Als wäre plötzlich die dritte Dimension verschwunden – so muss man sich die Schauplätze des philippinischen Dramas vorstellen. Wo vorher Häuser, Hütten und Bäume standen, liegen Splitterholz und Wellblech. Hin und wieder ragt eine Betonruine aus der Fläche. Alles ist übersät mit Leichen. Und überall Gestank.

Die gemütliche Kleinstadt Guiuan, Vorposten im Osten, traf der Taifun zuerst, in der Nacht zum vergangenen Freitag. Die folgenden fünf Tage lang blieben die Überlebenden der knapp 50.000 Bewohner von der Außenwelt abgeschnitten. Als am Dienstagabend die ersten Flugzeuge eintrafen, kämpften Hungernde miteinander um Lebensmittel, Verzweifelte um Plätze auf dem Rückflug.

"Chaos", mit diesem Wort fasst David Santos die Situation zusammen. Der junge Kameramann vom Fernsehkanal Solar TV war schon am Donnerstag nach Guiuan geeilt, um Aufnahmen des Wirbelsturms Haiyan zu drehen. Santos zeigt ein Video, das er mit seinem Smartphone im örtlichen Krankenhaus gefilmt hat. Dunkle Gänge. Der Strom ist ausgefallen. Die Flure liegen verlassen da. Da bricht eine Seitenwand ein. In Sekundenbruchteilen stürzt grünlich schimmerndes Wasser herein. Santos rennt um sein Leben. Und filmt weiter.

Seine Aufnahmen zeigen Menschen, die Tage danach die Trümmerflächen durchstreifen und in Resten wühlen. "Es gibt nur noch einen Polizisten in Guiuan", sagt Santos, "und der kann nichts ausrichten, auch nicht gegen die Plünderungen." In jedem Ort entlang der Strecke von Guiuan nach Tacloban habe Santos ähnliche Szenen gesehen.

Tacloban City existiert nicht mehr. Vor Haiyan wohnten hier etwa 220.000 Menschen. Der 66-jährige Rentner John Reandino ist in Tacloban geboren, hat sein Leben dort verbracht. Taifune sind für ihn normalerweise heftiges Wetter, "jedes Jahr vielleicht 20", sagt er am Telefon. "Aber so etwas Fürchterliches habe ich noch nie erlebt."

Der Sturm prallte am Freitagmorgen um fünf Uhr auf Tacloban. Reandinos Familie war schon wach, der Wind hatte sie geweckt. Zunächst wehten Ziegel vom Dach, bis der Sturm "so laut wurde, als würde ein Zug vorbeifahren". Die Familie flüchtete ins Erdgeschoss, dort aber brach das Wasser ein. Sie eilten nach oben, in den dritten Stock, das Wasser holte sie ein, "der Sturm hatte das Meer emporgepeitscht". Auf einmal dann "ging das Wasser so schnell, wie es gekommen war". Als Reandino aus seinem Haus trat, sah er um sich herum nur Zerstörung. Von seiner Familie hatten alle überlebt, doch viele Nachbarn, Verwandte und Freunde, "sind unauffindbar oder tot".

Geboren wurde das Monster am 3. November, weit im Osten, erklärt Lars Kirchhübel vom Deutschen Wetterdienst. "Die Temperaturdifferenz zwischen der Wasseroberfläche und Luftschichten in etwa 5.500 Kilometer Höhe lag bei 35 Grad. Dies führte dazu, dass die leichtere warme Luft kräftig aufstieg und somit eine erhebliche Menge Luft von außen nachströmen musste. Beim Aufstieg der Luft konnte die Feuchtigkeit kondensieren, was zusätzliche Energie freisetzte. Dieser Energieschub verstärkte wiederum das Aufsteigen und gleichzeitig auch die Windgeschwindigkeit von Haiyan."

Der Sturm erreichte Geschwindigkeiten von 315 Kilometern, mit Böen von 378 Kilometern pro Stunde. "Das hohe Tempo führte wiederum dazu, dass Haiyan fortwährend von dem warmen Wasser profitierte", sagt Kirchhübel, "langsame Systeme kommen dagegen auch öfter in Bereiche von kälterem Wasser, das durch die starken Winde aus tieferen Schichten an die Oberfläche gemischt wird." Ein Supertaifun war entstanden, "wahrscheinlich der stärkste, der je auf Land getroffen ist", sagt der Meteorologe.

Die ganze Welt hat diesen Hammerschlag der Natur an den Bildschirmen verfolgt. Als wollte jemand der Menschheit den Takt vorgeben. Ein globaler Moment.

Immer wieder mussten die Politiker, die seit Anfang der Woche auf der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Warschau tagen, auf die CNN-Nachrichten aus den Philippinen starren. Der Leiter der philippinischen Delegation trat in einen Hungerstreik, bis dass die Verhandlungen zu einem Ergebnis führen würden. Nur – welches? In Warschau wird bereits über Schadensersatzregeln gesprochen, die vertraglich festgehalten werden sollen: Wenn der Kohlendioxidausstoß der Industriestaaten in anderen Teilen der Welt Katastrophen verursacht, liegt es nahe, die Schuldigen zur Kasse zu bitten.

Auf den ersten Blick ist das eine plausible Idee. Allerdings ist der Zusammenhang zwischen CO₂-Ausstoß und extremen Stürmen bisher nicht ausreichend erforscht. Und es existiert ein Gegenargument: Je anspruchsvoller die Anforderungen an einen Klimavertrag, desto geringer die Chance, dass er eines Tages verabschiedet, ratifiziert und hinterher beachtet wird. Weshalb, so geht die Diskussion in Warschau, es vielleicht besser wäre, den gefährdeten Regionen zu helfen, sich für Katastrophen zu wappnen. Das hat etwas Defätistisches, aber wenn durch solche "Klimaanpassung", wie das Stichwort lautet, Not gemildert würde, wäre schon viel gewonnen.

Während in Warschau beraten wird, kann in Tacloban nicht einmal gehandelt werden. Sturm und Flut haben den Staat gleich mit weggewischt. "Es gibt kein Gesetz mehr, jeder schaut nur nach sich selber", sagt Reandino. Richard Gordon, Chef des philippinischen Roten Kreuzes, sagte der New York Times, dass ein für Tacloban bestimmter Hilfszug am Sonntag umkehren musste, weil er beinahe von einer Gruppe hungriger Menschen entführt worden sei.

Wo Chaos herrscht, kommen neue Killer: Krankheitserreger. Die Toten werden nicht bestattet; in Tacloban liegen sogar immer neue Leichen auf den Straßen, abgelegt von Obdachlosen, die auf der Suche nach Verwertbarem auf Tote stoßen. Ungefähr 10.000 Menschen starben in der sieben Meter hohen Flutwelle, die der Taifun in die Bucht von Tacloban drückte.

Bislang haben vor allem das Rote Kreuz und philippinische Organisationen Hilfe geleistet, seit Montag treffen auch internationale Helfer ein. Aber die Armut der Philippinen und ihre Geografie machen es den Helfern schwer. "In einem Archipel mit 800 bewohnten Inseln ist es schon in normalen Zeiten schwierig, eine Verwaltung aufzubauen", sagt Berthold Leimbach von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Manila. Vor zwei Jahren habe die Regierung die Katastrophenhilfe dezentralisiert, damit die Lokalregierungen besser Hilfe leisten können. Doch der Supertaifun hat die Verwaltung einfach ausgeknockt. Internet- und Mobilfunknetze sind tot; immerhin hat die Regierung einige Stationen aufgestellt, an denen die Leute telefonieren oder ins Netz gehen können. Es bilden sich Schlangen, die Wartenden müssen stundenlang anstehen.

Besonders die Bewohner der kleineren Inseln, namentlich im Westen des Archipels, werden wohl noch Wochen auf Hilfe warten müssen, obwohl auch ihre Existenzgrundlagen zerstört wurden. Ihr Sterben ist noch nicht vorbei, nur wird die Welt davon kaum erfahren.

Naturkatastrophen sind ein furchtbarer Test für die Politik. Die philippinische Regierung macht keine gute Figur. Sie schickt Militär nach Tacloban, mit schneller Hilfe indes tut sie sich schwer. Und es kommen Fragen auf. Als der Taifun anrollte, hatte der Präsident Benigno Aquino die Bewohner niedrig gelegener Gebiete aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen, Evakuierungen ordnete er indes nicht an. Er lässt den Vorwurf an sich abperlen, Manila habe nicht aus dem Beispiel Bangladesch gelernt, das vor neun Jahren verheert wurde. Das südasiatische Land braucht heute dank vieler Evakuierungszentren und eines guten Warnsystems Wirbelstürme kaum noch zu fürchten.

Mitarbeit: Frank Drieschner, Sebastian Herting, Gero von Randow