interessierte sich für die Flyer, die Dorsey verteilte, sie klebten, überall um den Stand verteilt, auf dem Boden. Neuanmeldungen? Gab es kaum welche.

Twitter hatte keinen Manager, der den Starttermin professionell vorbereitet hätte. Es war ein Jungs-Unternehmen, unorganisiert, spontan, ineffizient. Wer von all den Zickereien, Beleidigungen, Wiedervereinigungen, Intrigen und Rachefeldzügen liest, die Twitter in seinen Anfängen durchschüttelten und die der New York Times- Journalist Nick Bilton in seinem gerade auf Deutsch erscheinenden Buch Twitter aufgeschrieben hat, fühlt sich, als sei er hinter die Kulissen von Gute Zeiten, schlechte Zeiten geraten.

Die vier Gründer ließen Twitter laufen, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren. Für den Erfolg des Unternehmens hätte es nichts Besseres geben können: Die Handlungsunfähigkeit der Entscheider bemächtigte die Nutzer, die Idee zu kapern und aus ihr etwas Großes zu machen.

Anders als viele andere Start-ups, die ein paar Monate im narzisstischen Chaos der Erfinder existieren, um dann ihren Platz auf dem Friedhof der Gründerszene zu suchen, blieb Twitter. Es wuchs, wurde zum Weltunternehmen mit 200 Millionen Nutzern und geht diesen Donnerstag an die Börse.

Im Reigen der großen Technologiefirmen hatte der Kurznachrichtendienst immer das Image des rebellisch-chaotischen Außenseiters: "Anstelle der sterilen roboterhaften Kultur bei Google mit den allwissenden Ingenieuren und herrischen Bossen traten nun tätowierte Hacker mit Laisser-faire-Mentalität", schreibt Nick Bilton. Twitter war das Anti-Google, das Anti-Facebook. Keine glatten Geschäftsmänner mit Gewinnmargenoptimierungswünschen, sondern junge Burschen, die ihre Ideale verkündeten: Sie wollten ein Instrument schaffen, mit dem Menschen sich gegen Missbrauch und Ohnmacht wehren konnten. Sie schufen einen simplen Dienst, dessen Kern sie nicht veränderten: eine Timeline, in die alle Beiträge einfließen, zeitlich geordnet. Radikale Reduktion.

Die wundersame Flugzeuglandung auf dem Hudson River im Januar 2009 war das erste Großereignis, das zuerst auf Twitter vermeldet wurde. Seitdem ist der Dienst zum Kanal des Weltinformationsflusses aufgestiegen. Twitter schafft Dauerpräsenz in Form von Schrift: Alle seine Nutzer, die Witzeschreiber, die Instant-Blogger, die Medien, schreiben über Ereignisse und formen sie mit. Indem sie posten und verlinken, bündeln sie die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Diskursstränge auf einer Plattform. Mit Elementen aus der Programmiersprache, dem hashtag und dem @-Zeichen, strukturieren sie Debatten neu.

In den USA wurde Twitter so unter Jugendlichen zum angesagtesten Netzwerk. Weil es so wahnsinnig schnell ist. Weil es noch nicht so abgehangen wie Facebook ist und nicht überall blinkende Frauen mit dicken Brüsten neben der eigenen Timeline Werbung für Singlebörsen machen. Weil es noch nicht durchkommerzialisiert ist.

Damit ist es jetzt vorbei. "Was kann in 140 Zeichen verkauft werden? Das ist nun die Herausforderung für Twitter", titelte die New York Times Anfang Oktober. Ein Paradigmenwechsel. Die Kapitalgeber wollen Geld sehen. Lange genug haben sie das Unternehmen spielen lassen. Jetzt wird durchorganisiert und durchökonomisiert.

Erfahrene Manager haben drei der vier Gründer ersetzt. Nur Jack Dorsey, der Junge von der Love-Parade, ist geblieben und zum Milliardär aufgestiegen. Im September kaufte Twitter eine Spezialfirma für Werbung auf mobilen Geräten. Die gesponserten Tweets in der Timeline und in der Trend-Liste werden zunehmen.

Es ist die schizophrene Logik des Silicon Valley: Aus einer genauso simplen wie brillanten Idee wird ein Unternehmen. Das Unternehmen lässt sich von venture capitalists finanzieren, es wächst und wird zum Werkzeug von Millionen. In dem Moment, in dem die Gesellschaft es sich als unverzichtbaren Dienst aneignet, wird der Sinn des Unternehmens umgedeutet: Nicht mehr der Dienst steht im Mittelpunkt, sondern die Rendite.

In diesem Sinne hat der Börsengang Twitters nur ein Gutes: Der zu erwartende Werbeschwall wird die Nutzer dazu zwingen, nach dem nächsten großen Ding zu suchen, das das gesellschaftli- che Miteinander-im-Gespräch-Sein revolutioniert. Einfach nur im Twitter-Wohnzimmer entspannen und es sich gemütlich einrichten wird irgendwann zu nervig und zu öde werden. Siehe Facebook.

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