Die Tochter

Das Lügen war für Sonja eine Selbstverständlichkeit. Von der Mutter hatte sie es gelernt, wie mit Messer und Gabel zu essen. Es erschien dem Mädchen als nützliche Fertigkeit, die das Leben leichter macht. Bis Sonja die eine, große Lüge in die Welt setzte. Diese Lüge machte nichts leichter, sondern alles schwer.

Am 29. Oktober 2013 will sie zur Wahrheit zurückkehren. 17 Jahre sind vergangen, Sonja ist längst erwachsen. Morgens um halb acht geht sie aus dem Haus, sie hat zwei Taschen dabei: ihre Handtasche und eine zweite Tasche, in der eine schwarze Perücke steckt, die sie zwei Wochen zuvor im Internet bestellt hat. Im Auto setzt Sonja Faust die Perücke auf und streift eine schwarze Mütze mit Strasssteinchen über das glänzende Kunsthaar.

So verkleidet, sitzt sie eine Stunde später im Zeugenraum des Memminger Landgerichts und wartet.

Sie hyperventiliert.

Sie nimmt Rescue-Tropfen, die nichts ausrichten.

Ihr Anwalt beruhigt sie.

Dann geht die Tür zum Verhandlungssaal auf, und Sonja Faust sieht auf der Anklagebank ihren Vater sitzen. Der schwarze Anzug, die leuchtend blaue Krawatte, das dünne graue Haar. Fast festlich sieht er aus. Er wirkt auf sie gleichzeitig fremd und vertraut. Später wird sie sagen, dass sie in diesem Moment den Impuls verspürt, zu ihm zu gehen und ihn zu begrüßen, aber da sind die Journalisten und die anderen Zuschauer.

Sie sollen ihr Gesicht nicht sehen.

Sie nickt ihrem Vater bloß kurz zu und dreht schnell den Kopf zum Richtertisch. Dahinter prangt das bayerische Staatswappen. Zwei goldene Löwen.

Sonja Faust setzt sich auf den Zeugenstuhl. Die Vorsitzende Richterin fragt: "Möchten Sie etwas sagen?"

Sonja Faust antwortet: "Deshalb bin ich da."

Es ist der zweite Prozess in ihrem Leben. Der erste, 1996, endete damit, dass zwei Justizbeamte ihren Vater in Handschellen abführten. Sieben Jahre lang saß er im Gefängnis.

Sonja Faust ist 33 Jahre alt, verheiratet und dreifache Mutter. Dieser Tag soll ihr Frieden bringen. Es kann aber auch sein, dass er ihr den finanziellen Ruin bringt. Oder beides.

Es ist sehr viel für einen Tag. Es war immer sehr viel auf einmal in Sonja Fausts Biografie.

Am Tag nach dem Prozess, der ihren Vater rehabilitiert, ist Sonja Faust zu einem Treffen bereit. Sie wartet, jetzt ohne Perücke, in einem Café: eine selbstbewusst wirkende junge Frau, sorgfältig geschminkt, etwas müde. Die Bedingung für das Gespräch: Ihr Mann darf dabei sein, ihr Name wird geändert, damit sie und ihre Familie unerkannt bleiben.

Es ist ihre größte Angst, dass die Lüge noch mehr Leben zerstört. Dass es nicht nur heißt: Sie ist eine Lügnerin. Sondern auch: Er ist der Mann einer Lügnerin. Sie sind die Kinder einer Lügnerin.

Die Zeitungen an diesem Tag sind voll von ihrem Fall, Bild zeigt ihren Vater auf Seite 1. Das Bayerische Fernsehen hat berichtet, das Radio. Sie hatte Angst, den Fuß vor die Tür zu setzen an diesem Morgen, aber als sie die Kinder im Kindergarten abgibt, stellt sie ungläubig fest: Alles ist wie immer.

Es ist leicht, mit Sonja Faust ins Gespräch zu kommen. Ihre Wortwahl verrät, dass sie geübt darin ist, ihr Seelenleben zu beschreiben: "innere Ordnung", "Hilferuf", "Selbstwertgefühl".

Beim Reden schaut sie einem in die Augen. Keine Tränen wie am Tag zuvor, als die Vorsitzende Richterin sie fragte: "Warum haben Sie das gemacht?" Manchmal greift ihr Mann, der neben ihr sitzt, nach ihrer Hand. Seltener greift sie nach seiner.