Vor einem Jahr schickte Stephan Dorgerloh Philipp Oswalt schon einmal vor die Tür des Bauhauses Dessau. Gerade hatten Sachsen-Anhalts Kultusminister und der Chef der Stiftung Bauhaus mit mehreren Bundesländern eine Kooperationsvereinbarung für das 2019 anstehende Jubiläum 100 Jahre Bauhaus unterzeichnet. Es herrschte sichtlich Hochstimmung – beim Aufstellen für die Fotografen vor dem Gebäude wurde viel gelacht.

Kritik an Oswalt, der die Stiftung seit 2009 leitet, gab es damals nicht. Im Gegenteil, alle gingen davon aus, dass der Direktor bleibt. Noch zu Jahresbeginn soll der Stiftungsrat eine Vertragsverlängerung bis Ende 2019 – also um zehn Monate mehr als üblich – befürwortet haben, um nicht mitten im Jubiläumsjahr einen Wechsel herbeiführen zu müssen. Das Kultusministerium ließ extra bei der Stiftungsaufsicht prüfen, ob das zulässig sei. Im Sinne der Kontinuität sei eine solche Verlängerung geradezu geboten, lautete die Antwort.

Groß ist daher die Verwunderung darüber, dass Oswalt nun schon im Februar 2014, nach einer Amtszeit, gehen soll. Das ist freilich nicht verboten. "Früher gab es solche Stellen lebenslang. Gut, dass sich das geändert hat", sagt Christoph Stölzl, Präsident der Musikhochschule Weimar und Vorsitzender des Freundeskreises Bauhaus Dessau. "Aber die guten Sitten sind einzuhalten." Das heißt: Bereits 2012, als man noch fröhlich feierte, hätte die Stelle ausgeschrieben werden müssen, um sie rechtzeitig wieder zu besetzen. "Jetzt noch jemanden zu finden, der im März antritt, wäre ein göttliche Fügung, und die gibt es nur in der Oper", sagt Stölzl. "Im Hinblick auf das Jubiläum ist das keine gute Sache." Zumal kein Grund für den plötzlichen Sinneswandel bekannt ist. "Wir haben die Arbeit von Philipp Oswalt immer positiv bewertet", sagt die Chefin des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung, Franziska Bollerey. Per offenem Brief rief Stölzl Minister Dorgerloh und den Stiftungsrat zur Besonnenheit auf: "Das Bauhaus ist nicht irgendeine nachgeordnete Behörde, wo kurzfristig fliegender Wechsel stattfinden könnte oder wo es keine Rolle spielt, ob man sie kürzer oder länger kommissarisch leiten lässt."

Dem Stiftungsrat, in dem Vertreter des Landes, des Bundes und der Stadt Dessau sitzen, scheint das einerlei zu sein. Lediglich der Verkehrsminister Sachsen-Anhalts und der Oberbürgermeister der Stadt Dessau teilten auf Anfrage mit, dass man mit Oswalt gut und kooperativ zusammenarbeite. Kulturstaatsminister Bernd Neumann und Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer hingegen verweigerten ebenso wie mehrere Landespolitiker eine Antwort. Ist den Politikern das Bauhaus, in dessen glänzendem Ruf sie sich sonst auch international gern sonnen, egal?

War Oswalt wirklich ein Mann für die Provinz?

Nun ist Philipp Oswalt nicht eben ein unkomplizierter Mensch. Der 49-Jährige ist Künstler und Architekt mit eigenem Büro in Berlin und einer derzeit ruhenden Professorenstelle an der Universität Kassel. Seine Berufung ans Bauhaus im Jahr 2009 war nicht unumstritten – war Oswalt wirklich ein Mann für die Provinz? Wer mit ihm zu tun hatte, wundert sich noch heute über manchen Auftritt des Direktors, der nicht frei von Allüren war. Oswalt scheint bisweilen über den Dingen zu schweben, geht manchen auf die Nerven und mischt gern auch jenseits des Bauhauses Debatten auf, etwa als er einer der verbissensten Gegner des Berliner Stadtschloss-Neubaus war. Man habe sich oft gefragt, heißt es in Magdeburg, ob der Mann in seiner eigenen Welt lebe.

Eines aber attestieren ihm fast alle: Oswalt hat das Bauhaus Dessau wieder zum Leben erweckt. Er sei der erste Direktor, der sich mit seiner Kultureinrichtung gegenüber der Stadt und der Region geöffnet habe, sagen Dessauer Unternehmer. "Unter seiner Regie ist es gelungen, das Bauhaus international wieder ins Rampenlicht zu setzen", schreiben 80 Kunst- und Kulturschaffende aus aller Welt in einem offenen Brief an den Stiftungsrat. Oswalt habe die Stiftung aus einem Zustand gerissen, "der mit Dornröschenschlaf nur unzureichend verharmlosend beschrieben" sei, meinte die Mitteldeutsche Zeitung.

Auf Oswalts Habenseite stehen: mehr Gäste, mehr Ausstellungen, die Rekonstruktion der Meisterhäuser, die öffentliche Präsentation der Bauhaus-Sammlung, der erfolgreiche Kampf für den Neubau des Besucherzentrums, die Herausgabe des Magazins bauhaus, die Vorbereitung des Jubiläums und nicht zuletzt Aufsehen erregende Studien wie jene mit dem Titel Raumpioniere in ländlichen Regionen zur demografischen Lage der Republik (ZEIT Nr. 15/13).