Unvorstellbar wären für ihn offene Briefe und anschließender Hungerstreik gewesen, mit denen gerade die inhaftierte Pussy-Riot-Sängerin Nadeschda Tolokonnikowa protestiert hat. Und ebenso wenig konnte er der Weltpresse alle halbe Jahre Interviews geben, so wie es heute dem Gefangenen Michail Chodorkowski gestattet wird. Warlam Schalamow war zum Schweigen verdammt, so wie Millionen anderer seiner Leidensgefährten im Gulag. Der 21-jährige Student war 1929 von Stalins Geheimpolizei das erste Mal verhaftet worden, zwei Jahre Zwangsarbeit folgten. 1937 von seinem Schwager denunziert, begann für ihn die Lagerhölle, die bis 1951 dauerte: im äußersten Nordosten Sibiriens, an der Kolyma, wo die Häftlinge in der Eiseskälte wie die Fliegen starben, durch Entkräftung und Erschießen.

Im Idyll des Berliner Literaturhauses in der Fasanenstraße wird jetzt Schalamows Leben gegen das Grauen in einer sehenswerten Ausstellung gezeigt. Es gibt ja zwei Wunder, die in seinem Fall immer wieder unbegreiflich sind: Er schaffte es zu überleben, und er schaffte es, das Schweigen zu brechen, indem er später darüber schrieb. Seine Erzählungen aus Kolyma, die in der Sowjetunion nur im Samisdat kursieren konnten, sichern ihm heute einen Platz neben Solschenizyn, Semprun und Kertész. Altrussisch ist gleichsam seine Herkunft gewesen: Wir sehen Fotografien seiner Heimatstadt Wologda und seines Vaters, eines orthodoxen Priesters. Und wir sehen die Denunziationsschreiben von zwei Kommilitonen, die Schalamow später in Moskau wegen seiner unproletarischen Eltern anschwärzten. Jahrzehnte später hat er seine frühen Jahre in autobiografischen Texten verarbeitet; die soeben innerhalb der zu Recht gefeierten deutschen Gesamtausgabe seiner Schriften erschienen sind (Das vierte Wologda. Erinnerungen; Matthes & Seitz, Berlin 2013; 558 S., 34,90 €).

Die Ausstellungsmacher haben die Archive durchkämmt; eine Epoche des Terrors entsteht vor unseren Augen in Wort und Bild. Auch die Moskauer Hochhäuser sind für ihn Wachtürme, so Schalamows geniale Metaphorik von 1965. Der KGB hat ihn bis zu seinem Tod 1982 nicht aus den Augen gelassen, wie Überwachungsfotos dokumentieren. Das Lieben habe er im Lager verlernt, schrieb er später. Seine Frau durfte ihm nicht an die Kolyma schreiben, diese Beziehung scheiterte nach der Entlassung, wie andere auch. Ungebrochen allerdings blieb Schalamows Wille zum Schreiben: Nach der Haft schickt er aus Sibirien dem verehrten Boris Pasternak eigene Gedichte – um dessen ziemlich kritische Antwort 1952 irgendwo abzuholen, fuhr er 1000 Kilometer per Hundeschlitten und Anhalter. Pasternaks langer, ehrlicher Brief war der Glücksmoment seines Lebens. Graphit heißt Schalamows Text von 1967, gewidmet seiner wirkungsvollen Waffe: Mit Tinte würden zwar die Erschießungslisten abgezeichnet – das Vergessen des Schreckens verhindere jedoch der Bleistift.

Bis 8. 12., Di–So 13–19 Uhr, Eintritt frei; ab 23. 1. in Heidelberg. Der großartige Katalogband von Wilfried F. Schoeller ist bei Matthes & Seitz erschienen und kostet 24,90 €