Es blieb buchstäblich kein Stein auf dem anderen im Spätsommer 1879, und der Komponist jammerte: "Keinen Takt habe ich behalten." Er war ein kleiner tschechischer Bratscher mit einer kompositorischen Luxusbegabung, doch nun hatte er ein Violinkonzert geschrieben, sein einziges, und es dem leibhaftigen TÜV zu Füßen gelegt, einem weltberühmten Geiger, der kein Erbarmen zeigte. Zu viel Orchester! Zu wenig geigerische Bravour! Viel zu fett instrumentiert! Der prominente Gutachter schlug zahllose Änderungen vor, die der Komponist artig einarbeitete. Die retournierte Neufassung ließ der Zensor zwei Jahre lang unbesehen auf dem Schreibtisch liegen, bevor er abermals zur Schere griff und abermals einschneidende Korrekturen verlangte. Da wurde es dem Komponisten dann doch zu bunt, er sprach ein Machtwort. Zur Strafe hat der Guru vom TÜV das Stück nie öffentlich gespielt.

Von den Künstlern Antonín Dvořák und Joseph Joachim ist hier die Rede, vom Rencontre eines aufstrebenden Komponisten mit der Geigen-Instanz des 19. Jahrhunderts. Richtigen Streit hatten die beiden nie, eher fochten sie einen systemischen Konflikt aus: Dvořák sehnte sich nach dem berauschend intensiven Dialog zwischen Violine und Orchester, einem Funkenflug der Kommunikation, einem Meer der Stimmungen und Farben. Joachim hingegen stand der Sinn mehr nach einsam und wirkungssicher schmachtenden Kantilenen und einer stratosphärischen Brillanz des Solisten. Ginge es nach ihm, sollte das Orchester brav auf dem Teppich bleiben.

Diese alte ästhetische Differenz hat den Ruhm von Dvořáks a-Moll-Violinkonzert bis heute behindert: Das Werk gilt als rassig, aber viele namhafte Virtuosen spielen doch lieber Tschaikowsky, Beethoven, Brahms, Paganini, Prokofieff, Bruch, ja selbst Camille Saint-Saëns oder Jean Sibelius. Auch Anne-Sophie Mutter hat um das Dvořák-Konzert lange einen Bogen gemacht und es gar nicht erst ausgepackt, nun aber tritt sie an, sämtliche Vorurteile zu widerlegen. Für ihr klingendes Thesenpapier – und um nichts Geringeres handelt es sich bei ihrer Aufnahme – versichert sie sich der allerbesten Anwälte, mit denen sie seit den seligen Zeiten Herbert von Karajans keine Platte mehr aufgenommen hat: der Berliner Philharmoniker.


Was dabei herauskommt, ist Duell, fürsorgliche Umklammerung und furioses Klassentreffen zugleich. Hier gibt es kein Pardon, niemand schenkt dem Partner etwas, doch dabei geht es nie um die Demonstration von Überlegenheit, sondern stets um herzliche Verbundenheit: Alle wollen sich von ihrer besten Seite zeigen, alle kämpfen für Dvořák, jeder mit seinen Mitteln. Das Ergebnis überwältigt schlichtweg: Auch weil die Philharmoniker keinen flauschigen Teppich ausbreiten, sondern ein herb-wildes Gemälde malen, vor dem sich die Solistin fabelhaft abhebt. Manfred Honeck am Pult balanciert die Dynamik exzellent aus.

Vor allem aber ist dieses Stück wie für Anne-Sophie Mutter komponiert. Sie kann hier nach Herzenslust auftrumpfen, weinen, kokettieren, glühen. Zuweilen mag sie eine eigentümliche Art zu schmachten haben, als hätte sich ein Stück parfümierte Seife auf ihr Griffbrett verirrt. Und wo sie ganz einfach sein sollte (etwa im zweiten Satz, adagio ma non troppo, mit seinen unschuldigen Phrasen), macht sie nach bester Mutter-Manier gern auf raffiniert. Aber viele Gelegenheiten für solche Verirrungen hält die Partitur des Konzerts nicht bereit, und was die Deutsche in den Ecksätzen an geigerischer Extraklasse, an Doppelgriffen, die wie brennende Laserschwerter durchs Orchester fahren, und an furios anspringendem Temperament ausgießt, das ist phänomenal. Ihre schönste Platte seit Langem. Was sicher auch an Karajans Enkeln im Orchester liegt.

Antonín Dvořák: Werke für Violine und Orchester
Anne-Sophie Mutter, Berliner Philharmoniker unter Manfred Honeck (DGG)