Nur auf dem Gipfel treffen sich die beiden Welten. Der Olympos im Taurusgebirge, 2365 Meter hoch und von den Einheimischen Tahtalı genannt, trennt sie wie eine Wasserscheide. Von der einen Seite strömen die Touristen nur so auf den Berg, kommen mit Bussen aus den Hotels und Resorts an der Küste, steigen gruppenweise in die Bergbahn, folgen Reiseleitern, die Schilder von deutschen oder russischen Ferienveranstaltern in die Höhe halten. Oben, auf der großen Terrasse vor dem Seilbahngebäude, reißt der Gipfelwind an Trainingsjacken, krampfen sich frierende Zehen in Sandalen.

Von der anderen Seite des Berges kommt kein Besucherstrom, eher ein dünnes Rinnsal: Wanderer in Funktionskleidung, die Haare trotz der kühlen Temperaturen in der Höhe schweißnass. Sie haben ihren Weg auf den Berg an einer yayla begonnen, einer einsamen Hochalm, sind durch Zedernwälder gestiegen. Schließlich durch eine karge Hochgebirgslandschaft, in der nur eine Ziegenhirtin samt Herde und Hunden anzutreffen war. In der nichts von dem Spiel aus Wolken, Nebel und blauem Himmel ablenkte, das sich über den Berghängen entfaltet.

Fragt man Yusuf Örnek, einen distinguierten Herrn mit rasiertem Schädel und randloser Brille, treffen am Gipfel des Tahtalı die Gegenwart und die Zukunft des Tourismus in der Region Antalya aufeinander. Die Gegenwart gefällt Touristikunternehmern nicht allzu sehr: Unten, am tiefblauen Meer der türkischen Riviera, erstreckt sich ein zweites Meer aus Beton. Bettenburgen für Pauschalreisende, deren Sehnsüchte sich mit "Sommer, Sonne, Strand" zusammenfassen lassen. 500 000 Betten stehen hier für jene 11 Millionen Gäste zur Verfügung, die jedes Jahr am Flughafen von Antalya aus Charter- und Billigfluglinien steigen. Sie bringen leicht verdientes Geld, aber auch eine Menge Probleme: Die Küste ist verbaut, im Hinterland verwaisen die Dörfer, weil deren junge Einwohner Arbeit in den Hotels, Restaurants und Bars am Meer suchen.

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Sanfter soll der Tourismus in der Provinz Antalya werden, naturnaher und nachhaltiger: Deshalb beauftragte die örtliche Handelskammer den 58-jährigen Yusuf Örnek, eine Vision für die kommenden Jahrzehnte zu entwickeln. Örnek, der in Deutschland über Karl Jaspers promoviert hat und seit den siebziger Jahren im türkischen Tourismusgeschäft arbeitet, dachte an Wanderer aus Almanya, die durch die dünn besiedelten Weiten des Taurusgebirges streifen könnten. 2012 nahm er auf einer Messe Kontakt mit dem DAV Summit Club auf, dem Reiseveranstalter des Deutschen Alpenvereins.

"Soll", "werden" und "könnten" sind noch die passenden Verbformen, wenn man vom neuen Wandertourismus in der Provinz spricht. Örneks Vision hat zwar mit Taurus Trails bereits einen Namen. Bis aber wirklich ein Netz von kurzen und langen Wanderwegen Naturliebhaber in einige der 600 Dörfer im Hinterland von Antalya lockt, gibt es noch manches zu tun. Das merken wir schnell, als wir nach einer Stunde Fahrt mit dem Kleinbus von Antalya in Richtung Südwesten das Dorf Tülek erreichen. Zwei Wochen bevor die ersten Gäste des Summit Club kommen werden, sind wir als Testgruppe in der Berglandschaft unterwegs. Für die Eingehtour, bei der kein Gipfel, sondern mächtige Bäume und weite Blicke aufs Meer die Höhepunkte sein sollen, steckt sich Wanderführer Volkan Aslı eine Kneifzange in den Rucksack. "Für den Stacheldraht", sagt er.