Italiener, Franzosen und Österreicher – auf ihren Heimatstraßen geschröpft, brausen sie umsonst über unsere Autobahnen. Schluss damit, meint die CSU und hat CDU und SPD die Pkw-Maut in die Koalitionsverhandlungen diktiert. Künftig soll jeder, der auf deutschen Autobahnen fahren will, 100 Euro im Jahr bezahlen. Für deutsche Autofahrer soll es einen entsprechenden Nachlass bei der Kfz-Steuer geben. Aber weder die Kanzlerin noch die SPD sind von den Plänen begeistert. Und die meisten Autofahrer würden der Plus-minus-null-Rechnung der CSU wohl widersprechen.

Der Grund: das Phänomen der Verlustaversion. Verhaltensökonomen haben herausgefunden, dass uns mögliche Verluste stärker schmerzen, als uns Gewinne glücklich machen. Für die meisten ist es unangenehmer, 100 Euro zu verlieren, als dass sie der Fund von 100 Euro freuen würde.

Entdeckt wurde die Verlustaversion von den israelisch-amerikanischen Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky. Vor mehr als 30 Jahren beschrieben sie in ihrer Prospect Theory gleich eine ganze Reihe von irrationalen Befangenheiten der menschlichen Psyche. Mit ihren Ergebnissen säten sie Zweifel am Homo oeconomicus, der damals herrschenden Annahme unter neoklassischen Ökonomen. Nach ihr ist der Mensch ein rationaler Entscheider, der immer die Option mit dem am höchsten zu erwartenden Nutzen wählt.

Einen weiteren Beleg für Kahnemans und Tverskys Theorie lieferte Colin Camerer in den 1990ern anhand des Verhaltens New Yorker Taxifahrer. Diese setzten sich täglich ein bestimmtes Umsatzziel. War die Summe erreicht, stellten die Fahrer ihre Taxen ab und gingen nach Hause. An guten Tagen machten sie früh Feierabend, an schlechten Tagen kurvten sie noch lange durch die Straßen New Yorks. Dabei wäre es andersherum rationaler: bei viel Kundschaft länger zu fahren und an schlechten Tagen früher Schluss zu machen.

Wie ließen sich CDU und SPD dennoch von der Pkw-Maut überzeugen? Max Bazerman von der Harvard Business School schlägt vor, in politischen Verhandlungen Themen so zu bündeln, dass Gewinne nur mit Gewinnen und Verluste nur mit Verlusten verglichen werden. Die Verlustaversion wäre ausgetrickst. Die CSU müsste Kosten und Nutzen der Pkw-Maut versus Vor- und Nachteile kostenfreier Autobahnen diskutieren – und nicht etwa gegen einen bundesweiten Mindestlohn, das Wahlversprechen der SPD, verhandeln. Auf diese Weise hätten auch unpopuläre Maßnahmen eine größere Chance auf Verwirklichung, glaubt Bazerman. Aber: Auch innerhalb von Verhandlungen blockiert die Verlustaversion Zugeständnisse an die andere Seite.

Die SPD verlangt von der Kanzlerin ein Machtwort. Wahrscheinlich hat auch sie mit der Verlustaversion zu kämpfen. So lange gilt: freie Fahrt.