DIE ZEIT: Über Astrid Lindgren ist viel geschrieben worden. Nun legen Sie eine weitere Biografie vor. Was erfahren wir Neues über die Autorin?

Birgit Dankert: Ich erzähle erstmals von der düsteren Seite ihrer Persönlichkeit. Alles, was über Astrid Lindgren geschrieben wurde, hat natürlich seine Berechtigung. Das gilt für die frühen Biografien wie die von Margareta Strömstedt, die von Lindgren sehr persönliche Dinge erfahren hat. Das gilt aber auch für die vielen wohlmeinenden Erinnerungen, die 2007 zu ihrem 100. Geburtstag geschrieben wurden. Trotzdem muss man elf Jahre nach ihrem Tod eine andere Bewertung ihres Lebens zulassen.

ZEIT: Welche sind denn diese düsteren Seiten?

Dankert: Es ist vor allem ihre Kindheit, die von vielen als paradiesisch betrachtet wird. Es gibt einen berühmten Satz von ihr: "Und wir spielten und spielten, sodass es das reine Wunder ist, dass wir uns nicht zu Tode gespielt haben." Der Satz ist immer freundlich interpretiert worden, nach dem Motto: Mann, haben die toll gespielt! Es kann einen dabei aber auch frösteln.

ZEIT: Warum? Weil hier das Kinderspiel mit dem Tod verbunden wird?

Dankert: Genau, und es zeigt, dass eine depressive Veranlagung und die Arbeit als Kinderbuchautorin sich nicht ausschließen. Bei einem Georg Büchner setzt man voraus, dass er gelitten hat. Bei einer Frau, die heitere Kinderbücher schreibt, kann man sich das nicht vorstellen. In Gesprächen mit Kollegen und Freunden von Astrid Lindgren kam das aber häufig zur Sprache: dass kein Zugang zu ihr möglich war, dass man froh war, ein Manuskript zu erhalten. Selbst ihre Herzlichkeit wirkte zuweilen bemüht. Sie sah es wohl als Teil ihrer Arbeit, als Autorin stets freundlich zu sein.

ZEIT: Wieso hat das in dieser Deutlichkeit bisher noch keiner formuliert?

Dankert: Astrid Lindgren war eine Meisterin darin, sich hinter ihren Büchern zu verbergen. Über die wahre Herkunft ihres Sohnes hat sie fast nie geredet. Die meisten Biografen wollten außerdem zeigen, was für eine herausragende Dichterin sie war und wie wichtig Kinderliteratur ist. Das muss heute keiner mehr beweisen.

ZEIT: Sie haben Astrid Lindgren noch persönlich kennengelernt. Wie wichtig ist eine solche Begegnung für eine Biografin?

Dankert: Kennengelernt ist übertrieben. Wir sind uns 1978 begegnet, als sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam. Ich war damals 34 Jahre alt und gerade zur Vorsitzenden des Arbeitskreises für Jugendliteratur gewählt worden. Astrid Lindgren und ich haben miteinander gesprochen, hatten darüber hinaus aber keinen Kontakt. Das Treffen war für mich ein Highlight, aber meine Legitimation, diese Biografie zu schreiben, speist sich daraus nicht.

ZEIT: Woraus speist sie sich dann?

Dankert: Ich habe mich mehr als 40 Jahre lang mit ihrem Werk beschäftigt und am Diskurs über Lindgren teilgenommen. Zum 100. Geburtstag habe ich an meiner Hochschule eine Datenbank zu Astrid Lindgren angelegt. Dafür habe ich wirklich alles gelesen, was auf Deutsch über sie erschienen ist: Fachliteratur, Veranstaltungshinweise, Internetseiten. Selbst die Erbengemeinschaft verweist auf diese Website.