Michael Cramer schließt sein Fahrrad ab, kommt ins Berliner Literaturcafé und bestellt einen grünen Tee. "Schwarz geht nicht", sagt er, und: "Verrückt, diese Mautgeschichte." Cramer ist Verkehrspolitiker und sitzt für die Grünen im EU-Parlament. Er gilt als sehr kundiger Experte, aber große Schlagzeilen oder gar große Politik hat er selten gemacht. Bis Mitte vergangener Woche.

Da tauchte Cramers Name plötzlich nicht nur in den Onlinediensten auf, er schaffte es auch auf die Titelseiten der Zeitungen und in die Fernsehnachrichten: Der Mann beglückte den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer und ärgerte Angela Merkel. Er verschob die Gewichte in den Koalitionsverhandlungen und sorgte unfreiwillig dafür, dass die Einführung einer Maut nun doch wahrscheinlich wird. Obwohl die Bundeskanzlerin die noch kürzlich kategorisch abgelehnt hatte.

Die Geschichte des Herrn Cramer beginnt mit einem Schreiben der EU-Kommission. Der Grüne hatte von der Behörde schriftlich wissen wollen, wie sie sie denn so findet, die PKW-Maut. Ein bisschen Hoffnung schwang bei der Anfrage durchaus mit: Cramer selbst hält nichts von der Idee. Und schon gar nichts von der bayerischen Variante, bei der nur Ausländer zahlen müssen. Die Antwort der Kommission ist in typischem Brüsseler Kauderwelsch abgefasst. Der Grüne fühlt sich durch sie bestätigt, sieht sie als "ein klares Warnsignal" an München und Berlin und gibt den Brief Anfang der Woche an die Deutsche Presse-Agentur. Dort sieht man die Sache ähnlich, die Agenturmeldung wird deswegen unspektakulär: EU-Kommission sieht die Pläne der CSU für eine Pkw-Maut für Ausländer weiterhin kritisch, deutet aber einen Kompromiss an.

Hier könnte die Geschichte enden. Am Mittwochabend meldete jedoch Spiegel Online plötzlich: Bestätigung für Seehofer: Pkw-Maut ist mit europäischem Recht vereinbar. Das Nachrichtenportal hat als Quelle den gleichen Brief, interpretiert ihn allerdings anders. Als Sieg für Seehofer. Als Beweis dient der Satz: "Eine Senkung der Kraftfahrtsteuer für gebietsansässige Nutzer bei gleichzeitiger Erhebung angemessener Nutzungsgebühren für alle Nutzer stellt keine Diskriminierung aus Gründen der Staatsangehörigkeit dar." Am nächsten Morgen spitzt die Süddeutsche Zeitung das auf ihrer ersten Seite so zu: Brüssel stützt Seehofers Maut-Pläne.

Diese Nachricht schlägt in Berlin ein. Dort streiten CDU, CSU und SPD über den Koalitionsvertrag. Die Maut ist die Trophäe, die der bayerische Ministerpräsident mit nach Hause nehmen will. Wenn es klappt, hätte er die Kanzlerin niedergerungen. Denn die hatte vor der Wahl im Fernsehduell mit dem SPD-Kandidaten Peer Steinbrück versprochen: "Mit mir wird es keine Maut geben." Bisher waren die Bedenken aus Brüssel für sie das wichtigste Argument. Was aber, wenn die EU-Kommission nun die Fronten wechselt?

Auch Michael Cramer wird am Donnerstag von vielen Journalisten um ein Urteil gebeten. Schließlich hat er den Brief ja bekommen. Mitnichten sei die Sache klar, antwortet er immer wieder. Schließlich habe Brüssel auch geschrieben: "Eine Diskriminierung aus Gründen der Staatsangehörigkeit ist verboten." Seehofers Pläne ließen sich also nicht eins zu eins umsetzen. Doch im Mediengeschäft geht es um klare Botschaften. Und darum, wer etwas sagt. Da zählen die eindeutigen Schlagzeilen von Spiegel Online und Süddeutscher Zeitung mehr als die abwägenden Behauptungen eines Grünen. Besonders wenn die Details so kompliziert sind.

Nach drei Tagen Brüsseler Sprachverwirrung wacht endlich auch die EU-Kommission auf. Eine Sprecherin stellt klar: "Ein Mautsystem, bei dem Einheimische kostenlos eine Vignette erhalten, ist nicht möglich." Die Frankfurter Allgemeine titelt daraufhin: Brüssel weiterhin gegen Maut für Ausländer auf deutschen Straßen.

Auch hier könnte die Geschichte enden. Doch so funktioniert Politik nicht. Die Verwirrung hat Gewichte verschoben, plötzlich denkbar gemacht, was vorher unmöglich schien. In Berlin glauben jetzt viele: Irgendwie kann es eine EU-konforme Ausländermaut eben doch geben. Man muss nur genügend Juristen dransetzen. Dass es noch andere Gründe gegen die Abgabe gibt, spielt keine Rolle mehr. Und Michael Cramer auch nicht.

Stattdessen wird jetzt Verkehrsminister Peter Ramsauer aktiv. Der möchte seinen Posten behalten und muss das Lieblingsprojekt seines Chefs durchboxen. Sein Ministerium lasse bereits Modelle durchrechnen, kann die Bild am Sonntag berichten. Dafür lobt ihn Seehofer. Und in Berlin rudert Regierungssprecher Steffen Seibert Montags schmallippig und ziemlich genervt zurück. Ob die Kanzlerin die Maut für Ausländer immer noch ausschließe, wird er in der Bundespressekonferenz gefragt. Er antwortet: "Die Bundeskanzlerin war immer gegen eine zusätzliche Belastung inländischer Autofahrer." Noch Fragen?

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