Badachschan, eine Provinz im Norden Afghanistans, ist bekannt für sanfte, golfplatzähnliche Hügel, schroffes Gebirge, guten Honig, friedfertige Menschen, Drogenhandel und Schmugglerwege ins Ausland. Die Provinzhauptstadt Faisabad ist klein und für gewöhnlich sehr ruhig.

Nicht an diesem Nachmittag: Vor dem Palast des Gouverneurs demonstrieren etwa 200 Leute und werfen wütend Steine auf das Gebäude.

Am Abend zuvor war ein mächtiger Mann mit großem Konvoi durch die Stadt gefahren, von einer Hochzeit zu seinem Haus. In einer engen Gasse kam ihm ein Auto entgegen, und dessen Fahrer, ein Ingenieur, wollte der Kolonne nicht ausweichen. Der Mächtige stieg aus, der Ingenieur stieg aus, und die beiden stritten sich um die Vorfahrt. Dann ging der Mächtige zu seinem Auto, holte von der Rückbank eine Kalaschnikow und erschoss den Ingenieur. So erzählen es sich die Leute.

Der mächtige Mann war der Sohn von Nasir Mohammed, Faisabads Bürgermeister. Er kam davon. Deshalb sind die Leute vor dem Palast so zornig. Irgendwann verspricht ihnen der Gouverneur: Wir werden den Mann verhaften. Morgen.

"Das ist unmöglich", sagt mir mein Übersetzer. "Es ist der Sohn des Bürgermeisters."

Nasir Mohammed verdient Geld mit Waffen- und Drogenhandel, letztes Jahr haben seine Leute auf die Bodyguards des Polizeichefs geschossen. Nasir gehört nicht zu den Taliban, aber gelegentlich hilft er ihnen. Die Bundeswehr, die von 2004 bis 2012 in Faisabad stationiert war, wusste davon. Sie arbeitete trotzdem mit ihm zusammen, schon bevor er 2010 Bürgermeister wurde.

Artur Schwitalla war sieben Monate lang Kommandeur des Camps und hat über diese Zeit ein Buch geschrieben, in dem auch Nasir vorkommt, abgekürzt als "NM" oder "SM". "Im Umkreis von hundert Kilometern" sei er der größte Kriminelle gewesen. Schwitallas Vorgänger habe ihm dennoch "als Dank für die gute Zusammenarbeit" eine Flasche Wodka geschenkt und er selbst – am 18. Jahrestag des sowjetischen Abzugs – 20 Dosen Bier. Immer wieder hätten Bundeswehrärzte Nasir und dessen Leute behandelt.

Nasir stand lange auf einer Liste von "Hochwertzielen", Spezialkräfte hätten ihn "im Bedarfsfall" ausschalten können. Schwitalla riet davon ab, er wollte die Stabilität in Badachschan nicht gefährden. Stattdessen hatte die Bundeswehr 80 von Nasirs Männern als Wachen für das Feldlager engagiert. So war dieser stets über die Bewegungen der Soldaten informiert.

In einer Studie des Afghan Analyst Network heißt es, als das Lager von 2005 bis 2007 mehrfach mit Raketen beschossen wurde, seien die Deutschen davon ausgegangen, dass Nasir die Angriffe veranlasst hatte, um mehr Wachleute unter Vertrag zu bringen.

"So machen es alle hier: Wer heute mein Partner ist, ist morgen vielleicht mein Gegner. Aber nur so erzielt man Wirkung!", beendet Artur Schwitalla das Kapitel über Nasir. "Um die eigene Truppe zu schützen, war mir jedes Mittel recht."

Einen Tag nach der Demonstration hat die Polizei vier Checkpoints in Faisabad errichtet. Nasirs Sohn ist geflohen. Der Gouverneur sagt den Leuten: Gebt mir noch drei Tage, dann werde ich ihn verhaften.

Am Abend des dritten Tags händigt Nasir seinen Sohn der Polizei aus. Er wird verhaftet. Kommandeur Schwitalla lag falsch: Nicht alle hier machen es so wie er.